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09.02.2013
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Deutsche Berlinale-Hoffnung "Gold"

Ein Film wie ein Marterpfahl

Von Daniel Sander

In einem lauen Berlinale-Wettbewerb liefert der deutsche Beitrag "Gold" einen ersten Höhepunkt - an unfreiwilliger Komik. Die Zuschauer haben sich gebogen vor Lachen. Dabei will der Film mit Nina Hoss ein ernst zu nehmender Western sein.

Wenn einem von den Berlinale-Filmen aus dem letzten Jahr ein Bild im Kopf geblieben ist, dann war das Nina Hoss auf dem Fahrrad. Wie sie als zu allem entschlossene Ärztin in Christian Petzolds Meisterwerk "Barbara" stoisch durch die raue Landschaft der DDR radelte, zu stolz, um sich vom Arbeitskollegen in einem so profanen Fortbewegungsmittel wie einem Auto mitnehmen zu lassen - das konnte wohl nur die beste deutsche Schauspielerin so würdevoll hinbekommen.

Der Film wurde 2012 um den Goldenen Bären betrogen und mit dem Regie-Preis abgespeist. Nun tritt der Regisseur Thomas Arslan an, um dem Filmland Deutschland mit seinem Wettbewerbsbeitrag "Gold" zu später Gerechtigkeit zu verhelfen. Er wählt dafür den offensichtlichsten aller Wege. Er setzt Nina Hoss auf ein Pferd.

Als zu allem entschlossene Pionierin trabt sie stoisch durch die raue Landschaft Kanadas, zu stolz, um auf dem komfortablen Planwagen Platz zu nehmen - und als gelte es, allen zu zeigen: Hier kommt die beste Schauspielerin Deutschlands. Nur sie kann das derart würdevoll hinbekommen.

Karg und gräulich

Mit der späten Gerechtigkeit allerdings wird es nichts werden. Die Kritikermeute im Berlinale-Palast hat sich bei der Pressevorführung von "Gold" gebogen vor Lachen. Ein Problem, wenn ein Film gar keine Komödie sein soll.

"Gold" will ein Western sein. Über eine siebenköpfige Gruppe deutscher US-Einwanderer, die sich 1898 in den unwegsamen Nordwesten Kanadas aufmacht, um dort im Klondike-River die gelb schimmernden Nuggets zu finden, die auf einen Schlag das kollektive Elend beenden könnten. Angeführt wird der Trupp vom windigen Geschäftsmann Wilhelm Laser (Peter Kurth), der dort schon einmal Gold gefunden haben will und die anderen mit einer Zeitungsannonce und dem Versprechen auf eine "angenehme Reise" in das Abenteuer gelockt hat. Die anderen, das sind Gustav Müller (Uwe Bohm), der schleimige Unsympath; Carl Boehmer (Marko Mandic), der ehrenhafte Outlaw; Joseph Rossmann (Lars Rudolph), der verzagte Angsthase; Maria und Otto Dietz (Rosa Enskat und Wolfgang Packhäuser), das streitende Ehepaar; und natürlich Emily Meyer (Hoss), die rätselhafte Schöne.

Eigentlich eine interessante Idee, ein Western aus deutscher Perspektive. Thomas Arslan ist dazu noch einer der renommiertesten Vertreter der Berliner Schule - der vom Kollegen Petzold berühmt gemachten Gruppe Filmemacher, die in ihren Filmen mit eiskalter Präzision und ohne emotionales Tamtam die deutsche Volksseele auseinandernehmen.

Aber Berliner Schule und Western, das will nicht richtig passen. Schwelgende Landschaftsaufnahmen sind natürlich tabu, weswegen Arslan die unendlichen Weiten der kanadischen Prärie so karg und gräulich einfängt, als suchten die Pioniere ihr Gold in der Uckermarck. Als ihm einmal doch ein majestätischer Sonnenuntergang ins Bild gerät, schaltet er so schnell weg, als müsse man sich für eine schöne Aufnahme schämen.

Wirklich jedes Klischee abgearbeitet

Stattdessen scheint Arslan mit allen Mitteln die zermürbende Ödnis einer beschwerlichen Reise für den Zuschauer erlebbar machen zu wollen - und, Bravo, das hat geklappt. Die erste Stunde des Films (reiten, essen, schlafen, reiten) ist atemberaubend zermürbend.

Mit etwas gutem Willen könnte man den Film dafür loben, dass er sich mit klassischen Western-Motiven auseinandersetzt und sich damit vor dem Genre verbeugt. Man kann sich aber auch darüber aufregen, dass hier wirklich jedes Klischee abgearbeitet wird, das es irgendwann mal in einen John-Wayne-Film geschafft hat. Alter Mann auf der Veranda, der düster vor den Schrecken der Reise warnt? Abgehakt. Vor Erschöpfung zusammenbrechende Pferde? Mehr als eines. Wohlwollende Indianer, deren gute Ratschläge ignorant ausgeschlagen werden? Logisch. Jemand tritt in absolut unbesiedeltem Gebiet in eine Bärenfalle? An dieser Stelle begann das schallende Gelächter. Noch lustiger ist nur die Szene, in der dem hysterisch schreienden Mann danach das Bein abgesägt wird, ohne Betäubung natürlich.

Womit "Gold" in einem bislang außergewöhnlich lauen Wettbewerb für einen humoristischen Höhepunkt gesorgt hat - einen unfreiwilligen.

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