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02.12.2012
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Liebesfilm "Ruby Sparks"

Meine Freundin, die Marionette

Von David Kleingers
Foto: Twentieth Century Fox

In dem Indie-Film "Ruby Sparks" wird die auf Papier zusammenphantasierte Traumfrau eines Schriftstellers plötzlich Wirklichkeit. Was als Reflexion über Frauen als Projektionsfläche angelegt ist, fällt leider zu harmlos aus. Dafür ist Hauptdarstellerin und Drehbuchautorin Zoe Kazan eine Entdeckung.

"Literatur ist kein Brief an den Weihnachtsmann", dieser hübsche Satz fällt irgendwann in "Ruby Sparks". Damit sind verblüffend treffend die diversen kreativen wie moralischen Konflikte zusammengefasst, welche das Regie-Duo Jonathan Dayton und Valerie Faris in seiner übernatürlichen Tragikomödie umkreist. Dazu gehört natürlich auch die alte, mindestens seit der deutschen Romantik nicht totzukriegende Behauptung, künstlerisch wirklich wertvolles Schaffen müsse gefälligst mehr mit Leid denn mit Lust zu tun haben.

Hängt man dieser Vorstellung an, dann wäre Calvin Weir-Fields (Paul Dano) ein großer, weil vorbildlich leidender Schriftsteller. Wenngleich einer mit akuter Schreibblockade: Als Jugendlicher hat Calvin einen umjubelten Generationenroman veröffentlicht, doch heute ist das einstige Wunderkind von Selbstzweifeln geplagt. Liegt er nicht bei seinem Therapeuten (Elliot Gould) auf der Couch, sitzt er in einem aseptisch leergehaltenen Designhaus ratlos vor seiner antiquierten Olympia-Schreibmaschine. Doch eines Nachts begegnet Calvin im Traum einer jungen Frau (Zoe Kazan), die problemlos über seine Kommunikationsdefizite hinwegsieht und einen Flirt beginnt. Kaum aufgewacht, bringt Calvin wie im Rausch die Details dieses wundersamen Aufeinandertreffens zu Papier. Und er gibt der charmanten Unbekannten aus dem Unterbewusstsein einen Namen: Ruby Sparks.

Vignetten non-konformistischen Pärchenvergnügens

Damit reißt der Film - dessen Drehbuch von Hauptdarstellerin Zoe Kazan stammt - die Grenze zwischen Imagination und Alltagsrealität ein. Denn nachdem Calvin das Mädchen seiner Träume in Worte gefasst hat, manifestiert sich zunächst ihre farbenfrohe Unterwäsche und dann die literarische Gestalt selbst in seinem Wohnzimmer. Zunächst panisch, dann ungläubig und schließlich begeistert nähert sich Calvin der Erkenntnis an: Ruby ist wahr- und leibhaftig. Ihre Erinnerung entspricht den groben biografischen Federstrichen Calvins, der sie als ungebundene Lebenskünstlerin aus Dayton, Ohio skizzierte. Vor allem aber ist Ruby nicht gewahr, dass ihr eigentlicher Ursprung auf ein paar Manuskriptseiten in einer verschlossenen Schreibtischschublade zu finden ist.

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Liebesfilm "Ruby Sparks": Ganz wie Sie wünschen
Selbst Calvins anfangs skeptischer Bruder Harry (Chris Messina) muss diesen phantastischen Umstand akzeptieren, während Ruby den linkischen Calvin aus seinem Eremitendasein befreit: Calvin und Ruby kuscheln auf einem Zombiefilmfestival, tanzen zu Plastic Bertrands Wave-Klassiker "Ça Plane Pour Moi" und machen eben all diese fröhlich-bunten Dinge, die zeitgenössische Indie-Komödien ihrem Publikum gerne als non-konformistisches Pärchenvergnügen verkaufen.

Diese Glücksmomente sind süß und gefällig anzusehen, aber mithin reichlich langweilig. Dayton und Faris haben zuvor den konsensfähigen Publikumserfolg "Little Miss Sunshine" inszeniert, und bisweilen scheinen sie die düsteren Fußnoten der Geschichte verdrängen zu wollen. So wirken auch Nebenfiguren wie Calvins esoterisch bewegte Mutter und sein jovialer Stiefvater, routiniert gespielt von Annette Bening und Antonio Banderas, wie mit der Plätzchenform ausgestochen: Als niedliche und gehaltlose Beigabe sollen sie offenkundig für jene Lacher sorgen, die das traurige Grundthema des Films eigentlich nicht hergibt.

Die Sehnsüchte des anderen

Doch das Dramatische drängt - zum Glück für den Film - schließlich wieder in den Vordergrund. Denn je mehr die spontane Ruby mit der Außenwelt interagiert, desto eifersüchtiger zeigt sich Calvin. Bot Ruby anfangs eine dankbare Projektionsfläche für sein Bild einer idealen Frau, so emanzipiert sich diese nun zusehends von seinen Vorstellungen. Bis Calvin den fatalen Versuch wagt, Rubys Zuneigung und Treue durch einen weiteren Schreibakt zu erzwingen. Was als bizarres Marionettenspiel beginnt - Calvin tippt wütend seine Befehle, die Ruby willenlos ausführt - eskaliert in einer Form von mentaler Vergewaltigung, nach der es kein Zurück zur launigen Metafiktion mehr geben darf.

Was die unstete Regie in diesen prekären Szenen nicht herausarbeiten kann, leisten Zoe Kazan und Paul Dano mit ihrer Darstellung eines Paares in wechselseitiger Abhängigkeit. Kazan zählt spätestens seit ihrem berührenden Auftritt als junge Epileptikerin Ivy in "The Exploding Girl" (2009) von Bradley Rust Grey zu den großen Kinohoffnungen, und Dano hat es bislang geschafft, einer Festlegung auf den Rollentyp des anämischen Boyfriend/Nerd/Sidekick zu widerstehen. Zusammen sah man sie bereits in Kelly Reichardts spartanischem Post-Western "Meek's Cutoff" (2010), und hier spinnen sie als Calvin und Ruby zwischen den vielen Zeilen wortlose Bande, die letztlich über dramaturgische Schwächen des Films hinwegsehen lassen.

Dank ihnen hallen einige der Gedanken von "Ruby Sparks" im Gedächtnis des Zuschauers nach: Etwa ob Künstler ihre Kreationen nach Belieben manipulieren dürfen, oder diese nicht vielmehr autonom und losgelöst von den Befindlichkeiten ihrer Schöpfer existieren sollten. Oder warum es vielleicht ab und an einen - wenn auch nur metaphorischen - Tod des Autors braucht, um wider Narzissmus und egoistischer Wunscherfüllung die Sicht des Anderen zuzulassen. Aber ebenso, dass es in der Liebe wie in der Kunst beileibe nicht um Selbstlosigkeit geht. Sondern vielmehr um die Größe, auch den Sehnsüchten des Gegenübers eine Gestalt zu geben.

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insgesamt 3 Beiträge
1.
mwinter 02.12.2012
Danke, dass dieser Artikel nicht wieder zu einem Pamphlet des Männerhasses verkommen ist wie so viele in letzter Zeit. Genug "Projektionsfläche" bot sich hier ja durchaus, so dass ich beim Lesen des Titels und der [...]
Danke, dass dieser Artikel nicht wieder zu einem Pamphlet des Männerhasses verkommen ist wie so viele in letzter Zeit. Genug "Projektionsfläche" bot sich hier ja durchaus, so dass ich beim Lesen des Titels und der Zusammenfassung Schlimmstes befürchtete. Zum Glück scheint es doch noch seriöse Journalisten zu geben, die (noch) nicht von der radikalfeministischen Agenda vereinnahmt worden sind.
2. Solaris
frankanord 02.12.2012
Klingt nach 'nem Indiepop Remix von Lems Meisterwerk "Solaris". Jedenfalls fühlte ich mich daran erinnert. Dazu gibt's übrigens auch eine Verfilmung von Tarkovsky aus dem Jahre 1972. (Und eine Hollywoodversion mit [...]
Klingt nach 'nem Indiepop Remix von Lems Meisterwerk "Solaris". Jedenfalls fühlte ich mich daran erinnert. Dazu gibt's übrigens auch eine Verfilmung von Tarkovsky aus dem Jahre 1972. (Und eine Hollywoodversion mit McElhone und Clooney.)
3. Dafür ins Kino?
jerazi 14.12.2012
Als Comedy-Serie wäre der Stoff vielleicht unterhaltsam, so wie es "Bezaubernde Jeannie" war.
Als Comedy-Serie wäre der Stoff vielleicht unterhaltsam, so wie es "Bezaubernde Jeannie" war.

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Ruby Sparks - Meine fabelhafte Freundin

USA 2012

Regie: Jonathan Dayton, Valerie Faris

Buch: Zoe Kazan

Darsteller: Paul Dano, Zoe Kazan, Chris Messina, Annette Benning, Antonio Banderas, Aasif Mandvi, Elliott Gould

Produktion: Fox Searchlight Pictures, Bona Fide Productions

Verleih: 20th Century Fox

Länge: 104 Minuten

Start: 29. November 2012

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