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23.02.2013
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Filmreife Kino-Desaster

Oh, Mist - 20 Millionen Dollar versenkt

Von Roland Huschke
Fotos
REUTERS

Wenn ein Superstar Nacktszenen ausschließt, Mega-Egos aufeinander krachen oder der Geldgeber kalte Füße kriegt, hilft oft auch kein Oscar-Ruhm mehr. Selbst vielfache Preisträger mussten schon Filme beerdigen: Marlon Brando, Roman Polanski, Peter Jackson. Eine Galerie des Scheiterns.

"Divine Rapture"

Auf seine alten Tage war Marlon Brando (Oscar 1954 und 1972) nur schwer zur Arbeit zu bewegen. Doch im Juli 1995 hatte er es nach Irland geschafft, um in der Komödie "Divine Rapture" einen Priester zu spielen, der an das Wunder der Wiederauferstehung zu glauben beginnt, als eine Frau ihrem Grab entsteigt. Einige Wochen verlief der Dreh glatt. Doch dann platzten die Schecks für die lokale Crew - Finanziers aus Los Angeles hatten dem Team ein Millionenbudget nur vorgegaukelt. So starb "Divine Rapture" einen jähen Tod, und Brando verließ die grüne Insel - samt eines vorab gezahlten Gagenanteils von geschätzt einer Million Dollar. Empfindlicher traf es viele Bewohner des Dorfes Ballycotton, die auf ihren Rechnungen sitzenblieben. So wie ein Pubbesitzer. Der aber nahm's mit Humor und ließ als kleine Touristenattraktion einen Grabstein errichten. Inschrift: "R.I.P. 'Divine Rapture'".

"The Man Who Killed Don Quixote"

Als Vorzeige-Desaster gilt der Dreh von "The Man Who Killed Don Quixote", der durch die Doku "Lost in La Mancha" berühmt wurde. Sie zeigt, was alles schieflaufen kann bei den ja nie ganz planbaren Produktionen in der Traumfabrik Hollywood: biblisch anmutende Stürme pusten die Kulissen weg, die Macher müssen ständig um Geld feilschen. Danach wundert man sich, dass überhaupt Filme zu Ende gedreht werden. Erwischt hatte alles Pech der Welt im Jahr 2002 mal wieder Terry Gilliam, der schon für "Baron Münchhausen" und "Brazil" viele Kämpfe ausfechten musste - da aber noch erfolgreich. Dieses Mal verlor der ewige Träumer. Dennoch hat Gilliam noch nicht aufgegeben, Robert Duvall (Oscar, 1983) soll die Hauptrolle spielen. Aber mit den Jahren wird's halt nicht leichter, für so ein Krisenprojekt Geld zu bekommen, wie Duvall in einem Interview einräumte. Und auf einer Fan-Website wirbt Gilliam um Unterstützung. Ein Kampf gegen die Windmühlen?

"The Double"

John Travolta war auf der Höhe seiner "Pulp Fiction"-Popularität und konnte 15 Millionen Dollar pro Rolle verlangen, als er im Juni 1996 nach Paris flog, um mit Roman Polanski (Regie-Oscar, 2002) zu drehen - eine moderne Komödie nach Dostojewskis Erzählung "Der Doppelgänger". Ursprünglich war Jack Nicholson für die Rolle vorgesehen, der Polanski auf die Idee gebracht hatte. Er musste aber wegen Terminproblemen absagen. Kaum hatte der Ersatzmann französischen Boden betreten, ging der Ärger los. Einige berichteten von Nacktszenen, die Polanski nachträglich ins Drehbuch hineinschrieb - doch sein Star wollte sich offenbar partout nicht entkleiden. Aus anderen Quellen hieß es, Polanski habe Travolta nicht zu dessen krankem Sohn nach Hause fahren lassen wollen. Die Egos krachten jedenfalls aufeinander, und Travolta schmiss wenige Tage vor Drehbeginn hin. "The Double" konnte nie mehr gerettet werden. Knapp 20 Millionen Dollar - versenkt. Deswegen verpflichtete sich Travolta, bald einen anderen Film für die betroffene Firma zu drehen. Sie wartet bis heute.

"Broadway Brawler"

Auf der Leinwand hat er die Coolness für gewöhnlich patentiert. Doch dass Bruce Willis auch höchst hitzköpfig sein kann und sich gern mit ungelittenen Regisseuren duelliert, zeigt eine Leiche im Karriere-Keller: "Broadway Brawler". Rund drei Wochen dauerte im Februar 1997 der Dreh der romantischen Komödie, in der Willis einen ramponierten Hockeyspieler geben sollte. Dann wurden auf einen Schlag die Regisseurin Lee Grant (Oscar 1975 und 1986), der Kameramann und die Kostümdesignerin gefeuert. Willis, der das 28-Millionen-Dollar-Projekt produzierte, war unzufrieden mit dem Team. Vorwarnungen? Keine. Ersatz? War auf die Schnelle nicht zu finden. Die Finanziers zogen den Stecker. 17 Millionen Dollar hatte der Film da laut "Los Angeles Times" schon verschlungen, den Willis - trotz anderslautender Ankündigungen - nie wieder angerührt hat.

"Halo"

"Nein", sagt Peter Jackson (drei Oscars, 2004) schulterzuckend, wenn man ihn nach "Halo" fragt, "keiner hat sich entschuldigt. Aber sie haben gratuliert, als 'District 9' ein Erfolg wurde. Ein größeres Fehler-Eingeständnis kann man in Hollywood nicht erwarten." Natürlich, als das von Jackson produzierte Sci-Fi-Wunderwerk "District 9" in der Welt war, schwärmte jeder vom südafrikanischen Debütregisseur Neill Blomkamp. Doch wenn es nach dem Neuling und seinem Entdecker gegangen wäre, hätten die beiden bereits Jahre zuvor die Branche verblüfft. Im Jahr 2006 waren sie von Universal und Fox für eine Verfilmung des Video-Game-Klassikers "Halo" angeheuert worden. Nach monatelanger Arbeit mit Vorproduktion, Casting und Arbeiten am Computer- und Bühnendesign kam der Schock: Blomkamp wurde höflich gefeuert. Zu unerfahren für einen Blockbuster, hieß es. "Von wegen unerfahren", seufzt Jackson noch Jahre später. "Neills Vision für den Film war phantastisch. Leider wurden wir als Zuschauer der vielleicht besten Videospieladaption aller Zeiten beraubt."

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Go for Gold!: Die wichtigsten Oscar-Filme 2013

"At the Mountains of Madness"

Seit Monaten hatte das Studio die Prestige-Produktion vorangetrieben. Alle Beteiligten liebten das Drehbuch. Regisseur Guillermo del Toro hatte für sein Traumprojekt sogar den Stuhl bei "The Hobbit" geräumt, James Cameron (drei Oscars, 1997) sollte produzieren. Trotzdem kam an einem Morgen im März 2011 der Anruf: Universal Pictures stoppte "At the Mountains of Madness", einen Film nach der literarischen Vorlage von Horror-Großmeister H.P. Lovecraft. Für ein dreistelliges Millionenbudget sei solch ein Horrorprojekt doch zu riskant. Implodiert waren damit auch die Wahnwelten, an denen del Toro privat über Jahre gearbeitet hatte. Er wollte einen Blockbuster mit der Stimmung von "Der Exorzist" schaffen. Doch der Vorsatz, nur für Erwachsene zu drehen, wurde ihm zum Verhängnis. Obwohl Universal seit dem ersten Termin mit del Toro wusste, dass sein Film nicht für wohligen Familiengrusel geeignet sein würde. Del Toro wandte sich dann "Pacific Rim" zu, einem Monsterfilm, der Mitte 2013 in die Kinos kommen soll. Freigegeben wohl auch für Kids.

"The Dark Tower"

Die Branche starrte gebannt auf das neue Geschäftsmodell. "Wenn das funktioniert, wäre das sicher auch etwas für unser Figuren-Universum", sagte etwa Marvel-Produzent ("The Avengers"), Kevin Feige, SPIEGEL ONLINE. Grund der Aufregung: Regisseur Ron Howard (zwei Oscars, 2002) wollte 2011 mit der Verfilmung von Stephen Kings Fantasy-Opus "Der dunkle Turm" beginnen. Wie bitte? Eine werkgetreue Kinoverfilmung von acht (!) Romanen?!? Ausgeschlossen. Es sei denn, so Howards Idee, man verpaart das Kino mit dem Fernsehen. Über drei Kinofilme und zwei TV-Serienstaffeln wollte er "The Dark Tower" erzählen - so episch, wie es in Hollywood noch kein Regisseur durfte. Mit Javier Bardem (Oscar, 2007) war bereits ein Hauptdarsteller und mit dem Sender HBO ein Partnersender gefunden - doch Universal Pictures zog zurück. Wohl aus Kostengründen. Als SPIEGEL ONLINE Howard am Set seines aktuellen Films "Rush" traf (Start im Herbst 2013), war er dennoch guten Mutes. "Javier ist leider aus dem Rennen, doch ich bin optimistisch, dass das Projekt noch Realität wird." Vielleicht hat er Grund dazu: Im Spätsommer 2012 hieß es, Media Rights Capital wolle das Finanzierungsrisiko eingehen. Warten wir's ab.

"Moneyball"

Wie bitte? "Moneyball"? Wieso "Moneyball"? Der Film steht hier zum versöhnlichen Abschluss, als Beispiel aus der Kategorie "gescheitert - und doch noch gerettet". Die Story um einen Baseball-Manager wurde im Jahr 2010 wenige Tage vor Drehstart mit Steven Soderbergh (Oscar, 2000) gestoppt. Erst unter der Regie von Bennett Miller ein Erfolg: Sechs-Oscar-Nominierungen im Jahr 2012!

Ein perfektes Happy End blieb dem Film jedoch versagt: Er ging völlig leer aus.

Forum

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insgesamt 40 Beiträge
1. Shit happens
abominog 23.02.2013
Vor ein paar Jahren bin ich mal Komparse gewesen, wollte auch mal einen kleinen Blick hinter die Kulissen der Filmbranche werfen, nachdem ich zuvor jahrelang Filmvorführer war. Polanski hat damals einen Film hier in D gedreht, [...]
Vor ein paar Jahren bin ich mal Komparse gewesen, wollte auch mal einen kleinen Blick hinter die Kulissen der Filmbranche werfen, nachdem ich zuvor jahrelang Filmvorführer war. Polanski hat damals einen Film hier in D gedreht, die Szenen spielten auf einer Fähre, die permanent zwischen zwei Inseln pendelte und dabei internationale Gewässer kreuzte, so dass die Produzenten sicherlich den einen oder anderen kleinen Steuervorteil nutzen konnten. Die Bezahlung als Komparse ist übrigens mies, im Endeffekt habe ich für diese Aktion draufgezahlt. Aber es ging mir dabei nicht ums Geld, vielmehr wollte ich einfach mal Ewan McGregor kennenlernen, den ich bereits aus zahlreichen Filmen kannte. Am Set herrschte leider striktes Kameraverbot, ein Fotograf hatte die Exklusivrechte. Polanski hat einen ziemlich beeindruckenden Job gemacht, oft spielte er Szenen höchstpersönlich vor. Obwohl Polanski ja nun wirklich nicht mehr der Jüngste ist, war sein Perfektionismus offensichtlich. Er hat sogar Stunts vorgespielt und Verletzungen riskiert, für ein Mann in seinem Alter ziemlich bemerkenswert. Auffallend war während der Dreharbeiten der enorme Aufwand, man konnte förmlich spüren, wie überaus kostspielig ein paar Sekunden Film sein können. Oft müssen Szenen wiederholt werden und man ist echt verblüfft, was so alles schiefgehen kann. Am Set herrschte irgendwie Multikulti in der Superlative, was die Dreharbeiten zu einer echten Herausforderung machten. Darüber hinaus spielte das Wetter oft genug nicht mit und so kam es natürlich zu Verzögerungen, die sicher den Etat enorm belastet haben. Dass dieser Film trotzdem irgendwann fertig wurde und in die Kinos kam, grenzt meiner Meinung nach an ein kleines Wunder und hat sicher auch etwas mit der ziemlich beeindruckenden Dynamik von Polanski zu tun. Ob der Streifen am Ende ein finanzieller Erfolg wurde, keine Ahnung. Ganz einfach weil ich die Einspielergebnisse nicht kenne. Ich partizipiere zwar in diesem Film, allerdings nur in einer winzigen Komparsenrolle. Obwohl ich Polanski und McGregor mehrfach begegnet bin, habe ich leider keine Gelegenheit gehabt, die Protagonisten näher kennenzulernen. Filme zu produzieren kostet mitunter ein kleines Vermögen und man kann sich vorher nie sicher sein, ob die Einnahmen später die Kosten kompensieren oder das Einspielergebnis lukrativ sein kann. Fragt bitte mal einen gewissen James Cameron, der bekanntlich auch schon Flops gedreht hat.
2. Fazit
abominog 23.02.2013
Trotz Urheberrechtsproblematik boomen die Kinos quasi überall hier im Land, ist es nicht so? Die Zukunft der Filmbranche ist rosig, auch wenn hin und wieder mal ein paar Flops gedreht werden und Raubkopien dieses Business ein [...]
Trotz Urheberrechtsproblematik boomen die Kinos quasi überall hier im Land, ist es nicht so? Die Zukunft der Filmbranche ist rosig, auch wenn hin und wieder mal ein paar Flops gedreht werden und Raubkopien dieses Business ein wenig beeinträchtigen. Wer etwas anderes behauptet, der lügt.
3. Deutschland Weltmeister
ditolin 23.02.2013
Deutschland ist Weltmeister im Verhindern von Filmen. Der Klüngel wird für jeden noch so niveaulosen Schrott mit Geld zugeschüttet und innovative Filmemacher ausgeschlossen. Hier werden Ideen im Keim erstickt. Die Filme, die in [...]
Deutschland ist Weltmeister im Verhindern von Filmen. Der Klüngel wird für jeden noch so niveaulosen Schrott mit Geld zugeschüttet und innovative Filmemacher ausgeschlossen. Hier werden Ideen im Keim erstickt. Die Filme, die in Deutschland jedes Jahr verhindert werden, schädigen die deutsche Kultur und die Filmlandschaft. Eine Entfilzung und Verhinderung von Zweckentfremdung - es geht eigentlich um Förderung neuer deutscher Filmkultur - ist überfällig.
4. "The Man Who Killed Don Quixote"...
kurosawa 23.02.2013
... eine sehr sehenswuerdige Doku. Letztendlich ist Gilliam ja weniger am Ego eines Stars gescheitert sondern an den Windmühlen der Bürokratie Spaniens.
Zitat von sysopWenn ein Super-Star Nacktszenen ausschließt, Mega-Egos aufeinander krachen oder der Geldgeber kalte Füße kriegt, hilft oft auch kein Oscar-Ruhm mehr. Selbst vielfache Preisträger mussten schon Filme beerdigen: Marlon Brando, Roman Polanski, Peter Jackson. Eine Galerie des Scheiterns. Kino: Die teuren Flops der Oscar-Preisträger - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/kino/kino-die-teuren-flops-der-oscar-preistraeger-a-852694.html)
... eine sehr sehenswuerdige Doku. Letztendlich ist Gilliam ja weniger am Ego eines Stars gescheitert sondern an den Windmühlen der Bürokratie Spaniens.
5.
Syrus 23.02.2013
Wenn man so etwas wissen möchte, ist imdb.com eine gute Adresse. Sieht für den "Ghost Writer" schlecht aus. Trotz positiver Kritiken stehen geschätzten Kosten von 45 Millionen nur etwas mehr als 15 Millionen als [...]
Zitat von abominogOb der Streifen am Ende ein finanzieller Erfolg wurde, keine Ahnung. Ganz einfach weil ich die Einspielergebnisse nicht kenne.
Wenn man so etwas wissen möchte, ist imdb.com eine gute Adresse. Sieht für den "Ghost Writer" schlecht aus. Trotz positiver Kritiken stehen geschätzten Kosten von 45 Millionen nur etwas mehr als 15 Millionen als Einspielergebnis gegenüber. Auch inklusive weiterer Verwertung per DVD, TV etc. dürfte der Film deutlich unter den Kosten geblieben sein. Der Ghostwriter (2010) - IMDb (http://www.imdb.com/title/tt1139328/)

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