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15.01.2013
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Regisseur Nagisa Oshima tot

Liebe, Sex, Gewalt

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Mit seinem Film "Im Reich der Sinne" sorgte Nagisa Oshima 1975 für einen Skandal, in seinen Werken experimentierte er mit extremen Darstellungsformen. Nun ist der "Godard Japans" tot. Er wurde 80 Jahre alt.

Hamburg/Tokio - Er war das Enfant terrible der japanischen Nouvelle Vague. In den sechziger Jahren sorgte er mit Filmen für Aufregung, die in ihrer expliziten Darstellung von Sex und Gewalt bis dahin unerreicht waren. Nun starb der große japanische Filmemacher Nagisa Oshima an einer Lungenentzündung.

1932 in der alten Kaiserstadt Kyoto geboren, studierte Oshima zunächst Rechtswissenschaften und politische Geschichte, bevor er sich in den fünfziger Jahren dem Kino zuwandte. Sein Regiedebüt "Ai to kibo no machi" ("Eine Stadt voller Liebe und Hoffnung") setzte sich kritisch mit der Jugendkriminalität in Japan auseinander - ein Thema, zu dem Oshima immer wieder zurückkehren sollte.

Anfang der sechziger Jahre machte sich der Regisseur und Drehbuchautor selbständig, nachdem sein Film "Nihon no yoru to kiri" ("Nacht und Nebel") von der staatlichen Produktionsgesellschaft nach nur vier Tagen aus dem Kino entfernt wurde - wegen politisch extremen Positionen; der Pazifist Oshima hatte die Studentenbewegung der Nachkriegsjahre thematisiert.

Mit seiner eigenen Produktionsfirma Sozosha konnte Oshima politisch kontroverse Filme drehen und mit den Filmformen experimentieren, Cineasten nannten ihn den "Godard Japans". Finanziellen Ruhm brachten ihm die Filme nicht ein, weswegen sich Oshima mit Auftragsarbeiten fürs Fernsehen über Wasser hielt.

Diplomatengattin liebt Schimpansen

Es war jedoch ein Erotikfilm im Jahre 1976, der Oshima international berühmt und berüchtigt machte. Das Werk "Ai no corrida" ("Im Reich der Sinne") über ein Paar, das seine sexuellen Phantasien bis zum Tod auslebt, sorgte schon bei seiner Uraufführung auf der Berlinale für einen Skandal. Die deutsche Staatsanwalt bewertete das Werk aufgrund seiner freizügigen Darstellung als Pornografie und beschlagnahmte den Film. In den Medien - auch dem SPIEGEL - löste "Im Reich der Sinne" eine Debatte über Kunst und Pornografie aus. Zwei Jahre später kam der Film schließlich mit großem Erfolg in die deutschen Kinos.

Das Thema Sexualität ließ Oshima nicht mehr los. 1978 folgte "Ai no bore" ("Im Reich der Leidenschaften"), in dem eine junge Frau gemeinsam mit ihrem Liebhaber ihren Jahrzehnte älteren Mann umbringt. Aufsehen erregte der Regisseur auch mit "Max, Mon Amour" (1985), einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte zwischen einer Diplomatengattin und einem Schimpansen. In der Hauptrolle: Charlotte Rampling.

Auch mit dem britischen Popstar David Bowie arbeitete Oshima: 1982 brachte er "Furyo - Merry Christmas, Mr. Lawrance" heraus, die Geschichte eines britischen Offiziers in einem japanischen Kriegsgefangenenlager auf Borneo. Bildgewaltig und, obwohl ein Historien-Abenteuer, mit großem Pop-Soundtrack.

Nach 14 Jahren Pause kam im Jahr 2000 mit "Gohatto" ("Tabu") der letzte Film Oshimas in die Kinos. In dem Samurai-Drama verarbeitete er einmal mehr die Beziehung zwischen Gewalt und Erotik, sein großes Lebensthema.

Wie japanische Medien melden, starb Nagisa Oshima am Dienstag im Alter von 80 Jahren. Er soll an einem weiteren Film gearbeitet haben - der unvollendet bleibt.

sbr/dpa

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