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18.01.2013
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Siebziger-Hommage "Das schlafende Mädchen"

Beuys und Girls

Von Simon Broll
Foto: The Sleeping Girl Joint Venture

Als Beuys noch cool war und eine Obdachlose eine verkappte Muse: In "Das schlafende Mädchen" verhebt sich ein Jungkünstler am eigenen Anspruch. Ein Filmexperiment, das von der großen Zeit der westdeutschen Avantgarde erzählt- und von einer aberwitzigen Liebe.

Schon die erste Szene in Rainer Kirbergs "Das schlafende Mädchen" macht klar, auf welche Art von Film man sich hier einlassen muss. Da läuft ein junger Mann, weißes Unterhemd, Sommersprossen, auf eine Wand zu und klebt ein Stück Papier mit der Aufschrift "Bild" an. Dann holt er eine Sprühdose und zeichnet um das Blatt herum einen Rahmen, der genau dem Ausschnitt der Kamera entspricht. Die eindeutige Botschaft: Hier geht es um Kunst, um Bilder und die Bedingungen, unter denen sie entstehen.

Wir befinden uns in einem als Videoexperiment getarnten Film. Regisseur und Hauptdarsteller der Arbeit ist Hans (Jakob Diehl), ein aufstrebender Student der Kunstakademie Düsseldorf, wo Joseph Beuys als Professor für monumentale Bildhauerei unterrichtete, bevor er vom damaligen NRW-Wissenschaftsminister und späteren Bundespräsidenten Johannes Rau fristlos entlassen wurde. Das war 1972. Die Geschichte spielt kurze Zeit vorher.

Hans ist Beuys-Schüler und sucht mittels Video, diesem damals neu aufkommenden Medium, seinen Platz innerhalb der deutschen Kunstszene. Er nimmt Landschaften auf oder malt Gesichter auf Glasplatten, die er vor die Linse hält. Alles Spielereien, bis er der Landstreicherin Ruth (Natalie Krane) begegnet. Die junge Frau läuft bei einem seiner Experimente im Stadtpark ins Bild - und damit in sein Leben. Denn Hans' Leben spielt sich nur auf Video ab.

Videotagebuch eines Außenseiters

Rainer Kirberg, selbst Absolvent der Kunstakademie Düsseldorf, erzählt in "Das schlafende Mädchen" die Annäherung zweier Außenseiter in Form eines Videotagebuchs. Ein Großteil der Schwarzweiß-Szenen ist aus Hans' Perspektive gefilmt. Die Kamera wird zu seinem erweiterten Auge, mit der er die Welt betrachtet. Ohne Apparat sei er blind, sagt Hans. Wenn er doch mal zu sehen ist, dann nur, weil er die Kamera abgelegt hat, um ins Bild zu treten.

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"Das schlafende Mädchen": Männlicher Blick
Diese Versuchsanordnung klingt kompliziert - und genau das ist sie auch, zumindest für den Zuschauer. Abrupte Schnitte, plötzliche Ortswechsel von Parkszenen zu Atelieraufnahmen zu Discobesuchen machen es schwer, dem Film zu folgen. Wer sich dennoch auf das sperrige Werk einlässt, den erwartet eine leicht aberwitzige Liebesgeschichte.

Hans findet in Ruth seine Muse. Immer wieder kehrt er in den Stadtpark zurück, um die Vagabundin zu filmen. Schließlich lässt er sie bei sich einziehen. Doch mit der Zeit wird Ruth selbständig. Sie freundet sich mit Hans' Kommilitonen Philipp (Christoph Bach) an, jobbt als Aktmodell und kauft sich mit dem Geld neue Kleider. Als der Künstler merkt, dass ihm sein "Kunstwerk" zu entgleiten droht, greift er zu einem radikalen Mittel: Er verschluckt den Haustürschlüssel, um Ruth an sich zu binden.

Der Mann als Voyeur, die Frau als Objekt

Kirberg entwirft eine Amour fou im Künstlermilieu der siebziger Jahre, mit zwei Ausgestoßenen, die gegenseitig Halt suchen und sich doch nicht genug sind. Vor allem Hans hindert seine Selbstinszenierung als genialischer Künstler daran, eine glückliche Beziehung einzugehen - denn die reale Ruth kann und will er gar nicht sehen. Für ihn zählt nur die Kunstfigur, die er in seinen Videos erschafft. Als die junge Frau den Regieanweisungen nicht mehr folgen möchte, entgegnet ihr Hans angewidert: "Du bist nicht du."

"Das schlafende Mädchen" ist somit auch ein selbstreflexiver Essayfilm, der aufzeigt, was die britische Theoretikerin Laura Mulvey den "männlichen Blick des Kinos" nannte. Ihre vielbeachtete Studie "Visuelle Lust und narratives Kino" aus dem Jahr 1975 untersuchte die Darstellungsformen von Frauen und Männern in Hollywoodfilmen. Frauen, erkannte Mulvey, seien das begehrenswerte Objekt, der Mann der Betrachter. Die Kamera gibt daher den voyeuristischen Blick des Mannes wieder, die Frau bleibe reduziert auf das "Angesehen-Werden".

Kirbergs Arbeit geht nicht explizit auf die feministische Debatte der siebziger Jahre ein, doch sie schwingt im Film mit - gerade weil der Regisseur großen Wert darauf legt, die linksintellektuelle Kunstszene in Westdeutschland auferstehen zu lassen. Dabei verarbeitet Kirberg eigene Erfahrungen an der Kunstakademie. Er entwirft ein Studentenmilieu, in dem bei Feiern über Heisenberg, Hegel, Adorno diskutiert wurde. Und über die Rolle der Kunst als antifaschistisches Heilmittel. Immer wieder greift er dabei auch auf Archivaufnahmen zurück, um Joseph Beuys selbst zu Wort kommen zu lassen.

Auf diese Weise gelingt Kirberg eine sehr persönliche Hommage an die westdeutschen Avantgarde-Jahre."Das schlafende Mädchen" veranschaulicht, wie im akademischen Milieu der Geniekult reifen konnte. Und wie sich der befreiende Kunsteifer in sein Gegenteil verkehrt.

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Das schlafende Mädchen

Deutschland 2011

Regie: Rainer Kirberg

Buch: Rainer Kirberg

Darsteller: Jakob Diehl, Natalie Krane, Christoph Bach

Produktion: Entropie Film u.a.

Verleih: Arsenal

Länge: 105 Minuten

Start: 17. Januar 2012

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