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22.02.2013
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Oscar-Moderator Seth MacFarlane

Die Sau auf der Rampe

Von Nina Rehfeld
AP

Hitler, Homo-Ehe, Furzen? Seth MacFarlane verletzt mit seinen Gags jede Geschmacksgrenze. Nun moderiert der Autor und Regisseur ("Family Guy", "Ted") die Oscar-Verleihung. Er soll der Gala eine Frischzellenkur verpassen. Doch er könnte sie in eine billige Skandal-Show verwandeln.

Und die Academy Awards werden Ihnen präsentiert von... hä? Von wem bitte?

"95 Prozent der Leute werden sich wohl fragen: Wer zum Teufel ist das denn?", mutmaßte Seth MacFarlane, der Moderator von Hollywoods größter Galanacht, neulich in der Show von Latenight-Talker Conan O'Brien.

So unbekannt, wie Seth MacFarlane tut, ist er aber nun auch wieder nicht. Eigentlich ist er sogar die Stimme seiner Generation - und das im konkreten wie übertragenen Sinn: MacFarlane spricht in den Hitserien "Family Guy" und "American Dad" die Hauptfiguren. In dem Erfolgsfilm "Ted", einer zotigen Buddykomödie, hat er dem titelgebenden Teddybären seine Stimme geliehen. Und für den Song "Everybody Needs A Best Friend" aus eben diesem Film ist der 39-Jährige sogar selbst für den Oscar nominiert.

Auch Abtreibungswitze sind erlaubt

Als Autor und Regisseur der genannten Serien und Filme steht er außerdem für eine sehr eigene Art des Humors, der unflätig und tabulos ist, doch gleichzeitig aus der Mitte der Gesellschaft kommt. MacFarlanes Helden sind stinknormale Amerikaner, die sich mit kruden Witzen und politisch unkorrekten Bemerkungen unmöglich machen - und dazu überdurchschnittlich häufig furzen und brechen.

Weil MacFarlane damit beim jüngeren Publikum wahnsinnig gut ankommt, gilt seine Verpflichtung für die Oscar-Verleihung als strategischer Zug der Showproduzenten. Er soll dem Quotenschwund entgegenwirken und junge Zuschauer holen. Ein schwieriger Job, über den der Moderator selbst schon gewitzelt hat. "Hallo, ich bin Seth MacFarlane - fragen Sie dazu Ihre Kinder, und ich werde die Academy Awards nominieren - fragt dazu eure Eltern", scherzte er in einem Video zu den Oscar-Nominierungen.

"Wir sind begeistert darüber, dass von Seth Erneuerung erwartet wird, und wir sind begeistert darüber, dass keiner so recht weiß, was er als Moderator anstellen wird", sagt Neil Meron, einer der Co-Produzenten der TV-Übertragung. "Wir glauben, das trägt dazu bei, dass mehr über die Show spekuliert wird und sich mehr Leute dafür interessieren."

Ohne Risiko ist die Besetzung aber nicht. Neben Furz- und Brechscherzen wird in seinen Shows nämlich gezielt provoziert. In der "Family Guy"-Episode "When you wish upon a Weinstein" ("Wenn du dir einen Weinstein herbei wünschst" - ein Seitenhieb auf den mächtigen Filmproduzenten Harvey Weinstein) treiben die Hauptfigur Peter Finanzprobleme um, woraufhin er einen Song namens "I need a Jew" (Ich brauche einen Juden) anstimmt.

Eine Episode von "Family Guy" fand der TV-Sender Fox für eine Ausstrahlung sogar zu kontrovers und veröffentlichte sie nur auf DVD. In der Folge denkt Peters Frau Lois über eine Abtreibung nach, während Peter von Abtreibungsgegnern mit der absurden Behauptung bedrängt wird, dass Hitlers Attentäter und Osama Bin Ladens amerikafreundlicher Bruder abgetrieben wurden. Auch Abtreibung sei ein Thema für Gesellschaftssatire, sagte MacFarlane daraufhin der "New York Times", "genauso wie die Homoehe oder ein Ölleck".

Beim Oscar-Sender ABC hofft man offenbar darauf, dass das Publikum einschaltet, um ja keinen Skandal zu verpassen; ähnlich wie es beim scharfsinnigen und -züngigen Ricky Gervais der Fall war. Der britische Komiker wurde 2010 für die Golden Globe Awards gebucht und machte seinem Ruf mit der gutgelaunten Verunglimpfung von Superstars wie Mel Gibson, Paul McCartney und Angelina Jolie alle Ehre. Es sei dazu gesagt, dass die Golden Globes als feuchtfröhlichstes Event der Galasaison gelten und längst nicht den vornehmen Ruch der Academy Awards haben, der Königsveranstaltung.

Der Oscar-Hitler-Komplex

MacFarlane eiferte jedenfalls schon vorab seinem britischen Kollegen nach. Doch als er Anfang Februar die Oscar-Nominierungen verkündete, fiel er bei der Kritik fast vollständig durch. Zu gemein, zu unerfahren, zu selbstverliebt, urteilte etwa der einflussreiche Entertainment Blog Vulture über die Witze, die unter anderem Hollywoods Drehbuchautoren als Abschreiber und Regisseure als faule Befehlsgeber verunglimpften.

Ein Gag stieß der US-Öffentlichkeit besonders sauer auf. "Ich habe gelesen, dass 'Amour' eine deutsch-österreichische Koproduktion ist", sagte MacFarlane über den mehrfach nominierten Film von Michael Haneke. "Die letzte Gemeinschaftsproduktion von Deutschland und Österreich war Hitler, aber dies hier ist viel besser. " Als sich daraufhin entsetzte Stimmen in den Medien erhoben, reagierte MacFarlane per Twitter: "Viel Wind um den Adolf-Witz. Okay, 'Amour' war ein großer Film - wie wär's hiermit: Österreich, wir geben euch den Oscar, wenn ihr Arnold zurücknehmt."

Ob eine Skandalgarantie tatsächlich Zuschauer anzieht, bleibt abzuwarten. Die bisher quotenstärkste Oscar-Verleihung war die von 1998, als der verlässlich-liebenswerte Billy Crystal moderierte und "Titanic" gewann. Und die quotenschwächste war 2008, als "No Country for Old Men" triumphierte und mit Jon Stewart ein für seine scharfe Zunge gefürchteter Satiriker den Gastgeber gab.

MacFarlane sorgt sich derweil weniger um die Grenzen des guten Geschmacks als um die Choreografien der Tanznummern, wie er dem Branchenblatt "Entertainment Weekly" gestand: "Das macht mich total fertig. Ich bin kein Tänzer", sagte der 39-Jährige, der neben einer "Ted"-Fortsetzung und einer Kinoversion von "Family Guy" gerade einen Western plant. Singen dagegen kann er - sein Faible für den Swing der Fünfziger lässt sich an den Shownummern seiner Serien ablesen, 2011 brachte er eine Big-Band-CD mit dem Titel "Music Is Better Than Words" heraus, die sogar für den Grammy nominiert war.

An der Oscar-Show, sagte er "Entertainment Weekly", habe er sechs Monate gearbeitet , "und man wird mich trotzdem verreißen." Aber das ist ja auch Ricky Gervais nach seinem Golden-Globe-Debüt 2010 passiert. Bevor ihn die Hollywood Foreign Press Association dann auch für die Jahre 2011 und 2012 buchte.

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insgesamt 40 Beiträge
1. ...
achim68 22.02.2013
Hmmm... der arme Kerl. Muss er sich eben an das Niveau seines Publikums anpassen. Also auf der Stelle zum großkotzig-arroganten Scientology Propagandisten mit christlich-fundamentalistischer Lebensauffassung, null [...]
Zitat von sysopAPHitler, Homo-Ehe, Furzen? Seth MacFarlane verletzt mit seinen Gags jede Geschmacksgrenze. Nun moderiert der Autor und Regisseur ("Family Guy", "Ted") die Oscar-Verleihung. Er soll der Gala eine Frischzellenkur verpassen. Doch er könnte sie in eine billige Skandal-Show verwandeln. http://www.spiegel.de/kultur/kino/oscars-2013-family-guy-schoepfer-seth-macfarlane-muss-sich-beweisen-a-884607.html
Hmmm... der arme Kerl. Muss er sich eben an das Niveau seines Publikums anpassen. Also auf der Stelle zum großkotzig-arroganten Scientology Propagandisten mit christlich-fundamentalistischer Lebensauffassung, null Schauspielfähigkeit aber dicken Titten und null Hirn werden. Ob er das schafft? Eine Moderation von einer Kombi aus Tom Cruise, Mel Gibson, Pamela Anderson und Jennifer Aniston... das wäre doch was...
2. Was bitte ist...
fatherted98 22.02.2013
..diese Veranstaltung anders als billige Selbstbeweihraeucherung....wenn dazu noch im Takt gefurzt wird...na und...man muss in den USA nur aufpassen...sowas kann in Schulen zur Festnahme fuehren...mal sehn ob das auch auf Oscar [...]
..diese Veranstaltung anders als billige Selbstbeweihraeucherung....wenn dazu noch im Takt gefurzt wird...na und...man muss in den USA nur aufpassen...sowas kann in Schulen zur Festnahme fuehren...mal sehn ob das auch auf Oscar Veranstaltungen so ist.
3. Oh je
spon-facebook-1810274577 22.02.2013
Der "Amour"-Witz ist tatsächlich äußerst bescheiden. Wenn das auf dem Niveau weitergehen soll, dann ist das kein gutes Zeichen für die "Oscars".
Der "Amour"-Witz ist tatsächlich äußerst bescheiden. Wenn das auf dem Niveau weitergehen soll, dann ist das kein gutes Zeichen für die "Oscars".
4.
Methados 22.02.2013
sorry, aber für viele - vor allem die MEHRZAHL der eifrigen Kino Gänger, dürfte Seth momentan so ziemlich der lustigste Typ sein der die besten serien/filme macht seit LANGEM ! ein wenig objektivität wäre hier [...]
Zitat von sysopAPHitler, Homo-Ehe, Furzen? Seth MacFarlane verletzt mit seinen Gags jede Geschmacksgrenze. Nun moderiert der Autor und Regisseur ("Family Guy", "Ted") die Oscar-Verleihung. Er soll der Gala eine Frischzellenkur verpassen. Doch er könnte sie in eine billige Skandal-Show verwandeln. http://www.spiegel.de/kultur/kino/oscars-2013-family-guy-schoepfer-seth-macfarlane-muss-sich-beweisen-a-884607.html
sorry, aber für viele - vor allem die MEHRZAHL der eifrigen Kino Gänger, dürfte Seth momentan so ziemlich der lustigste Typ sein der die besten serien/filme macht seit LANGEM ! ein wenig objektivität wäre hier wirklich angebracht.
5.
hador2 22.02.2013
Naja, also der Artikel ist mindestens ebenso flach wie manche der Witze wegen den MacFarlane hier kritisiert wird. Das fängt schon damit an, dass die Zuschauerquote der Oscarverleihung auch immer stark an den nominierten [...]
Zitat von sysopAPHitler, Homo-Ehe, Furzen? Seth MacFarlane verletzt mit seinen Gags jede Geschmacksgrenze. Nun moderiert der Autor und Regisseur ("Family Guy", "Ted") die Oscar-Verleihung. Er soll der Gala eine Frischzellenkur verpassen. Doch er könnte sie in eine billige Skandal-Show verwandeln. http://www.spiegel.de/kultur/kino/oscars-2013-family-guy-schoepfer-seth-macfarlane-muss-sich-beweisen-a-884607.html
Naja, also der Artikel ist mindestens ebenso flach wie manche der Witze wegen den MacFarlane hier kritisiert wird. Das fängt schon damit an, dass die Zuschauerquote der Oscarverleihung auch immer stark an den nominierten Filmen hängt. Bei Titanic gabs ein riesen Gemache weil der Film alle Rekorde brach und man nun wissen wollte ob er das auch bei den Oscars tuen wollte. 2008 dagegen gab es mit "No Country for Old Men" einen Film, den die meisten Amerikaner nie gesehen hatten und auch sonst war die Nominierungsliste fürs Massenpublikum eher uninteressant. Da ists auch kein Wunder, dass kaum jemand zuschaut. Und dann noch etwas zu Seth MacFarlane: Ja seine Witze sind manchmal derb und die Serien genügen sicher nicht den hohen Ansprüchen vieler Kritiker, aber zumindest teilweise ist das auch Absicht um einen Kontrapunkt zur immer paranoider werdenden political correctness in den USA (und Weltweit) zu setzen.

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