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01.02.2013
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Tsunami-Film "The Impossible"

Ein Körper wird zerfetzt

Von Hannah Pilarczyk

Die Wunden riesig, der Schmerz unerträglich: Das Kinodrama "The Impossible" erzählt die wahre Geschichte einer Familie, die wie durch ein Wunder den Tsunami 2004 überlebte. Die Oscar-nominierte Naomi Watts spielt die Mutter. Ihr Leib wird geschunden wie sonst nur im Horror-Genre.

Am Anfang sind da keine Bilder, sondern man vernimmt nur ein Dröhnen. Weil dies ein Film über den verheerenden Tsunami ist, der Weihnachten 2004 fast eine Viertelmillion Menschen das Leben kostete, denkt man sofort, als nächstes würden gigantische Wassermassen die Leinwand übernehmen. Doch "The Impossible" löst die Szene anders auf. Ein gekonntes Spiel mit den Erwartungen der Zuschauer und ihrem Bilderrepertoire, das sie beim Schlagwort Tsunami nur allzu leicht abrufen können.

Erstaunlicherweise ähnelt "The Impossible" damit einem ganz anderen Film, der auch in dieser Woche startet - nämlich Kathryn Bigelows Thriller "Zero Dark Thirty" über die Jagd nach Osama bin Laden. Auch sie verzichtet auf Bilder - in diesem Fall von 9/11 -, die zu präsent sind, als dass sie noch wirklich berühren könnten. Stattdessen eine schwarze Leinwand, dazu Ton-Originalaufnahmen von Stimmen aus den attackierten Twin Towers. Doch das ist bei weitem nicht die einzige Parallele zwischen den beiden Filmen. Selbst das Ende ist fast identisch: ein Close-up auf die Heldin des Films, die im Flugzeug gen Heimat fliegt und dabei dieselbe Emotion zeigt.

Beide Dopplungen - der ähnliche Anfang und das ähnliche Ende - sind Zufall. Und dann doch nicht. Denn "Zero Dark Thirty" und "The Impossible" berühren letztlich denselben Themenkomplex: Wie kann eine wahre Geschichte in einen Film übertragen werden? Wie gehen wir als Zuschauer mit dieser Dramatisierung um? Wie viel Freiheiten gestatten wir den Filmemachern, wie sehr dürfen wir uns von wahren Schicksalen unterhalten lassen?

Trümmer und Leichen schwimmen nebeneinander

"The Impossible" basiert auf der Geschichte der spanischen Familie Álvarez Belón, die zu Weihnachten 2004 Urlaub in einem Ferienresort in der Nähe von Bangkok machte, als der Tsunami sie auseinanderriss. Vater Enrique und die beiden jüngeren Söhnen Simon und Tomas fanden sich in den Ruinen ihres Hotels wieder, Mutter Maria und der älteste Sohn Lucas wurden in weite Ferne gespült.

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Kinodrama "The Impossible": Ein Wunder ohne Moral
Im Chaos der folgenden Tage kämpfte vor allem Maria ums Überleben. Sie war verheerend am Bein verletzt worden und musste sich immer wieder auf ihren hageren Sohn stützen, um sich aus dem Wasser voller Trümmer und Leichen retten zu können. Eine Gruppe von Einheimischen fand die beiden schließlich, versorgte sie und vermittelte sie an ein Krankenhaus. Dort passierte dann das titelgebende Unmögliche: Der Rest der Familie fand sie - obwohl Enrique und die Jungen eigentlich in einem ganz anderen Notlager untergebracht worden waren.

In der Filmfassung ist aus den Álvarez Belóns eine diffus britische Familie geworden: Die Australierin Naomi Watts spielt Mutter Maria, der Brite Ewan McGregor Vater Henry, ihre Söhne werden von den Briten Tom Holland, Samuel Joslin und Oaklee Pendergast dargestellt. Vereinzelt hat diese Übersetzung für Irritationen gesorgt - ist es von einem internationalen Publikum zu viel verlangt, sich mit einer spanischen Familie zu identifizieren? Gerade in der Heimat der Álvarez Belóns scheint dies aber kaum gestört zu haben: Rund sechs Millionen Spanier haben sich bislang "The Impossible" angesehen. Bei einer Bevölkerung von 47 Millionen entspricht das fast jedem achten Einwohner.

Von der Welle nur ihre verheerenden Folgen

Folgenreicher erscheint da ein anderer Einwand gegen den Film - nämlich welchen Anspruch auf Repräsentativität er erheben kann, wenn er sich auf die Geschichte von fünf europäischen Urlaubern konzentriert, während beim Tsunami aber 99 Prozent der Opfer aus Asien stammten? Tatsächlich erhebt "The Impossible" nicht den Anspruch, etwas über das Leiden aller von der Flutwelle Betroffenen zu erzählen - wie könnte ein einzelner Film das auch.

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Oscars 2013: Das sind die Nominierten
Stattdessen erzählt er von einem singulären Schicksal und von außergewöhnlichem Glück. Mehr nicht. Es werden keine Metaphern auf die Ausbeutung der Natur oder den Zusammenhalt von Menschen in Zeiten der Not aufgeboten, es gibt kein Gut und kein Böse. Bei "The Impossible" gibt es nichts zu lernen, nur zu erleben - aber das beeindruckend intensiv.

Regisseur Juan Antonio Bayona, gefeiert für den Horrorfilm "Das Waisenhaus", weiß, wie man Effekte schafft und sie auch dramaturgisch geschickt einsetzt. Denn von der Welle sehen wir eingangs nur das wütende Sprühen, das den Wassermassen vorauseilt. Die Wucht der eigentlichen Flut wird uns allein anhand ihrer verheerenden Folgen vor Augen geführt; in erschütternden Supertotalen, die kilometerweite Verwüstungen zeigen, vor allem aber am Körper von Naomi Watts' Figur. Der wird geschunden, wie es außerhalb des Horrorkinos nur bei Lars von Trier üblich ist.

Der Magen dreht sich um

Wenn Lucas (Tom Holland) sieht, dass aus dem hinteren Oberschenkel seiner Mutter ein Fleischlappen heraushängt, der den Blick bis auf den Knochen freigibt, dann dreht sich nicht nur ihm der Magen um. Und wenn sie plötzlich schwarze Gewebefetzen erbrechen muss, wähnt man sie bereits mehr tot als lebendig. Naomi Watts wurde für ihre Leistung als beste Hauptdarstellerin für den Oscar nominiert.

Ewan McGregor spielt in den wenigen Szenen, in denen er im Vordergrund steht, ähnlich intensiv. Seine Figur schlägt sich wacker mit den kleinen Söhnen durch und scheint voller Tatendrang zu sein - bis er ein Handy gereicht bekommt, um seinen Vater daheim in England wissen zu lassen, dass zumindest er und die beiden Kleinsten gerettet sind. Da bricht er auf einmal zusammen und lässt purer Verzweiflung freien Lauf.

Doch was ist mit solchen Bildern des Leids gewonnen? Warum sollte man sie sich ansehen - sowohl Watts' zerfetztes Bein als auch McGregors emotionalen Kollaps? Vereinzelt setzt "The Impossible" auf christliche Erlösungsmotive. Doch die Familie hat keine Sünden begangen und bedarf keiner Läuterung. So bildet der Film letztlich ein moralisch-narratives Vakuum, in dem einer Gruppe von normalen Menschen ohne Grund etwas Schlimmes widerfährt und sie ohne Grund gerettet werden.

Immerhin könnte das den Erfolg des Films in Spanien erklären. Bis zur Finanzkrise 2008 war das Land so gut wie schuldenfrei. Jetzt zwingen es drastische Einsparungen in die Knie. Nur verständlich, wenn die unmöglich erscheinende Rettung aus einer unverschuldeten Katastrophe da besonders reizvoll erscheint.

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insgesamt 26 Beiträge
1. überragender film
Straussenblatt 01.02.2013
ich hätte ein paar mal echt heulen können
ich hätte ein paar mal echt heulen können
2. Ohne exzessive Gewalt- bzw. Ekeldarstellungen ...
deb2011 01.02.2013
.... scheint heute kein Film mehr auszukommen. Die wirklich guten Filme setzen da auf suspense - aber es gibt eben auch kaum noch gute Filme. Zumindest nicht aus Hollywood.
.... scheint heute kein Film mehr auszukommen. Die wirklich guten Filme setzen da auf suspense - aber es gibt eben auch kaum noch gute Filme. Zumindest nicht aus Hollywood.
3.
verpiler 01.02.2013
Wieso hat man sich für den Film nicht wenigstens einen ordentlichen Namen überlegt. Wenn der Inhalt auch nur einigermaßen so ausgelutscht ist, ziehe ich es doch vor, den Fernseher ganz bewusst nicht einzuschalten.
Wieso hat man sich für den Film nicht wenigstens einen ordentlichen Namen überlegt. Wenn der Inhalt auch nur einigermaßen so ausgelutscht ist, ziehe ich es doch vor, den Fernseher ganz bewusst nicht einzuschalten.
4.
WhereIsMyMoney 01.02.2013
Ich wage es einfach nicht diesen Film zu sehen. Ich muss gestehen, ich habe ein bisschen Angst. Die Katastrophe hatte solche Ausmaße, dass ein Film dafür niemals ausreicht. Gut, nach diesem Prinzip dürfte man keine 2.WK-Filme [...]
Ich wage es einfach nicht diesen Film zu sehen. Ich muss gestehen, ich habe ein bisschen Angst. Die Katastrophe hatte solche Ausmaße, dass ein Film dafür niemals ausreicht. Gut, nach diesem Prinzip dürfte man keine 2.WK-Filme drehen, aber ich finde dass dieser Film einfach zu früh kommt. Und dann stört mich auch, dass auch hier wieder "Westler"(Spanier) die Hauptrolle spielen, obwohl von den Toten ja nur die wenigsten Touristen waren.
5. Ein Film wird zerfetzt.
JimDoe 01.02.2013
Ja, warum guckt man sich überhaupt Filme an ? Als Profischreiber ist es wohl unangenehm, wenn einem so ein Film nahegeht und man das rational nicht so gerne wahr haben möchte. Denn das wirkt ja wie Kontrollverlust, die [...]
Zitat von sysopDoch was ist mit solchen Bildern des Leids gewonnen?Warum sollte man sie sich ansehen
Ja, warum guckt man sich überhaupt Filme an ? Als Profischreiber ist es wohl unangenehm, wenn einem so ein Film nahegeht und man das rational nicht so gerne wahr haben möchte. Denn das wirkt ja wie Kontrollverlust, die Ratio wurde schachmatt gesetzt, der Filmemacher hat sein Ziel erreicht und uns in die Haut anderer Menschen versetzt. Was in diesem Fall definitiv nicht immer angenehm ist. Aber abgesehen von der wuchtigen Musik erzählt "The Impossible" eine wahre Geschichte. Und was so ein Tsunami anrichtet, ist eben nicht schön. Warum sollte man das ausblenden oder mit "Suspense" bemänteln ? Warum wäre der Film besser, wenn die Familie sich heldenhaft selbst rettet ? Dazu sagte Ewan McGregor: "wir wollten sie nicht heldenhaft, clever oder mutig erscheinen lassen, denn auch clevere und mutige Menschen sind gestorben". Und dann käme hier sicher der Vorwurf "typische Hollywood-Do-It-Yourself-Ware". Zur Realität gehört es auch dass die spanische Familie vom Leid der Thailänder nicht viel mitbekommen hat, obwohl im Film die selbstlose Hilfe der Einheimischen für die Opfer durchaus thematisiert wird. Das Überlebende dann in einem viel zu großen Luxusjet ausgeflogen werden, spricht auch für sich. Nur wollte Regisseur Bayona eben nicht die "ganze Katastrophe" verfilmen. Das wäre unmöglich. Er erzählt von einer Familie. Man muss schon sehr zynisch oder abgeklärt sein,um von diesem Film nicht bewegt zu sein. Filmkritiken, Marcus Fliegels Meinung zu aktuellen Filmen im Kino | TrailerSeite.de (http://www.trailerseite.de/filmkritiken/15385-startseite-filmkritiken.html)

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The Impossible

Originaltitel: Lo imposible

E 2012

Regie: Juan Antonio Bayona

Buch: Sergio G. Sánchez

Darsteller: Naomi Watts, Ewan McGregor, Tom Holland, Samuel Joslin, Oaklee Pendergast, Johan Sundberg

Produktion: Apaches Entertainment, Telecinco Cinema, Mediaset España et al.

Verleih: Concorde

Länge: 114 Minuten

Start: 31. Januar 2012

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