18.05.2012
Sextourismus-Film "Paradies: Liebe"
Sand im Getriebe
Aus Cannes berichtet Andreas BorcholteGleich die erste Einstellung, mit der der österreichische Regisseur Ulrich Seidl seinen neuen Film eröffnet, wirkt irgendwie grotesk: Eine Gruppe Menschen mit Trisomie 21 sitzt abfahrbereit in knallbunten Autoscooter-Wagen auf dem Rummelplatz - dann geht es los, das große Zusammenbumsen. Und von der Bande aus feuert eine mittelalte, blonde, sehr resolute und ziemlich in die Breite gegangene Betreuerin ihre Piloten an: Teresa (Margarethe Tiesel), Hauptfigur des Films "Paradies: Liebe".
Teresa ist alleinstehende Mutter einer molligen, faulen Teenager-Tochter und angeödet von ihrer Alltagstristesse. Als nächstes sieht man sie an einem traumhaften Strand in Kenia - Urlaub unter der Sonne ist angesagt, in einem dieser typischen Club-Hotels, wo die bleichen Ankömmlinge mit dem Grundwortschatz kenianischer Verständigung ausgestattet werden: Jambo heißt "Hallo", Hakuna matata heißt "Kein Problem". Alles easy. Und wer weiß, vielleicht ist ja auch ein Sex-Abenteuer mit einem der feschen, jungen, durchtrainierten Afrikaner drin.
Und so kommt es dann auch: Zunächst zögerlich und gehemmt, dann aber angefixt von ihrer lebenslustigen, mit Dreadlocks ausgestatteten Freundin Inge, lässt sich Teresa mit dem attraktiven Beach Boy Munga (Peter Kazungu) ein, der sie - zum ersten Mal seit Jahren - sexuell befriedigt. Teresa ist verliebt, und Munga zieht ihr das Geld aus der Tasche: Hier ein paar tausend kenianische Schilling für die vermeintliche Schwester in Not, da ein paar hundert für die Cousine mit der schlecht ausgestatteten Dorfschule. Als Teresa erkennen muss, dass ihr Loverboy sich nur überwindet, mit ihr zu schlafen, um an ihre Kohle zu kommen, und die Schwester eigentlich seine Ehefrau ist, kommt es zum Eklat am Strand: Wütend und enttäuscht prügelt sie auf den Kenianer ein. Der wehrt sich nicht, stattdessen winselt er ein bisschen erbärmlich vor sich hin.
Die Rache der weißen Frau
Ulrich Seidl, der vor fünf Jahren in Cannes seinen schonungslosen Sexhandel-Film "Import/Export" im Wettbewerb zeigte, kehrt mit einem nicht minder kontroversen Thema an die Croisette zurück. Durchaus mitfühlend deckt er auf, welche postkolonialistischen Mechanismen beim sexuellen Austausch zwischen saturierten Europäerinnen und hungrigen Kenianern wirken. Dabei nimmt Seidl Teresas Suche nach Liebe durchaus ernst - zeigt aber trotzdem schmerzhaft auf, dass echtes Gefühl in diesem Konstrukt der Sex-Ökonomie keinen Platz hat.
Die Rache der weißen Frau erfolgt in einer quälend langen Sequenz gegen Ende des Films, als ein gespenstisch dauergrinsender Jüngling für Teresa, Inge und zwei weitere Sugar Mamas aus Österreich tanzen und strippen muss. Wie abgetörnt der Schwarze davon ist, von den Frauen wie ein Sexsklave herumkommandiert zu werden, ist nicht zu übersehen. So sehr sie sich mit ihren Massen barbusig an ihm reiben, er kriegt keinen hoch. Angewidert beobachtet der Zuschauer auch die Szene, in der sich Damen dekadent in der Sonne wälzen, während hinter einem Zaun die verfügbaren Loverboys lungern und auf ihren Einsatz als Liebesdiener warten.
Das ist leider das Problem des Films: Seidl erzählt im erstem Teil der bereits abgedrehten "Paradies"-Trilogie in immer gleichen Ekelbildern vom immer gleichen Punkt, den er bereits früh hinreichend deutlich gemacht hat. Teresa stolpert mit all ihrem Frust und all ihrer Verzweiflung ja doch nur von einer erbarmungslosen Ökonomie in die nächste: Daheim misst sich ihr Marktwert an Figur und Attraktivität, hier in Afrika eben am Geldbeutel.
Teil zwei, "Glaube", handelt von Teresas Schwester, einer katholischen Missionarin, Teil drei, "Hoffnung", von Teresas Tochter, die im Diät-Camp ihr Liebesglück sucht. Wie man hört, hatte Seidl angeboten, gleich alle drei Filme am Stück auf dem Festival zu zeigen, was Programmchef Thierry Frémaux offenbar ablehnte. Vielleicht sollte man ihm dafür dankbar sein. Es reicht, erst einmal diese eine Packung verdauen zu müssen.

