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22.11.2012
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Politikerfilm "Der Aufsteiger"

Chef, du bist nicht greifbar!

Von Daniel Sander

Ehrliche Politik - geht das überhaupt? Das französische Polit-Drama "Der Aufsteiger" porträtiert einen Minister, der seine Ideale mit einem zwanghaften Erfolgsdrang zu vereinen versucht. Und scheitern muss.

Man kann Bertrand Saint-Jean (Olivier Gourmet) eiskaltes Kalkül vorwerfen oder seine Professionalität bewundern: Ein Reisebus ist nachts in den Ardennen von der Straße abgekommen, mindesten neun Menschen sind tot, sieben davon Jugendliche. Natürlich macht sich Saint-Jean als Verkehrsminister sofort auf den Weg zur Unfallstelle, per Helikopter. Er weiß, dass dort Chaos und Schrecken auf ihn warten, tote Kinder, Schwerverletzte, verzweifelte Angehörige. Und Kameras.

Saint-Jean sorgt sich ernsthaft um das Wohl der Verletzten, aber genauso sehr um die Frage, welche Krawatte ihm im Fernsehen besser steht. Jedes Wort muss sitzen, echte Trauer ausdrücken, Anteilnahme und Entschlossenheit. Dieser Unfall ist für ihn ein Alptraum wie für jeden anderen. Aber auch eine Riesenchance, die er unbedingt nutzen will.

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Politikerfilm "Der Aufsteiger": Aufrichtig falsch
Und das tut er. Nie können sich Politiker besser profilieren als in Krisenmomenten, und Saint-Jean präsentiert sich als Macher, ruhig, aber mitfühlend. Einer, dem man vertrauen kann. Auf einmal ist er nicht mehr der unscheinbare Bürokrat, für den ihn alle immer hielten, wenn sie denn überhaupt Notiz von ihm genommen haben. Nun ist er Hoffnungsträger. Kann seine Visionen für ein besseres Frankreich verwirklichen, wie er glaubt - oder glauben will. Aber was waren noch gleich seine Visionen? Und sind sie wirklich besser für Frankreich oder für die eigene Karriere?

Der Film "Der Aufsteiger" vom französischen Regisseur Pierre Schöller ("Versailles") ist der bemerkenswert geglückte Versuch, einen nüchternen, aber trotzdem unterhaltsamen Blick auf den Politikbetrieb zu werfen. Politiker sind im Kino normalerweise Witzfiguren, Bösewichte oder Lichtgestalten, aber der fiktive Minister Bertrand Saint-Jean ist entweder nichts von alledem oder alles zusammen.

Das Wichtigste für ihn sind Ehrlichkeit, Loyalität und Erfolg, aber er weiß auch, dass diese drei Dinge oft nicht zusammenpassen. Er ist strikt gegen eine Privatisierung der Bahnhöfe, aber wenn der Präsident dafür ist, hat auch er keine andere Wahl. Er liebt seine Frau aufrichtig, würde aber nie einen Termin für sie ausfallen lassen. Er sehnt sich nach Kontakt zu echten Menschen, aber als er wirklich einmal seinen Chauffeur zu Hause besucht und sich mit dessen Frau unterhält, wirkt er doch nur wie ein herablassender Snob.

Von einer Baustelle zur nächsten

Er ist gefangen in einem atemlosen Alltag. Er hat überhaupt keine Zeit, sich so lange mit einem Thema zu beschäftigen, dass er eine echte eigene Meinung dazu entwickeln könnte. Ihm bleiben nur sein Instinkt und der Rund-um-die-Uhr-Einsatz seiner Mitarbeiter.

Regisseur und Drehbuchautor Schöller verzichtet deshalb auch auf einen Handlungsschwerpunkt und reißt unendlich viele Themen an: den Unfall, die Bahnhofsprivatisierung, den Kampf gegen feindselige Parteifreunde, die Beziehung zur Ehefrau, den Besuch beim Chauffeur, die Ehrfurcht und den späteren Verrat des treuesten Beraters. "Der Aufsteiger" hetzt von einer Baustelle zur nächsten und zurück, so wie es auch sein Protagonist tut.

Auf Dauer zerfasert der Film dadurch etwas, immer wieder taucht ein neues Problem auf, um gleich darauf wieder zu verschwinden oder erst wieder aufzutauchen, wenn man es längst vergessen hat. "Dein Problem ist, dass du nicht greifbar bist, keine richtige Geschichte hast", sagt Saint-Jeans Presseberaterin (Zabou Breitman) einmal zu ihrem Chef, und ein bisschen trifft das auch auf den Film zu. "Der Aufsteiger" ist mal ernstes Drama und dann wieder absurde Farce, Polit-Thriller und Tragikomödie.

Das Schöne daran ist, dass der Film den Zuschauern auch nicht vorschreiben will, ob Bertrand Saint-Jean ein Held ist, ein Versager oder ein Arschloch. Wichtig ist einzig, und das vergisst man bei Politikern ja manchmal, dass er auch nur ein Mensch ist.


Der Aufsteiger. Start: 22.11. Regie: Pierre Schöller. Mit Olivier Gourmet, Zabou Breitman, Michel Blanc.

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