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26.12.2012
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Oscar-Preisträger Ang Lee

"Illusionen sind wahrhaftiger als das Leben"

Mit "Life of Pi" hat Ang Lee einen als unverfilmbar geltenden Bestseller grandios auf die Leinwand gebracht. Im Interview erklärt der Oscar-Preisträger, warum er die Geschichte vom Schiffbruch mit Tiger nur in 3D drehen wollte und weshalb er gegen starke Widerstände des Studios kämpfen musste.

SPIEGEL ONLINE: Herr Lee, sind Sie eigentlich Buddhist?

Lee: Nur von hier an aufwärts (zeigt auf den Hals). Meiner Ansicht nach ist Buddhismus jedenfalls das Vernünftigste, wenn es um Religion geht, weil es dabei keinen erschaffenden Gott gibt. Man muss sich dem, was da ist, hingeben, sein eigenes Ego aufgeben. Aber ich bin kein praktizierender Buddhist.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass man keinem lebenden Wesen Schaden zufügen darf, weil es vielleicht wiedergeboren werden könnte?

Lee: Ja, das glaube ich. Trotzdem füge ich manchmal einem Tier Schaden zu, zum Beispiel wenn es ums Überleben geht. Ich glaube, der Wille zum Überleben kommt zuerst. Darum bin ich eben auch nur ein theoretischer Buddhist!

SPIEGEL ONLINE: In "Life of Pi" müssen sich ein Junge und ein Tiger auf einem einsamen Rettungsboot arrangieren. Glauben Sie, dass Tiere menschliche Gefühle verstehen oder nachfühlen können?

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Oscar-Preisträger Ang Lee: Der globale Geschichtenerzähler
Lee: Nicht wirklich. Ich glaube, dass Menschen schlauer sind. Bei unserem Tiger zum Beispiel geht es eher darum, dass wir ihn verstehen, dass wir sein Verhaltensmuster durchschauen, ihn eventuell imitieren. Wir müssen uns den Tieren nähern, nicht andersherum. Buddhismus heißt für mich, dass man alle Wesen gleich behandeln sollte, aus Demut heraus. Und auch, dass man Illusion genauso wichtig nehmen sollte wie die sogenannte Realität, die ja eh nur eine Reflexion der Illusion ist.

SPIEGEL ONLINE: Nehmen Sie Illusionen wirklich ernst?

Lee: Ich bin Filmemacher, klar mache ich das! Ich glaube, dass Illusionen großen Wert haben. Sie ergeben mehr Sinn, machen mehr Spaß - das Leben kann ein totales Chaos sein, aber Illusionen kommen ja aus dem Innersten heraus, man kann sie also organisieren, Geschichten aus ihnen basteln. Sie erscheinen mir sogar oft wahrhaftiger als das richtige Leben.

SPIEGEL ONLINE: Apropos wahrhaftig: Lügen gehören auch zu den Illusionen, oder?

Lee: Ja, auf jeden Fall.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie eine ehrliche Person?

Lee: Wäre ich gern. Aber manchmal geht das nicht, weil man ja mit anderen Menschen zusammenleben muss. Und Lügen gehört zu unserem allgemeinen Verhaltenscode nun einmal dazu. Dem füge ich mich. Trotzdem glaube ich, dass es wichtig ist, der Wahrheit immer ins Auge zu schauen, auch wenn sie deprimierend oder brutal ist. Beim Filmemachen versuche ich, so ehrlich wie möglich zu sein. Aber wo hört das auf? Manchmal bringt Wahrheit etwas Schreckliches ans Licht.

SPIEGEL ONLINE: In der Buchvorlage von Yann Martel geht es am Ende darum, ob die Geschichte wahr ist oder nicht. Haben Sie je darüber nachgedacht, das für den Film zu ändern?

Lee: Nein, und es war eine echte Herausforderung - nicht für mich, aber für das Studio! Sie ließen sich nur schwer überreden, so viel Geld für ein so vieldeutiges Ende auszugeben. Es hieß immer: Vielleicht kriegt man das hin, dass es zumindest oberflächlich eindeutig aussieht, dass vielleicht nur diejenigen ins Zweifeln kommen, die tiefer darüber nachdenken. Wir müssen doch einen Film machen, den man jedem zeigen kann! Doch es bestand für mich nie ein Zweifel: Dieses Ende, das alles in Frage stellt, ist die Essenz des Stoffs.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie überhaupt von dem Buch gehört?

Lee: Ich habe es vor einigen Jahren gelesen und fand es unglaublich, habe es direkt meiner Frau und meinen Kindern gegeben. Meine professionelle und persönliche Intuition sagte mir aber, dass man daraus keinen Film machen kann. Viel zu teuer, komisches Ende, und der dritte Akt ist kein bisschen kinofreundlich. Es entzaubert ja alles, was man vorher behauptet hat, und so etwas darf man mit dem Kinopublikum nicht machen! Weil die Zuschauer emotional involviert sind und schließlich gerade mit eigenen Augen diese realistischen Bilder gesehen haben. Aber dann bekam ich die Möglichkeit, das in 3D zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Dass der dritte Akt nicht kinofreundlich ist, wurde aber durch den Einsatz von 3D auch nicht anders...

Lee: Stimmt, aber es half trotzdem, vor allem bei der langen Ozean-Sequenz. Außerdem habe ich gehofft, dass die 3-D-unerfahreren Zuschauer durch dieses neue Erlebnis offener gegenüber einer neuen Erzählweise oder eben einer anderen Art von Ende werden. Es ist nicht so sehr die Technik selbst, sondern die Erfahrung, etwas Neues zu erleben.

SPIEGEL ONLINE: Pi stößt während seiner Reise auf eine Insel, die scheinbar Tiere und Menschen verzehrt. Können Sie die Bedeutung der Insel näher erklären?

Lee: Nein, das sollte ich lieber nicht tun. Das müssen Sie sich selbst überlegen! Ich kann nur sagen, dass mein Protagonist, als er auf der Insel ist, Gott ziemlich nahe ist. Ich habe übrigens auch Yann Martel gefragt, was er damit meinte, weil ich es schon im Buch nicht verstanden habe. Er sagte, er habe nur versucht, die Grenzen dessen, was Menschen glauben können, noch zu dehnen: Da schippert einer monatelang in einem Boot über den Ozean, und dann kommt auch noch diese Insel... Ich habe eine Weile aufgehört, das interpretieren zu wollen, und einfach am Drehbuch weitergeschrieben. Ich habe aber eine Menge Theorien dazu,...

SPIEGEL ONLINE: ...die Sie lieber für sich behalten?

Lee: Wenn ich die erkläre, begrenzen sie nur die Vorstellungskraft der Zuschauer. Nur soviel: Nachdem Pi Gott ziemlich nahe war, entscheidet er sich, zu den Menschen zurückzugehen, damit er nicht mehr so allein und verloren ist.

SPIEGEL ONLINE: Ist dieser Film Ihr spirituellster?

Lee: Bestimmt. Für "Life of Pi" habe ich sehr tief in mir selbst gegraben, das war teilweise schmerzhaft, aber auch sehr spirituell, mehr noch als "Lust, Caution", den ich davor gemacht hatte. Fast genauso kräftezehrend und auch ziemlich spirituell war "Tiger & Dragon". Weil der Prozess so anstrengend war, ich so viele Herausforderungen bestehen musste, glaube ich, dass Spiritualität oft mit Schmerz und Kampf einhergeht.

SPIEGEL ONLINE: Durchleben Sie gerade eine spirituelle Phase?

Lee: Kann sein. Man muss zu seiner Spiritualität stehen und zwar ohne Zynismus.

Das Interview führte Jenni Zylka

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insgesamt 19 Beiträge
1.
ARIAGNI 26.12.2012
Ich kenne das Buch nicht, werde es aber unbedingt lesen. Was die Interpretation der Insel angeht, ich billige Lee, dass er nicht versucht, dem Zuschauer seine Eigene geben. Interpretieren muss jeder selbst und es gibt so viele [...]
Ich kenne das Buch nicht, werde es aber unbedingt lesen. Was die Interpretation der Insel angeht, ich billige Lee, dass er nicht versucht, dem Zuschauer seine Eigene geben. Interpretieren muss jeder selbst und es gibt so viele Interpretationen als Zuschauer. Manchmal weiß sogar der Schriftsteller selber nicht, was er eigentlich sagen will. Jedes Buch, jedes Kunstwerk übertrifft die wahren Absichten des Urhebers, der keinen Einfluss auf deren Verwirklichung hat. Der Künstler ist der Letzte, den wir fragen sollten, wen wir ein rätselhaftes Buch (oder Gedicht) interpretieren müssen/wollen. Er kann sowieso keine Kontrolle über Wirkungen haben. Seine Arbeit ist nun getan, ab dem Moment, dass das Werk fertig ist. Dann kommt der Leser an der Reihe.
2. Schade
DadaSiggi 26.12.2012
Wenn Ang Lee sagt, das die Illusion wahrhaftiger sei, wieso muss dann sein Zuschauer 3d sehen. 3D beraubt mich ehr beim betrachten eines Filmes der Illusion. Ein guter Film mit einer guten Geschichte braucht diesen Efekt nicht. [...]
Wenn Ang Lee sagt, das die Illusion wahrhaftiger sei, wieso muss dann sein Zuschauer 3d sehen. 3D beraubt mich ehr beim betrachten eines Filmes der Illusion. Ein guter Film mit einer guten Geschichte braucht diesen Efekt nicht. Ich habe aufgehört 3D Filme zu sehen - falls es noch die Wahl gibt. 3D verdunkelt den Film zusätzlich un verkleinert ihn. Man hat immer da Gefühl durch einen kleinen Guckkasten zu schauen.
3. Märchenhaft
random05 26.12.2012
Ich habe ihn gerade im Kino auf Englisch gesehen. Der Film verzaubert die Sinne, selten war ich so gebannt, fast nie war das Ende so vage abzusehen. Und hat dann doch wieder überrascht.
Ich habe ihn gerade im Kino auf Englisch gesehen. Der Film verzaubert die Sinne, selten war ich so gebannt, fast nie war das Ende so vage abzusehen. Und hat dann doch wieder überrascht.
4. Bollyholly
apokalyptoprime. 26.12.2012
Konnte den trailer nicht zu Ende schauen. So ein Unsinn!
Konnte den trailer nicht zu Ende schauen. So ein Unsinn!
5. Es nervt
outsider-realist 26.12.2012
Langsam nervt dieser inflationäre Gebrauch des Wortes "unverfilmbar" bei einigen Filmbesprechungen (zuletzt bei "Cloud Atlas"). Was reitet die Kritiker, die so ein Attribut immer und immer wieder vergeben. [...]
Zitat von sysopMit "Life of Pi" hat Ang Lee einen als unverfilmbar geltenden Bestseller grandios auf die Leinwand gebracht. [/url]
Langsam nervt dieser inflationäre Gebrauch des Wortes "unverfilmbar" bei einigen Filmbesprechungen (zuletzt bei "Cloud Atlas"). Was reitet die Kritiker, die so ein Attribut immer und immer wieder vergeben. Sind sie immer noch nicht eines besseren belehrt worden?

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Zur Person

  • DPA
    Ang Lee, Jahrgang 1954, wurde in Taiwan geboren. Er studierte zunächst Regie in seiner Heimat, wechselte aber Ende der siebziger Jahre in die USA, wo er seinen Master an New York University machte. Mit seinem zweiten Film "Das Hochzeitsbankett" gelang ihm 1993 der internationale Durchbruch, er wurde für den Oscar und den Golden Globe nominiert und mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. Zu seinen weiteren Filmen zählen so unterschiedliche Werke wie die Jane-Austen-Adaption "Sinn und Sinnlichkeit" (1995) oder das Martial-Arts-Drama "Tiger and Dragon". Mit "Brokeback Mountain", der Geschichte zweiter schwuler Cowboys, gewann er schließlich den Oscar für die beste Regie. Sein neuester Film "Life of Pi", der am 26. Dezember in die Kinos kommt, ist Lee bereits bei den Golden Globes als bester Film und für die beste Regie nominiert worden.

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