12.02.2008
Schwuler Zombiefilm
Die Nacht der kopulierenden Toten
Von Tim StüttgenIn der Mitte der Berlinale-Woche angekommen, findet man sich beim üblichen Smalltalk in den üblichen Bars wieder, um das Übliche festzustellen: Der vorgebliche Glamour der Berlinale ist bemüht, die Massenabfertigung für ein A-Filmfestival störend. Und, genau, die Filmauswahl: Ziemliches Mittelmaß, insbesondere im Wettbewerb. Alles also wie immer, das mittelmäßigste Großfilmfestival der Welt - die Berlinale - ist wieder in der Stadt.
Aber noch ist es ja nicht vorbei. Noch einige Tage wird es so weiter gehen, dass man die außergewöhnlich sonnigen Festivaltage in dunklen Räumen verbringt. Immerhin kann man für heute, Dienstagnacht, schon vorhersagen, dass sich das endlich wieder lohnen wird: Im Kino wird heute die Nacht zum Tage und die Lebenden stehen von den Toten auf.
Bruce La Bruce, dessen so verspielter wie melancholischer Zombiefilm "Otto - Or Up With Dead People" heute seine Premiere feiert, weiß viel über die Schattenseiten des Kinos. Er ist dort quasi zu Hause. Und sein "Otto" ist ein klassischer Outsider-Film. Das hat sich auch im Zombiegenre, das er mit seinem neuen Film erstmals konsequent durcharbeitet, nicht geändert. Denn die Zombies sind schwul. In messerscharfen Schwarzweiß-Bildern sieht man sie durch die Straßen Berlins schleichen und sich zu kleinen Gruppen formen. Vom libidinösen Hunger getrieben, fallen sie über einander her und reißen sich die Gedärme raus. Oder schlafen miteinander. Oder machen beides auf einmal.
Berlin ist kein ungewohntes Pflaster für Bruce La Bruce. Seit Jahren ist er in dieser vielfältigen und internationalen Schwulen- und Kunstszene unterwegs, macht Ausstellungen und Filme. Mit dem Berliner Produzenten Jürgen Brüning formt er ein Team, das das queere Kino verändert hat. Ein Ergebnis war der schwule Postporno-Film "Raspberry Reich", eine Agitprop-Komödie über eine schwule RAF, die die Heterolangeweile des bundesdeutschen Raumes homosexualisieren will.
Sexuelle Befreiung? Übermorgen!
Zwischen den Befreiungsbemühungen der sexuellen Revolution und dem Geist der politisierten Queer-Bewegung schufen sie ein Manifest, das sich die Mittel des Pornos für eine militante politische Ästhetik aneignete. Dahinter versteckte sich zwar eine Menge Ironie - aber auch der Anspruch, sowohl den heute oft apolitischen Schwulenkontext, als auch die Ignoranz der konservativen Linken zu kritisieren, die Fragen sexueller Befreiung unverbindlich auf Übermorgen verschiebt.
Diese doppelte Skepsis hat La Bruce immer zu einem außerordentlichen Autorenfilmer gemacht, der es versteht, sich Ambivalenzen auszusetzen. So arbeitet er seit langem an einem Entwurf von schwulem Avantgarde-Porno, dessen Themen auch die Homoerotik von Naziskins (Skin Flick, 1999) oder alte Mythen von Strichern verarbeitet. Letzteres tat er besonders sehnsuchtsvoll in seinem Klassiker "Hustler White" (1996), in dem Supermodel und Ex-Lover Tony Ward die Hauptrolle spielte und zum Fetisch des von La Bruce selbst verkörperten Filmemachers wurde.
Doch wirklich zu Hause gefühlt hat La Bruce sich in der Welt des Pornographischen nie. Zwar wurde sein dieses Jahr am Berliner Hebbel-Theater aufgeführtes Theaterdebüt "Cheap Blacky" auch wegen seiner Sexyness und den 68er-Zitaten der sexuellen Befreiung umjubelt, doch sein neuer Film spricht eine andere Sprache und zieht im Vergleich zu den sexuellen Eskapaden, die seine Filme früher prägten, reflektiert Fazit.
Deswegen hat er in "Otto" die Figur Medea Yarn (Katharina Klewinghaus) erschaffen, eine Avantgarde-Filmemacherin, die in Andenken an die Experimentalfilmlegende Maya Deren obskure Experimentalfilme dreht. Ihr neuer soll ein Zombiefilm sein. Der bluthungrige Untote steht dort als Metapher für den unstillbaren Konsumhunger in einer Gesellschaft des Krieges und der schwule Zombie steht für Außenseitertum und Nichtintegrierbarkeit - eine letzte Bedrohung des normativen Volkskörpers. Medea selbst ist eine tragische Figur, die ohne großes Budget von einem radikalen Kino träumt, das es so nicht mehr gibt. Oder von ihrer wundervollen Liebhaberin Hella (Susanne Sachße), die auch schon gestorben ist und nur in Stummfilmszenen der Erinnerung wieder lebendig wird.
Heimatlos, ziellos, gegenwartslos
Wie in den großen selbstreflexiven Werken des modernistischen Kinos, Godards "Die Verachtung" oder Fellinis "Achteinhalb", ist "Otto" ein Film über das eigene Schaffen. Videoclipkunst und der frühe Expressionismus vermischen sich, wie auch die beiden Körpergenres Horror und Porno. Ein wahrer Eklektizismus zwischen langen stillen Einstellungen voller sinnlicher Farbe, wie man sie aus asiatischen Kunstfilmen oder Videoinstallationen kennt, und schwarz-weißen Abgrund-Bildern.
Obwohl das Ergebnis verspielt ist, ist "Otto" ein melancholischer Film, der auch vom Altern handelt, und vom Verfall makelloser Körper und schöner filmischer Oberflächen. Daran ändert sich auch nichts, dass die Figur Otto (Jey Crisfar) ein junger Schönling ist, denn er ist zu sonderbar für diese Welt, heimatlos, ziellos, gegenwartslos. Nur weil er zu oft auf der Straße zusammen geschlagen wird, entscheidet er sich, sich für Medeas Zombiekunstfilm casten zu lassen. Dass er wirklich ein Zombie ist, und für ihn diese Position wenig Aufregendes bietet, ist das typisch Doppelbödige, das man oft in den Filmen von Bruce La Bruce spürt.
Erst sieht es revolutionär aus, dann noch cool und sexy, aber eigentlich ist es schon verdorben und verloren. Treffender kann man die Entwicklung einer Idee von einem anderen Leben und einer politischen Avantgarde-Ästhetik, bis zu ihrer Ankunft in Trends und Hypes der Massenkultur und schließlich ihr Dahinvegetieren in Nischen und Träumen von gestern nicht beschreiben. Man kann sie höchstens anders verpacken und mit Fingerspitzengefühl wieder von den Toten erwecken. Diese Kunst beherrscht Bruce La Bruce wie wenige Filmemacher der Gegenwart.