26.02.2012
Oscar-Tipps
Zweite Wahl, aber erste Sahne!
Absolut Oscar-würdig: Michelle Williams in der Titelrolle von "My Week with Marilyn"
In ihrer bisherigen Kinokarriere sah sie meistens wie die nette kleine Schwester von Veronica Ferres aus. Viel spitze Nase, Pausbacken, kleines Kinn, so spielte Michelle Williams mit 13 in einer Kino-Neuverfilmung von "Lassie", mit 24 ein Landei in dem Welterfolg "Brokeback Mountain" und mit 29 eine an ihrer Liebe verzagende Ehefrau in "Blue Valentine". Für die Rolle der Marilyn Monroe ist Williams, jetzt 31, eine unwahrscheinliche Besetzung. Und doch spielt sie diese Rolle so sensationell, dass ihr dafür unbedingt der Oscar gebührt.
"My Week with Marilyn", ein Film von Simon Curtis, ist sowieso ein Marilyn-Film gegen alle Wahrscheinlichkeiten. Ein Film, der selbst Leute verzückt, denen die Monroe und ihr Mythos sonst absolut schnuppe sind. Leute wie mich. Mit Charme und Witz und Herz wird hier erzählt, wie Marilyn Monroe 1956 nach England reist und mit Sir Laurence Olivier (Kenneth Brannagh) einen blöden Kostümfilm namens "Der Prinz und die Tänzerin" dreht. Wie sich der kluge, eitle, alte europäische Superstar mit der verwirrten, unsicheren, jungen, gerade frisch verheirateten Amerikanerin duelliert. Es geht um das ABC der Schauspielkunst, um Sex und um Nervenkrieg.
Geschildert wird die Geschichte aus der Sicht eines jungen, vom Kino begeisterten Studio-Laufburschen (Eddie Redmayne). Quasi durch seine Augen sehen wir, was Michelle Williams aus Marilyn macht: ein bedauernswertes, aber auch umwerfendes Zauberwesen; eine Frau, die ihre Ausstrahlung rücksichtslos einsetzt und zugleich deren Opfer ist; eine manisch Verzweifelte, verletzlich und verletzend, komisch und depressiv, kindisch und göttlich. Williams macht das Rätsel Marilyn Monroe lebendig. Ab 19. April ist dieses Rätsel in den deutschen Kinos zu bestaunen. Wolfgang Höbel