15.09.2011
Psychodrama "Über uns das All"
Falsches Glück
Von Daniel SanderMartha und Paul lieben sich, so viel ist klar. Ein nettes, junges Akademiker-Ehepaar in Köln, sie Lehrerin, er Mediziner vor seiner ersten Anstellung. Unendlich vertraut gehen sie miteinander um, machen ständig kleine Späße, auch beim Sex, und trotzdem haben sie sich die Leidenschaft bewahrt. Perfektes Glück.
Paul soll in Marseille als Arzt anfangen, Martha freut sich auf ein Leben im Süden. Er fährt vor, sie will eine Woche später nachkommen. Doch kurz nach seiner Abreise stehen zwei Polizistinnen vor ihrer Tür. Mit ein paar Worten nehmen sie Martha ihre Illusion vom gemeinsamen Glück. Paul ist nicht mehr da. Und so wie sie ihn kannte, gab es ihn nie.
Jan Schomburgs Spielfilmdebüt "Über uns das All" erzählt von einer Frau, der man den Boden unter den Füßen wegreißt, doch die hält sich mit aller Macht daran fest. Martha (Sandra Hüller, "Brownian Movement") versucht zunächst hilflos, die Wahrheit über Paul (Felix Knopp) herauszufinden, wer er wirklich war, warum er alle belogen hat. Aber als sie feststellt, dass es nichts bringt, dass ihn niemand kannte, beschließt sie, dass sich ihr Glück nicht einfach in Luft auflösen darf.
Sie lernt einen anderen Mann kennen, den Dozenten Alexander (Georg Friedrich, "Mein bester Feind"), er wird die Leerstelle füllen. Er streicht sich die Haare aus dem Gesicht, wie es auch Paul immer gemacht hat. Er lacht über ihre Witze. Er könnte sich sogar vorstellen, nach Marseille zu gehen. Martha lebt ihren Traum vom Glück nahtlos weiter. Der neue Mann darf nur nicht erfahren, dass es einen alten gab.
Rätselhaft und offen
"Über uns das All" ist ein erstaunlicher Film. Als er in diesem Jahr auf der Berlinale in der Panorama-Sektion seine Premiere feierte, war auf dem Festival schnell von einem Geheimtipp die Rede, den man unbedingt gesehen haben muss. Tatsächlich hätte der Film eigentlich in den offiziellen Wettbewerb gehört. Es gab lange keinen deutschen Film, schon gar nicht von einem Debütanten, der seinem Publikum so viel zutraut, ohne es zu Tode zu langweilen.
Ein Autorenfilm, der die Figuren reden und sie dabei auch noch echt klingen lässt; der Tempo hat und - kaum zu glauben - sogar Humor; der in den Kopf will und sich für den Umweg über das Herz nicht zu schade ist. Schomburg erzählt eine traurige Geschichte, ohne sich im Elend zu suhlen und die unendliche Hoffnungs- und Sinnlosigkeit des Seins zu beschwören, wie das einige seiner Kollegen gerne tun.
Es hilft natürlich, eine Hauptdarstellerin wie Sandra Hüller zur Verfügung zu haben, die es immer versteht, das Innerste ihrer Figuren freizulegen. Und zwei Schauspieler wie Georg Friedrich und Felix Knopp, zwei völlig unterschiedliche Typen, die es trotzdem begreiflich machen, warum der eine der logische Nachfolger des anderen ist.
Ein spannender, bewegender Film, gleichzeitig rätselhaft und offen, mit einer seltsamen und seltenen Herzlichkeit. Ein kleines Wunder.
Über uns das All. Start: 15.9. Buch und Regie: Jan Schomburg. Mit Sandra Hüller, Georg Friedrich, Felix Knopp.