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16.01.2013
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Kinodrama mit Susanne Lothar

Die Seelen-Domina geht

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Die Tochter hat einen Knacks, die Mutter eine Psycho-Praxis. Das Drama "Staub auf unseren Herzen" schildert Familie als Machtkampf. Es ist der letzte Film mit der verstorbenen Susanne Lothar, die hier als dominante Therapeutin ein verstörendes Vermächtnis hinterlegt hat.

Die Tochter kann sich nicht verstellen, das ist ein Problem. Die Mutter kann nicht sie selbst sein, das ist ein noch viel größeres Problem. Kathi (Stephanie Stremler) wäre gerne Schauspielerin, aber versemmelt jedes Casting. Sie kann einfach nicht verliebt gucken, sie kann nicht mal wütend gucken, das einzige, was sie richtig gut kann, ist verwirrt gucken. Ihre Mutter Chris (Susanne Lothar) guckt niemals verwirrt, sondern ihrem Gegenüber stets in die Augen: Dann analysiert sie mit leiser, fester Stimme, was im Leben des Gegenübers falschläuft, obwohl ihr eigenes doch ein ebenso großer Schlamassel ist. Chris ist Psychologin.

Wenn die Mutter mit der Tochter spricht, dann wie eine Ärztin zu ihrer Patientin. Betreutes Leben, so könnte man nennen, was Chris für die 30-jährige Kathi im Sinn hat. Unter der eigenen Praxis in Berlin hat die Mutter ihrer Tochter und deren kleinem Sohn eine Vier-Zimmer-Wohnung gekauft, und weil Kathi mit der Einrichtung nicht hinterherkommt, übernimmt Chris. Wählt die Farben aus. Sagt, wo das lustige Hirschgeweih hingehängt wird. Bestimmt sogar, welche Blumen an die Kinderzimmerwand gepinselt werden.

Doch dann gerät die mütterliche Manipulationsmechanik aus dem Takt. Ex-Mann Wolfgang (Michael Kind) taucht nach 15 Jahren wieder auf, der Hallodri fällt mit einem Haufen Gitarren ins mühselig befriedete Chaos von Chris und Kathi ein. Und in dem gibt es ja noch weitere männliche Wesen: Gabriel, den inzwischen halbwüchsigen Sohn von Chris und Wolfgang, sowie außerdem Lenni, den Lütten von Kathi.

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"Staub auf unseren Herzen": Rote Nasen, schwarze Herzen
Wolfgang will wieder, als ob nichts gewesen sei, eine richtige Familie haben - seinem Sohn ein guter Vater, seinem Enkel ein guter Opa, seiner Ex ein guter Ehemann. Bei Tapas und Rotwein versucht er die Wiederannäherung. Was ihm entgegenschlägt von Chris: der pure Hass. Oder ist es die Liebe im Mantel der Verachtung? Was die Charaktere in "Staub auf unseren Herzen" genau fühlen - schwer zu sagen. Sie wissen es ja offensichtlich selbst nicht so genau, oder sie können es nicht zeigen.

Laien in Sachen Leben

Passenderweise muss Möchtegern-Schauspielerin Kathi bei einem ihrer vermasselten Castings eine Szene aus Jean-Luc Godards "Die Verachtung" spielen, diesem Meisterwerk an Ambivalenz, wo man oft nicht sicher ist, ob die Charaktere Liebe machen oder Krieg führen. Eine Szene, die aus dem französischen Klassiker zurück in den Grundkonflikt des deutschen Improv-Movie führt: Sich lieben oder bekriegen? Auch in "Staub auf unseren Herzen" sind die Grenzen fließend.

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Trauer um Susanne Lothar: Brillant und facettenreich
Hanna Dooses Familiendrama, das mit dem First Steps Award als bester abendfüllender Spielfilm ausgezeichnet wurde, ist einer dieser wunderbaren intensiven Hochschulabschlussfilme, die alle paar Jahre in der deutschen Filmlandschaft auftauchen. Denen man anmerkt, dass sich ihre Macher jahrelang mit ihrem Thema beschäftigt haben, ohne sich den gängigen Erzählformen des deutschen Films zu beugen.

Regisseurin Doose hat ihr Drama als Reihung von Konfrontationssituationen angelegt, die wie Casting-Szenen funktionieren. Im guten Sinne: Zuweilen hat man beim Aufeinandertreffen der Charaktere das Gefühl, man schaut Laien in Sachen Leben dabei zu, wie sie in Rollen schlüpfen, die ihnen möglicherweise eine Nummer zu groß sind. Gestammel und schneidende Verbalattacken, Improvisationscharme und Theatralik - das geht hier zusammen.

Die Spieler, die in "Staub auf unseren Herzen" aufeinandertreffen, könnten nicht unterschiedlicher sein: Hier die junge schlaksige Stephanie Stremler, die ihre Kathi als ewig nachgebendes Nervenbündel verkörpert, dort die reife strenge Bühnenmatrone Susanne Lothar, die auch flüsternd den Spielraum für sich zu okkupieren versteht. Eine riskante Kombi - die aufgeht. Jung gegen Alt.

Dass nun ausgerechnet diese Abschlussarbeit der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin zum Vermächtnis der im Juli im Alter von 51 Jahren verstorbenen Großschauspielerin Lothar geworden ist, hat eine tragische Note. Macht aber auch Sinn. Als neurotisches Muttertier und säuselnde Seelen-Domina zeigt sich noch mal die gesamte verstörende Kraft ihres Spiels. Ein aggressiver Augenaufschlag, ein stummer Vorwurf, ein still gezischtes "Nicht anfassen!" - schon drohen die Mitspieler vom Set gepustet zu werden.

Aber das passiert glücklicherweise eben doch nicht. "Staub auf unseren Herzen" ist Generationenkino im besten Sinne, für das der grimmige Star mal wieder den Nachwuchs zu Hochleistungen getriezt hat. Einer von vielen Gründen, weshalb Susanne Lothar fehlen wird.

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insgesamt 1 Beitrag
1. Vielversprechender Trailer
fvd 16.01.2013
Der Trailer sieht vielversprechend aus. Bin gespannt.
Der Trailer sieht vielversprechend aus. Bin gespannt.

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Staub auf unseren Herzen

D 2012

Regie: Hanna Doose

Buch: Hanna Doose

Darsteller: Susanne Lothar, Stephanie Stremler, Michael Kind, Oskar Bökelmann

Produktion: Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin

Verleih: Movienet

Länge: 91 Minuten

Start: 17. Januar 2013

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