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28.01.2013
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Therapie-Film "The Sessions"

Guter Sex ist doch so einfach

Aus Berkeley berichtet Nina Rehfeld
Bob Greene

Sie schläft mit ihren Patienten, seit über 30 Jahren schon. Ein filmreifer Job, fand Hollywood. In "The Sessions" spielt Helen Hunt die Sextherapeutin Cheryl Cohen Greene und darf nun auf einen Oscar hoffen. "Eine Ehre!", sagt das Original. Besuch bei einer Frau, die ihren Beruf im Bett ausübt.

"Ich habe mit mehr als 900 Menschen Sex gehabt", sagt Cheryl Cohen Greene. "Ein Mann würde mit so einer Aussage Bewunderung hervorrufen - das klingt nach Rockstar, oder?" Sie lacht. "Aber eine Frau?"

Cheryl Cohen Greene hat beruflich Sex, seit über 30 Jahren schon: Sie ist Sextherapeutin und sogenanntes Sexsurrogat. Das heißt: Sie schläft mit ihren Patienten und Patientinnen. Sie geht mit ihnen ins Bett, um ihnen Sinnlichkeit beizubringen, um schiefe Körperbilder zu korrigieren, um Erotik von Tabus und Beklemmungen zu befreien. "Jeder Mensch sollte Sinnlichkeit genießen können", sagt Cohen Greene. "Wenn ich jemandem helfen kann, eine größere Liebesfähigkeit zu entwickeln, mache ich meinen Job gut."

Wie ihre Arbeit genau abläuft, kann man zurzeit im Kino sehen: Der Spielfilm "The Sessions" erzählt von ihrem Patienten Mark O'Brien, einem querschnittgelähmten Dichter und Schriftsteller, der mit Cohen Greenes Hilfe seine Jungfräulichkeit verlieren will. O'Brien wird von John Hawkes dargestellt und Cohen Greene von Helen Hunt - und zwar so überzeugend, dass sie soeben für den Oscar als beste Nebendarstellerin nominiert wurde.

Angst vorm Fegefeuer

Cohen Greenes Sitzungen mit O'Brien liegen über 25 Jahre zurück. Mittlerweile ist die Pionierin der therapeutischen Sexarbeit 68 Jahre alt, mit ihrem blonden Kurzhaarschnitt und ihrem mädchenhaften Elan wirkt sie aber viel jünger. Barfuß, im schwarzen Sweatshirt und Yogahosen, empfängt sie in ihrem Reihenhäuschen in Berkeley bei San Francisco. In der ungezwungenen Atmosphäre des Wohnzimmers beginnen ihre Sitzungen für gewöhnlich. Erst wird hier geredet, danach geht's dann ins Schlafzimmer. Zu Cohen Greenes Patienten, die von Psychotherapeuten vermittelt werden, zählen Männer, die aus Scham- oder Schuldgefühlen impotent sind, die frühzeitig oder verzögert ejakulieren, die an Phantasien hängen, die ihre Partner abstoßen. Sie hat Frauen behandelt, die ihre Vulva hässlich finden, und sexuell unerfahrene Siebzigjährige in der Kunst der Erotik unterwiesen.

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Das Drehbuch zu "The Sessions" basiert auf den Aufzeichnungen der Therapeutin und ihres Patienten über die sechs gemeinsamen Sitzungen. Hunt verleiht ihrer Figur jene direkte, liebenswürdige und respektvolle Art, die auch die echte Cheryl Cohen Greene auszeichnet - und trotz zahlreicher Nacktszenen verzichtet der Film auf jeden voyeuristischen Moment. "Dass Helen Hunt mich spielt, hat mich natürlich umgehauen", sagt Cheryl Cohen Greene und lacht. "Eine Ehre!"

Wie Cohen Greene zu ihrer Arbeit gefunden hat, zeichnet sie in ihrem Buch "An Intimate Life" nach, das vor wenigen Wochen in den USA erschienen ist. Sie entstammt einer streng katholischen Familie, wuchs in den Vierzigern und Fünfzigern an der Ostküste auf. "Ich bin mit einem starken Sextrieb gesegnet", sagt sie. "Als Jugendliche dachte ich, dass ich im Fegefeuer würde schmoren müssen."

Ihre Unschuld verlor sie mit 14 Jahren. Und dass sie nicht als Teenagerin schwanger wurde, sieht sie bis heute als "enormes Glück". Mit 19 lernte sie Michael Cohen kennen - fünf Jahre älter, weltoffen, sexuell ungehemmt. Sie heiratete ihn, bekam zwei Kinder, die Familie zog nach San Francisco. Hier traf Cohen Greene auf Vorreiter der sexuellen Revolution - auf Forscher, Therapeuten, Erzieher. "Die Leute sprachen über sexuelle Lebensstile, über die ich nichts wusste: Homo- und Bisexualität, Gruppensex, Sex zwischen verschiedenen Ethnien und unter alten Menschen." Ihre Neugier war geweckt: Sie machte so viele Erfahrungen, wie sie konnte, stellte fest, dass manches - lesbische Liebe und Sadomasochismus - nichts für sie war, und beschloss irgendwann, Sexualität zu ihrem Beruf zu machen.

Ihr Ehemann ist ein Ex-Patient

Sex, Liebe, Privatheit und die wandelnden gesellschaftlichen Einstellungen dazu: Diese Themen prägen Cohen Greenes Leben. Die offene Ehe, die sie mit Michael Cohen führte, zerbrach, als er eine andere Frau schwängerte. Der Aids-Epidemie, die in den Achtzigern grassierte, fielen auch einige Kollegen zum Opfer. Und mit ihrem zweiten Mann Bob Greene heiratete sie vor 17 Jahren einen ehemaligen Patienten. "Ich habe mich schon schuldig gefühlt. Als Psychologin hätte mich das meine Lizenz kosten können", sagt sie. Aber Cohen Greene ist keine Psychologin. An ihrer Wand hängt ein Diplom vom "Institute for the Advanced Study of Human Sexuality", das sie als "Doktor der menschlichen Sexualität" ausweist. Streng genommen, sagt sie, sei ihr Job nicht legal. Doch weil sie eher Therapie als sexuelle Dienstleistung anbiete, lasse man sie in Ruhe.

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Ihr Mann Bob sitzt im angrenzenden, offenen Durchgangszimmer an einem mit Papierkram übersäten Esstisch. Er lauscht interessiert, dann setzt er sich zum Interview dazu. Ob der Beruf seiner Frau für ihn nicht schwierig sei? Nein, sagt er: "Ich habe ja selbst eine Therapie mit ihr gemacht. Ich weiß, wie tiefgreifend das ein Leben verändern kann." Bob litt unter Erektions- und Ejakulationsstörungen, wie in Cohen Greenes Buch nachzulesen ist. Dass sein "Fall" ein ganzes Kapitel einnimmt, findet er okay. "Wir pflegen ja alle diese seltsamen Manierismen des Selbstschutzes. Aber bei Licht besehen, verlieren sie ihre Bedeutung. Dank Cheryl habe ich ein erfülltes Sexleben. Und diese Erfahrung teile ich gern mit anderen."

Angst vor der Kamera

"Es ist verrückt", sagt Cheryl Cohen Greene, "die Unterdrückung von Sexualität und Sinnlichkeit ist heute in Amerika genauso stark - wenn nicht noch stärker! - als in den fünfziger Jahren." Manche Patienten wüssten nicht, wie ihre Geschlechtsorgane aufgebaut sind. Andere schockiert der Anblick von Schamlippen. Dabei sei guter Sex doch so einfach: "Experimentieren Sie, spielen Sie, entspannen Sie sich gemeinsam. Viele Leute glauben, sie könnten nicht sinnlich sein, ohne sexuell zu werden. Aber es muss nicht immer der Orgasmus sein!" Empathie und Mitgefühl seien unverzichtbare Bestandteile ihrer Arbeit, sagt sie. Und Humor: Der verlässlichste Eisbrecher sei ein Furz. Bob lacht. "Es ist ungeheuer erfrischend, mit jemandem nackt zu sein, der mit den Körperfunktionen derart entspannt umgeht", sagt er. Cheryl Cohen Greene grinst.

Neulich hat sie einem Dokumentarfilmteam des britischen Channel 4 Zugang zu ihrem Schlafzimmer gewährt. Das sei nicht so leicht gewesen wie gedacht, sagt sie. "Ich fühle mich wohl, wenn ich nackt bin - aber vor der Kamera hatte ich doch ein wenig Angst. Ich bin schließlich immer noch erstaunt, dass ich im Spiegel keine 30-Jährige mehr sehe." Cohen Greene hat eine Brustamputation hinter sich, nach der Rekonstruktion fehlt ihr eine Brustwarze. "Aber ich bin sehr stolz auf meine Arbeit", sagt sie. Deshalb stimmte sie der Dokumentation letztlich auch zu.

Mit Mark O'Brien, dem Patienten aus "The Sessions", sei sie befreundet geblieben, erzählt Cohen Greene und kramt einen Zeitungsartikel von 1990 hervor. Darin zieht er ein Fazit vier Jahre nach der Therapie. "Ein ziemlich trauriger Text", sagt sie. O'Brien fürchtete, dass er trotz verlorener Unschuld wohl nie auf ein erfülltes Liebesleben hoffen dürfe.

Es sollten weitere vier Jahre vergehen, bis er eine Beziehung begann, die ihm dies entgegen aller Befürchtungen ermöglichte. O'Brien starb 1999 im Alter von 49 Jahren. Seinem Leben und Cohen Greenes Arbeit setzt "The Sessions" ein Denkmal, das kein Gold braucht, um zu strahlen.

Forum

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insgesamt 40 Beiträge
1. Sex kann auch lehrhaft sein
imri 28.01.2013
Chapeau für so viel Engagement für den Beruf und so viel Mut für das öffentliche Auftreten.
Chapeau für so viel Engagement für den Beruf und so viel Mut für das öffentliche Auftreten.
2. Was wäre...
rhenanusius 28.01.2013
...wohl los, wenn ein Mann so "praktizierte"? Sexismusexpertinnen bitte melden! Wo bleibt hier euer Aufschrei? Ich kann gar nicht soviel fressen, wie ich ...
...wohl los, wenn ein Mann so "praktizierte"? Sexismusexpertinnen bitte melden! Wo bleibt hier euer Aufschrei? Ich kann gar nicht soviel fressen, wie ich ...
3.
testthewest 28.01.2013
"Die offene Ehe, die sie mit Michael Cohen führte, zerbrach, als er eine andere Frau schwängerte." Dieser Satz ist irgendwie in jeder Hinsicht komisch. a) Weshalb zerbricht eine offene Partnerschaft, wenn eine [...]
Zitat von sysopSie schläft mit ihren Patienten, seit über 30 Jahren schon. Ein filmreifer Job, fand Hollywood. In "The Sessions" spielt Helen Hunt die Sex-Therapeutin Cheryl Cohen Greene und darf nun auf einen Oscar hoffen. "Eine Ehre!", sagt das Original. Besuch bei einer Frau, die ihren Beruf im Bett ausübt. Oscar-Film "The Sessions" porträtiert Sextherapeutin Cohen Greene - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/kino/oscar-film-the-sessions-portraetiert-sextherapeutin-cohen-greene-a-876511.html)
"Die offene Ehe, die sie mit Michael Cohen führte, zerbrach, als er eine andere Frau schwängerte." Dieser Satz ist irgendwie in jeder Hinsicht komisch. a) Weshalb zerbricht eine offene Partnerschaft, wenn eine Frau ein Kind bekommt? b) Warum wird der Satz so geschrieben, als sei irgendein schuldhafter Vorgang Ursache? Ich meine, es wurde ein Kind gezeugt. Ist das nicht wunderbar? Hat Frau Cohen Greene keine Kinder? c) der Begriff "schwaengerte" ist abwertend. Warum wird er verwendet? Wie auch immer, der Satz zeigt, warum der Mensch als Familientier lebt und warum Sex so streng kontrolliert wird. Eine Familie gruenden verpflichtet und beendet andere Partnerschaften recht zuverlaessig.
4. @ kommentar 1
Sgt.Moses 28.01.2013
So etwas hat es in der zeit in der sie geistig hängen geblieben sind gar nicht gegeben! Lesen Sie den Artikel nochmal in ruhe durch und denken Sie einfach mal drüber nach, anstatt Ihren primitiven Reflexen zu folgen.
So etwas hat es in der zeit in der sie geistig hängen geblieben sind gar nicht gegeben! Lesen Sie den Artikel nochmal in ruhe durch und denken Sie einfach mal drüber nach, anstatt Ihren primitiven Reflexen zu folgen.
5. ja...
j.c78. 28.01.2013
und vor 500 Jahren als Hexe verbrannt. Aber die Menschheit enwickelt sich weiter. Nunja die Meisten zumindest...
und vor 500 Jahren als Hexe verbrannt. Aber die Menschheit enwickelt sich weiter. Nunja die Meisten zumindest...

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