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13.11.2012
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"Cloud Atlas"-Macher im Interview

"Wir waren die Familie, die niemand mochte"

REUTERS

Die Vorlage? Unverfilmbar. Die Schauspieler? Nur Stars. Bei "Cloud Atlas" gingen die "Matrix"-Macher und Tom Tykwer voll auf Risiko. Im Interview sprechen die transsexuelle Lana Wachowski, ihr Bruder Andy und ihr deutscher Regie-Kollege über Kitschfilme und den menschlichen Mann-Frau-Gorilla-Wahn.

SPIEGEL ONLINE: Lana und Andy, Sie haben über zehn Jahre lang keine Interviews gegeben. Warum tun Sie es jetzt?

Andy Wachowski: Wir sind nicht mehr zu zweit, Tom gehört jetzt zu uns. Wir hatten das Gefühl, wir sind es ihm schuldig - und unserem Film. Wir wollten den Film so lange wie möglich beschützen. Dafür mussten wir uns rauswagen.

Lana Wachowski: Die Beschreibung von uns als mysteriöse Schattengestalten ist eine Projektion. In Hollywood gelten Menschen, die nicht im Rampenlicht stehen wollen, als Sonderlinge. Viele Journalisten nahmen es persönlich, dass wir keine Interviews gaben.

Andy Wachowski: Als nähmen wir ihre Arbeit nicht ernst.

Lana Wachowski: Was nicht so ist. Wir hatten uns für Anonymität entschieden, weil sie uns sehr viele Freiheiten lässt. Wir lieben es, am normalen Leben teilzunehmen, mit Leuten zu reden, Leute zu beobachten, in einem Buchladen zu schmökern. Wir lieben das Egalitäre der Anonymität. Auf das zu verzichten, war ein großes Opfer.

Andy Wachowski : Wie Jungfräulichkeit.

Lana Wachowski: In "Cloud Atlas" gibt es einen Kernsatz: "Wäre ich weiter im Verborgenen geblieben, wäre die Wahrheit nie ans Licht gekommen." Es gibt die Chance auf eine bessere Welt, doch wir müssen mutig sein und uns für sie einsetzen. An die Öffentlichkeit zu gehen, ist Teil unseres Einsatzes.

SPIEGEL ONLINE: Im Roman "Cloud Atlas" erzählt David Mitchell Geschichten, die alle mehr oder weniger vom Kampf um Freiheit handeln - sechs Geschichten, die zu sechs verschiedenen Zeiten spielen. Wie haben Sie das in den Griff bekommen?

Tom Tykwer: Was David nacheinander erzählt, musste im Film parallel laufen, wir mussten Übergänge und Verbindungen schaffen. David hat gesagt, wir hätten sein Schloss aus Legosteinen auseinandergenommen und ganz neu zusammengesetzt. Ein kompletter Umbau.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben erzählt, dass Sie für jede Romanszene eine Karteikarte angelegt, sich auf den Boden gesetzt und die Karten hin und her geschoben haben.

Tom Tykwer: Wir haben immer wieder davon geredet, dass wir uns auf einem Spielplatz befinden. Wir waren uns nur nicht sicher, ob er für uns groß genug ist.

Andy Wachowski: Es war auch sehr meditativ. Tom hat das als Zen-Garten beschrieben. Der Höhepunkt des Tages war, wenn Lana am Ende die Karten nahm, in der Reihenfolge, die wir festgelegt hatten, und anfing, die Geschichte zu erzählen.

Lana Wachowski: Ein großes Spiel und zugleich eine extrem genaue Analyse des Romans. Wie eine super-akribische Magisterarbeit, die herauszufinden versucht, wie ein Kunstwerk funktioniert.

Tom Tykwer: Wie es von innen aussieht.

Andy Wachowski: Als hätten wir eine Uhr auseinandergenommen.

Lana Wachowski: Mehr noch, wir mussten den Roman bis in seine Elementarteilchen auflösen, um ihn wie über eine Infusion in uns aufzunehmen. Er musste Teil von uns werden.

SPIEGEL ONLINE: Sie und ihr Bruder haben ja schon als Kinder viel gelesen - oft die gleichen Bücher. Erzählen Sie doch mal.

Andy Wachowski: Ich war das jüngste von vier Geschwistern, wenn ich die Bücher bekam, waren sie völlig zerlesen. Oft fehlten Seiten, manchmal klebten sie auch zusammen.

Lana Wachowski: Warum wohl?

Andy Wachowski: Tja, warum wohl? Ich musste auch die Klamotten der anderen auftragen. Kein Spaß.

Lana Wachowski: Für mich war Lesen immer auch ein physischer Akt. Ich habe schon als Kind Passagen unterstrichen und Seiten eingeknickt, um sie zu markieren. Und manchmal, sorry Andy, fand ich das Geschriebene so schön, dass ich es rausreißen musste.

Andy Wachowski: Vielleicht hast du ja so meine Phantasie gefördert.

SPIEGEL ONLINE: Warum war Lesen so wichtig für Sie?

Andy Wachowski: Für mich waren das wunderschöne Reisen, auf denen ich unser Viertel hinter mir lassen konnte.

SPIEGEL ONLINE: Fühlten Sie sich in dem Viertel nicht wohl?

Lana Wachowski: Wir waren die Familie, die niemand mochte. Wir wohnten in einem irischen Viertel von Chicago - als Polen. Mein Vater war Atheist, meine Mutter war Künstlerin, sie malte. Wir hatten wenig Geld, weniger als die anderen Familien. Ich wurde als Kind oft verdroschen. Bücher waren für mich Fluchtwege in eine Welt voller Möglichkeiten, die vielleicht eines Tages Wirklichkeit werden könnten.

SPIEGEL ONLINE: Was lasen Sie denn so? Fantasy?

Lana Wachowski: Nein, eben nicht. Meine Klassenkameraden schwärmten alle von "Herr der Ringe", ich dagegen verschlang in "Die Elenden" von Victor Hugo. Frankreich, Revolution, Klassenkämpfe! Das war mein Stoff. Packend, weil es historisch war, real. Über "Herr der Ringe" rümpfte ich nur die Nase. Ich war ein ziemlich nerviges Kind.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Eltern nahmen Sie in "2001: Odyssee im Weltraum" oder "Harold und Maude" mit. Nicht gerade Kinderfilme.

Lana Wachowski: Genau, und vielleicht der Grund, warum wir sie heute noch im Kopf haben. Wahrscheinlich wollen wir deshalb Filme machen, die nachwirken.

SPIEGEL ONLINE: In Mitchells Roman erzählt eine Journalistin von einem Interview mit Alfred Hitchcock. Auf eine ihrer Fragen habe er geantwortet: "Ich bin nicht das Orakel von Delphi, junge Dame, sondern ein Hollywoodregisseur."

Lana Wachowski: Ja, ein toller Satz.

Tom Tykwer: Haben wir auch gedreht, mussten wir am Ende aber rausschneiden. Wir mussten uns von so viel trennen.

SPIEGEL ONLINE: Sie drei wollen mehr sein als nur Hollywoodregisseure, nicht wahr?

Lana Wachowski: Vor allem wollen wir uns nicht mit Hitchcock messen. Aber klar, wir machen Filme nicht nur, um zu unterhalten.

Andy Wachowski: Filme zu konsumieren, so wie man Chips isst, ist völlig legitim. Nur nicht unsere Sache.

Lana Wachowski: Letztlich ist es doch wie bei Preston Sturges in "Sullivans Reisen", einem großartigen Film über Hollywood und über Kunst allgemein: Will man lieber "Oh, Brother Where Art Thou" drehen, das große, profunde Kunstwerk, oder stattdessen "Hey..."

Andy Wachowski und Tom Tywker: "...Hey in the Hayloft!"

Lana Wachowski: Das kitschige feelgood movie. Doch genau diese Denkweise, Filme so zu unterscheiden, ist falsch. Sturges' Film ist der Beweis: Große Kunst und zugleich glänzende Unterhaltung. "Sullivans Reisen" durchbricht die Kategorisierung, das wollen wir mit unseren Filmen auch.

Tom Tykwer: Bei allen großen Filmen kommen Instinkt und Reflexion zusammen. Ein Film, der bis ins Allerletzte durchdacht ist, nimmt dem Zuschauer die Chance, ihn sich selber anzueignen.

SPIEGEL ONLINE: Aber sind Sie bei "Cloud Atlas" nicht in der Gefahr, dies zu tun? Jeder Leser des Romans kann die Verbindungen zwischen den Geschichten selbst entdecken. Sie dagegen weisen die Zuschauer ständig auf Verbindungen hin, indem sie von einer Geschichte zur nächsten schneiden.

Andy Wachowski: Wir arbeiten die Verbindungen stärker heraus, aber es gibt sie schon im Buch. Der Name George, der in vielen Episoden auftaucht, ist so ein Bindeglied. Mitchell benutzt Motivketten. Wenn Sie sein Buch lesen, stellt der Cutter im Kopf die Zusammenhänge schon her.

Tom Tywker: Wir machen aus sechs Geschichten eine Erzählung, wir verlangen dem Zuschauer dabei eine Menge ab. Ich denke, wir müssen eine gewisse Orientierung geben. Der Film attackiert ohne Unterlass alle Erwartungen, auf übliche Weise eine Geschichte erzählt zu bekommen. Gleichzeitig muss er einen Fluss entwickeln, der mitreißt.

Lana Wachowski: Man könnte den Roman als Sammlung von Kurzgeschichten begreifen, die zusammenhängen. Unser Ziel war es, die Grenzen zwischen den Geschichten komplett aufzulösen, zwischen den Genres, in denen sie angesiedelt sind, zwischen den Zeitaltern, in denen sie spielen und zwischen den Figuren, die in ihnen agieren. Deswegen spielen unsere Darsteller auch mehrere Rollen, es sind Reinkarnationen derselben Figuren.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie denn an Wiedergeburt?

Andy Wachowski: Klar, schauen Sie sich meine Schwester an! Wir werden...

Lana Wachowski: ...jeden Morgen neugeboren.

Andy Wachowski: In unserem Film zwingen wir dem Zuschauer keine Weltanschauung auf.

Tom Tykwer: Aber wir zeigen, dass jeder Mensch sich grundlegend verändern, sozusagen eine Wiedergeburt im Kleinen vollziehen kann.

SPIEGEL ONLINE: Lana, Sie haben mal gesagt, Sie hätten ihr "Äußeres in Übereinstimmung" mit ihrem Inneren gebracht. Verstehen Sie vom Verhältnis zwischen Körper und Geist mehr als andere Menschen?

Andy Wachowski: Sie ist die größte Autorität auf diesem Gebiet.

Lana Wachowski: Verstehe ich davon mehr als Descartes? Wer will von sich schon behaupten, dass er von einem Thema mehr versteht als andere? Worunter Transsexuelle am meisten leiden, ist die pathologische Fixierung der Gesellschaft auf ein binäres System der Geschlechter. Doch die klare Trennung zwischen Mann und Frau ist eine Illusion. Zwischen den Geschlechtern gibt es ein breites Spektrum.

SPIEGEL ONLINE: Das haben Sie schon als Kind gemerkt?

Lana Wachowski: Ja, aber ich fand dafür keine Worte. Es ist hart, wenn die Mutter dich fragt: "Was stimmt nicht mit dir, Kleiner?" Und du guckst sie an, kannst aber dein Problem nicht mal benennen. Die Grenzen der Sprache sind die Grenzen unseres Lebens, hat Wittgenstein gesagt. Erst die Liebe meiner Familie und meiner Freunde hat mir geholfen, einen Platz in der Welt zu finden. Liebe ist die stärkste transformative Kraft.

SPIEGEL ONLINE: Viele Ihrer Mitarbeiter beschreiben Sie und Ihren Bruder als Einheit, "zwei Körper, ein Gehirn." Stimmen Sie dem zu?

Tom Tywker: Gar nicht!

Andy Wachowski: Gut, wenn wir uns mit dem Team treffen, sind wir alles x-mal durchgegangen, da vervollständigt der eine den Satz des anderen mühelos. Auf Außenstehende wirkt das vermutlich wie Telepathie.

Tom Tykwer: Aber ist das Ergebnis intensiver Kommunikation.

Lana Wachowski: Genau. Viele Menschen hängen noch einem sehr altmodischen Geniebegriff nach: Sie glauben, hinter jedem großen Kunstwerk stehe ein großer Geist. Eine hoffnungslos romantische Vorstellung: David Mitchell sitzt da in seinem Haus an der irischen Küste, es ist windumtost, und er gebiert seinen Roman.

Tom Tykwer: Bei Malern mag es so sein.

Lana Wachowski: Vielleicht. Beim Film aber nicht, Film ist eine soziale, hochgradig kollektive Kunst. Andy und ich haben unsere ästhetischen Vorlieben zusammen entwickelt, haben Rollenspiele erfunden, Comics gezeichnet. Kunst war für uns immer etwas, was man nicht allein macht.

Tom Tykwer: Deshalb war es unglaublich einfach für mich, Teil dieser kreativen Zelle zu werden. Ich konnte einfach mitspielen! Es gab nie Kräftemessen oder Eifersüchtelei. Die beiden sind es gewohnt, ihre Ideen zu teilen, weil sie wissen, dass sich Ideen so weiterentwickeln. So muss Film sein. Alle treten sich auf Augenhöhe gegenüber, es gibt nicht hier das Mastermind und dort die Helfershelfer. Jeder gibt seine individuelle Stärke in den Pool.

Lana Wachowski: Das Alphatier ist das Leittier unserer Kultur. Aber ich weiß nicht, ob wir uns an Gorillas messen sollten. Wenn wir uns an den Bonobos orientieren würden, bekäme uns das besser. Wenn deren Männchen aggressiv sind, kommen die Weibchen und haben Sex mit ihnen, um sie zu beruhigen. Die Muttertiere ziehen ihre Kinder zusammen auf, sie teilen, was sie haben. Ähnlich haben wir unser Kind "Cloud Atlas" großgezogen.

Das Interview führte Lars-Olav Beier

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insgesamt 9 Beiträge
1. ...
Derax 13.11.2012
^^ Und ich hab mich die ganze Zeit gefragt was der zweite Bruder macht, oder ob das die gleichen wie die Matrix Erschaffer sind.
^^ Und ich hab mich die ganze Zeit gefragt was der zweite Bruder macht, oder ob das die gleichen wie die Matrix Erschaffer sind.
2. Och menno...
ganta 13.11.2012
Da geben die schon ein Interview und Spon denkt nichtmal dran, sie wegen den neuen Matrix-Filmen zu fragen.
Da geben die schon ein Interview und Spon denkt nichtmal dran, sie wegen den neuen Matrix-Filmen zu fragen.
3.
inah. 13.11.2012
Die Themen eines Interviews werden oft von den Befragten vorgegeben und Fragen ausserhalb der Vorgaben dementsprechend abgewiegelt.
Zitat von gantaDa geben die schon ein Interview und Spon denkt nichtmal dran, sie wegen den neuen Matrix-Filmen zu fragen.
Die Themen eines Interviews werden oft von den Befragten vorgegeben und Fragen ausserhalb der Vorgaben dementsprechend abgewiegelt.
4.
frubi 13.11.2012
Neue Matrix-Filme? WTH? Der erste ist ein Meilenstein in der Geschichte des Films. Teil 2 und 3 sind aber eher etwas für die Mülltonne. Daher glaube ich nicht, dass ein 4ter, 5ter oder 6ter Teil die Kohlen aus dem Feuer [...]
Zitat von gantaDa geben die schon ein Interview und Spon denkt nichtmal dran, sie wegen den neuen Matrix-Filmen zu fragen.
Neue Matrix-Filme? WTH? Der erste ist ein Meilenstein in der Geschichte des Films. Teil 2 und 3 sind aber eher etwas für die Mülltonne. Daher glaube ich nicht, dass ein 4ter, 5ter oder 6ter Teil die Kohlen aus dem Feuer holen werden.
5.
a-mole 13.11.2012
ach ich dachte immer das mit der Geschlechtsumwandlung/ Transsexualität von Lana/ Larry war damals nur ein Gerücht. AUf jeden Fall schau ich mir CLoud Atlas an - ob im Kino oder auf BluRay schaun me mal - aber er sieht [...]
ach ich dachte immer das mit der Geschlechtsumwandlung/ Transsexualität von Lana/ Larry war damals nur ein Gerücht. AUf jeden Fall schau ich mir CLoud Atlas an - ob im Kino oder auf BluRay schaun me mal - aber er sieht vielversprechend aus

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Zur Person

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    Lana und Andy Wachowski galten lange Zeit als Hollywoods große Unbekannte. Mit ihrer "Matrix"-Trilogie revolutionierten sie das Kino, doch sie mieden die Presse und die Öffentlichkeit. Larry Wachowski, der ältere Bruder von Andy, begann vor zehn Jahren eine Geschlechtsumwandlung und heißt heute Lana. Zusammen mit dem Deutschen Tom Tykwer verfilmten die Geschwister David Mitchells Roman "Cloud Atlas".

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