15.02.2008
Berlinale-Tagebuch
Drei Göttinnen und eine Reliquie
Von Wolfgang HöbelNatalie Portman und Scarlett Johansson sind in der Stadt, loben sich bei der Berlinale-Pressekonferenz sehr anmutig gegenseitig über den grünen Klee, aber sie sollten heute Abend auf dem roten Teppich auf der Hut sein: Die überirdisch grellen Scheinwerfer vor und im Berlinale-Palast lassen die Berühmten nicht immer als magische Wesen erscheinen. Manchmal beleuchten sie die Stars auch in schwachen Momenten - die natürlich umso unvergesslicher sind. Nehmen wir die aparte britische Schauspielerin Kristin Scott Thomas: Sie spielt im französischen Wettbewerbsbeitrag "Il y a longtemps que je t'aime" ("Ich liebe dich seit langer Zeit") eine Frau, die fünfzehn Jahre im Gefängnis saß. Und kam für die Welturaufführung des Films am späten Donnerstagabend extra nach Berlin auf den roten Teppich.
Sie lächelte auf ihre kühle, ein bisschen herbe Art, gab artig Autogramme und posierte mit ihrer süßen jungen Mitspielerin Elsa Zylberstein für die Fotografen. Dann ließ sie sich von ein paar Berlinale-Mitarbeitern die Treppe hoch geleiten und bekam einen großen schwarzen Filzstift überreicht, damit sie das übliche Riesenporträt im Foyer des Berlinale-Palasts signieren konnte. Nur: Es war kein Scott-Thomas-Bild da! Es hing zwar sehr groß ein Foto des Regisseurs Philippe Claudel an der Wand und daneben eins von Frau Zylberstein, aber keines von ihr! Die junge Frau, die Scott Thomas den Filzstift in die Hand gedrückt hatte, wies auf das Zylberstein-Bild, als wolle sie ernsthaft vorschlagen, dass der Star dort unterschreibe. Kristin Scott Thomas aber schüttelte befremdet den Kopf und gab den Stift zurück.
Sicher hat irgendwer eine Entschuldigung für die Panne parat, vermutlich kam die Britin ja total überraschend. Aber als man den Film dann gesehen hatte (Frau Scott Thomas war noch während der Vorstellung mithilfe eines Mitternachtsflugzeugs zu Dreharbeiten nach Großbritannien abgereist), fand man die Sache doch ein wenig skandalös: Kristin Scott Thomas spielt da auf so sagenhaft packende Art eine Frau jenseits aller Hoffnung, mit kummergeränderten Augen und müdem Blick, mit harten, schroffen Bewegungen, dass ihr die jede Huldigung gebührt (es darf auch ein Bär für die beste Schauspielerleistung sein).
Dabei ist das Storygerüst von Autor und Regisseur Philippe Claudel für "Il y a longtemps que je t'aime" eher übersichtlich; die aus dem Gefängnis entlassene Heldin wird nach langer Isolation im Gefängnis in der Familie ihrer nett blauäugigen kleinen Schwester aufgenommen, tastet sich zögernd in ein neues Leben und verrät ganz am Ende, aus welchem (all die Jahre verschwiegenen) Grund sie ihren Sohn umgebracht hat. Aus Mitleid: Er war todkrank.
Altmodisch epische Behäbigkeit
Die Wahrheit des Kinos liegt aber nicht in der Originalität der Story, sondern in der Eigentümlichkeit des Blicks. Und da ruht sich Claudels Kamera vertrauensvoll in Scott Thomas' Gesicht aus, auf ihrem Zurückweichen vor Männer-Berührungen, dem hastigen Kuss auf die Wange eines kleinen Mädchens. Der Film des als Schriftsteller erfolgreichen Regiedebütanten Claudel ist als Thriller eher eine Enttäuschung, als Psychodrama einer unheilbar verletzten Frau ist er ein tolles Schauspiel.
Die Ruhe und Sprödigkeit des Claudel-Film ist dem Gedröhne des aufrechten polnischen Nationalepos "Katyn" krass entgegengesetzt. In fast jeder Szene sieht man diesem außerhalb der Festivalkonkurrenz startenden Film des großen alten Andrzej Wajda an, dass er ein historisches Trauma aufarbeitet: die Ermordung von rund 22.000 polnischen Offizieren, Künstlern, Wissenschaftlern im Wald von Katyn unweit von Smolensk durch russisches Militär im April 1940 (das Massaker wurde, wie viele aus dem Geschichtsunterricht wissen, von Stalin und seinen Nachfolgern jahrzehntelang den Deutschen angelastet).
Die penibel und hinterrücks per Kopfschuss verrichteten Morde zeigt Wajda, lange und drastisch realistisch, erst am Ende. Er legt seinen Erzählfaden in einer Spirale aus, bis er zum Grauen im Zentrum gelangt. Er lässt die Bewohner des von den Nazis besetzten Krakau über die Todeslisten von Katyn verzweifeln, er schildert den späteren Versuch der sowjetischen Kriegsgewinner, schon die Erwähnung des Massakers brutalstmöglich zu verhindern. Wajda schwelgt in einer altmodisch epischen Behäbigkeit und setzt auf schwer symbolische Bilder. Die erste Szene des Films zeigt polnische Frauen, Kinder und alte Leute, die von zwei Seiten auf eine Brücke drängen. Die einen haben die Deutschen im Nacken, die anderen die Russen: keine Rettung nirgends, das ist die Lage.
Wenig später sieht man eine vom Kreuz heruntergeschossene, dornengekrönte Christusfigur, die mit einem polnischen Offiziersmantel bedeckt wird. Es wird andächtig gebetet und eine polnische Fahne zerrissen. Und wenn der Film im Nachkriegs-Krakau anlangt, spaziert eine tapfer für die Aufdeckung der Wahrheit und die Ehre der Toten kämpfende Frau überdeutlich an einem Theaterplakat vorbei, das für "Antigone" wirbt. So bebildert Wajda seinen Geschichtsunterricht mit mythischen Überhöhungen und erspart dem Zuschauer das Denken. Das ist nicht unsympathisch, aber nervig ist es schon, zumal seine Schauspieler fast stets so seelenvoll blicken, als habe der inbrünstig zelebrierte Katholizismus sie nicht bloß fromm, sondern auch ein bisschen dumm gemacht. Einmal sagt einer der Helden über die Hinterlassenschaft eines Toten von Katyn, was dem einen als Beleg der Fakten diene, das sei für den anderen ein Reliquie. Eine Reliquie möchte auch Wajdas Film selber sein.
Schmachtfetzen mit Austattungs-Schmonzes
Sehr viel profaneren (aber gleichfalls grausamen) Geschichtsstoff präsentiert der Regisseur Justin Chadwick ins seinem prachtvoll besetzten Historiendrama "The Other Boleyn Girl" (deutscher Titel: "Die Schwester der Königin"). Er läuft in Berlin ebenfalls außer Konkurrenz im Hauptprogramm und kommt Anfang März in die Kinos. Scarlett Johansson und Natalie Portman sind die Kinder eines ehrgeizigen Landadeligen, der seine beiden Töchter als Gespielinnen des englischen Königs Heinrichs VIII. an den Königshof verschachert - und dieses zynische Match um Macht und Reichtum scheint die beiden Mädchen zunächst durchaus zu faszinieren. Nur ihre Mutter ist klug und von Anfang an dagegen; was kein Wunder ist, wird sie doch von der taffen Kristin Scott Thomas gespielt.
"Die Schwester der Königin" ist ein Schmachtfetzen, in dem sich Portman und Johansson natürlich allerliebst in üppige Kostüme und glitzerndes Geschmeide quetschen lassen, als müsse man die schönsten Aus- und Ankleide-Szenen von Erfolgsfilmen wie "Das Mädchen mit dem Perlenohrring" oder "Marie Antoinette" unbedingt auf britischem Boden nachstellen. Aber der Film des Regisseurs Justin Chadwick erzählt dann doch auf ziemlich raffinierte Art die Geschichte zweier schwesterlicher Rivalinnen, die damit endet, dass einer der beiden der Kopf abgeschlagen wird.
Portmans Anne Boleyn ist eine auf Pferderücken einherdonnernde, gegen die höfischen Etikette verstoßende, ihre Verführungskraft wie eine Waffe einsetzende Frau; Johansson als ihre kleine Schwester Mary wirkt dagegen erst mal wie eine drollige Marionette im Intrigenspiel der Männer. Die Überraschung des Films besteht darin, dass mal die eine, mal die andere die Oberhand (und das Herz des Königs respektive des Publikums) gewinnt. Und trotz allem Austattungs-Schmonzes, trotz ohrenbetäubend trappelnder Pferde und jauchzender Musik sind es allein die Darstellerinnen Portman und Johansson, die den Zuschauer wirklich in Bann ziehen. Sind hier ja auch zwei der tollsten jungen Frauen im Weltkinos überhaupt am Werk. Hoffentlich werden sie abends um halb acht auf dem roten Teppich von den Berlinale-Machern auch nett behandelt.