05.01.2013
Liebesfilm "The Loneliest Planet"
Unser kleiner Romantik-Knast
Von Simon BrollAlex und Nica sind Anfang 30, sie sehen gut aus und sie sind abenteuerlustig - daher entscheidet sich das Paar aus den USA, vor der Heirat als Backpacker durch den wilden Kaukasus zu reisen. Gemeinsam mit einem erfahrenen Bergführer (Bidzina Gujabidze) streifen die Liebenden durch Gebirgszüge in Georgien, schlafen im Zelt unter pechschwarzem Himmel, folgen wilden Flussläufen. Um sich die Zeit zu vertreiben, konjugieren sie spanische Verben - die Muttersprache von Alex - oder machen Yoga-Übungen. Mehr erfahren wir nicht über die beiden, mehr müssen wir nicht wissen. Ein starkes Duo. Vielleicht nicht unbesiegbar. Sicher aber gerüstet für die Stürme der Zukunft.
1954, als der italienische Neorealismus langsam seinen Zenit überschritten hatte, als also genug von Krieg und von Armut erzählt worden war, wagte der gefeierte Regisseur Roberto Rossellini einen Neuansatz. Er schickte ein britisches Ehepaar, gefestigt und bürgerlich, auf einen Kurztrip nach Neapel, wo es in der Fremde die Entfremdung voneinander erleben musste. "Viaggio in Italia" (Reise in Italien), hierzulande unter dem dümmlichen Titel "Liebe ist stärker" bekannt, beschreibt eindringlich, wie zwei Menschen an einem Ort, an dem sie niemanden verstehen, trotz jahrelanger Vertrautheit plötzlich verstummen. Ein Klassiker.
Nun hat die russisch-amerikanische Filmemacherin Julia Loktev das Meisterwerk neu für sich entdeckt und mit "The Loneliest Planet" in unsere globalisierte Gegenwart geholt. Doch im Gegensatz zum gläubigen Katholiken Rossellini bietet Loktev Alex und Nica - ihren Liebenden - kein Wunder an, um ihre Liebe zu retten.
Die Krise erwischt Alex (Gael García Bernal) und Nica (Hani Furstenberg) genauso unerwartet wie den Zuschauer. Eine kleine Geste von Alex reicht, sie ist wohl nur ein Reflex, nur flüchtige drei Sekunden lang - doch plötzlich ist alle gemeinsame Sicherheit dahin. Denn - ohne mehr verraten zu wollen - diese Sekunden brennen sich ein. Als Entsetzen in Nicas Gesicht. Als Machtlosigkeit in Alex' Körper. Beide müssen das Bild überdenken, das sie vom Partner haben - und von sich selbst.
Die in Russland geborene, in Colorado aufgewachsene Loktev erweist sich hier erneut als scharfe Beobachterin von menschlichen Grenzsituationen. In ihrem Debüt "Zwei Tage Zwei Nächte" stellte sie sich die Aufgabe, das Innenleben einer Selbstmordattentäterin in New York nachzuzeichnen. Ihr zweiter Filmstoff scheint leichter zu meistern, erschafft aber mindestens genauso viel Resonanzraum.
Kammerspiel in der Wildnis
Dafür sorgt die sensible, auf Details angelegte Erzählweise von "The Loneliest Planet". Loktev nimmt sich viel Zeit für ihre Charaktere. In langen Einstellungen beschreibt sie die Erkundungstour von Alex und Nica, die mit kindlich wirkender Begeisterung durch die Berge ziehen. Mal erscheinen sie als winzige Punkte in einer grünen Hügellandschaft, mal ist die Kamera ganz nah bei ihnen, um Berührungen, Lächeln, Intimität einzufangen. Sie reden wenig, die beiden, dafür lachen sie viel. Zumindest bis zu den drei Sekunden.
Dass der Film trotz seiner langen Phasen des Schweigens fesselt, ist den beiden Hauptdarstellern zu verdanken. Der Mexikaner Gael García Bernal ("Babel", "Und dann der Regen") setzt auf feine Körpersprache, um die Wandlung vom unbeschwerten Freigeist zum beladenen Sühner darzustellen; ein gesenkter Kopf, ein Schulterhängen genügen ihm, um eine an Selbsthass grenzende Scham zu zeigen. Die in ihrer Heimat Israel gefeierte, hierzulande jedoch unbekannte Hani Furstenberg verlässt sich eher auf ihre Mimik. In ihren Blicken vereint sie Kränkung, Enttäuschung - und die Erkenntnis, dass auch eine Liebende nicht alles hinnehmen kann.
So entspinnt sich zwischen beiden ein Kammerspiel in der Wildnis, bei dem die Weite der georgischen Landschaft zum Gefängnis gerät. Daheim hätte sich jeder zurückziehen können, um Gedanken und Gefühle zu ordnen. Doch hier müssen sie zusammenbleiben: Das nächste Dorf liegt einen Tagesmarsch entfernt, sie müssen die gemeinsame Reise also fortsetzen, wenn auch jeder mit sich und seinen Verletzungen allein. Einer sofortigen Aussprache steht Bergführer Dato im Weg. So schweigt man - und sagt dabei mehr, als Worte ausdrücken könnten.
Als Nica dann nach Stunden der Stille das spanische Verbspiel anstimmt, wählt Alex die Verben "oír" und "escuchar" aus. "Hören" und "zuhören", beide Wörter sind Chiffren für die eine große Sehnsucht. Einsam ist hier, wer den anderen nicht mehr hören kann.