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24.02.2013
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Oscar-Gewinner Christoph Waltz

"Hollywood ist das Ziel - immer"

Christoph Waltz ist für seine Rolle in "Django Unchained" mit dem Oscar ausgezeichnet worden. Im Interview spricht der Schauspieler über seine Abneigung gegen die hiesige TV-Kultur, seine Liebe auf den ersten Blick zu Quentin Tarantino - und wackelnde Knie.

Das folgende Interview führte SPON-Korrespondent Marc Pitzke zwei Tage vor der Oscar-Verleihung mit Christoph Waltz.

SPIEGEL ONLINE: Herr Waltz, Sie sind erneut für einen Oscar nominiert - und wieder in einem Film von Quentin Tarantino. 2010 haben Sie gewonnen, für "Inglourious Basterds". Gewöhnt man sich an den Nervenkitzel?

Waltz: Nein. Das ist unglaublich, auf dieser Liste zu stehen, auf Augenhöhe zu sein mit Robert De Niro. Oder mit Alan Arkin. Dessen Bücher habe ich gelesen, als ich in der Schauspielschule angefangen habe. Daran denke ich lieber gar nicht, sonst fangen mir die Knie zu wackeln an.

SPIEGEL ONLINE: Also kommt doch ein Adrenalinschub, wenn's am Sonntag ernst wird?

Waltz: Ja, aber diesmal ist es schon viel besser als beim ersten Mal. Das war so überwältigend, dass ich die Hälfte gar nicht mitbekommen habe. Ich war total eingeschüchtert. Jetzt überwiegt eigentlich die Freude.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man als junger Schauspieler im deutschsprachigen Raum arbeitet, hat man Hollywood dann immer als Ziel vor Augen? Oder eher als abschreckendes Beispiel?

Waltz: Hollywood ist immer das Ziel, für jeden. Wer etwas anderes behauptet, dem glaube ich nicht.

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SPIEGEL ONLINE: Liegt das auch daran, dass die USA die deutsche Trennung von E- und U-Kultur nicht kennen - und Schauspieler sich daher viel leichter austoben können?

Waltz: Ich empfinde das als wahre Wohltat, dass diese Kategorie nicht existiert. Wir setzen uns als Europäer gerne mit viel Missachtung und Herablassung über diesen unglaublichen Vorteil des Geschichtenerzählens hinweg. Wolfgang Liebeneiner hat in den fünfziger Jahren mal gesagt: "In Amerika wird Film hergestellt wie Kunst und verkauft wie Ware, und in Deutschland ist es genau umgekehrt."

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie und Tarantino eigentlich zusammengefunden? Sie sind ja jetzt fast schon seine Muse.

Waltz: Er wollte "Inglourious Basterds" authentisch besetzen und ist damals nach Berlin gekommen, um das Casting zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Sie mussten also vorsprechen als SS-Standartenführer Hans Landa? Eine Rolle, die Tarantino als fast unspielbar betrachtete?

Waltz: Richtig, ganz traditionell.

SPIEGEL ONLINE: Und dann war es Liebe auf den ersten Blick.

Waltz: Ja, das Glück lässt sich nicht beschreiben.

SPIEGEL ONLINE: Und nun hat er Ihnen den Wildwest-Kopfgeldjäger Dr. Schultz direkt auf den Leib geschrieben.

Waltz: Bei unserer ersten Arbeit ist ihm mein Tonfall irgendwie sehr geläufig geworden. Tarantino schreibt ja komplizierte Dialoge. So seltsam oder kurios das klingen mag - sie haben einen unglaublichen literarischen Wert. Völlig einzigartig, ich hab so etwas noch nie gelesen. Und das lässt sich einfach nicht so dahersprechen wie ein "Tatort"-Drehbuch. Da muss man schon Dinge in sich selbst mobilisieren, die man versteckt und verborgen gehalten hat.

SPIEGEL ONLINE: Also doch: Hinter der schrillen Fassade des Spaghetti-Westerns ist "Django Unchained" also ein Film mit Tiefgang.

Waltz: Das ist sogar der Hauptverdienst des Films: Er kann Inhalte mitteilen, die universal verständlich sind, weil er es eben über Unterhaltung tut.

SPIEGEL ONLINE: Die Sklaverei ist das große Thema des Films. Will man darüber wirklich lachen?

Waltz: Tarantino verlangt von den Zuschauern nie, dass sie über die schlimmen Dinge lachen, sondern er bietet ihnen die Möglichkeit, sich vorübergehend von den schlimmen Dingen mit einem Lachen zu befreien. Selbst Shakespeare bietet dem Publikum ja zwischendurch immer so eine kleine Ausflucht.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es eigentlich, dass Tarantino Ihnen die Textseiten als Erster gegeben hat?

Waltz: Er hat sie mir gegeben, sobald er sie geschrieben hatte: Wenn 20 Seiten aus dem Drucker kamen, war ich bei ihm und hab sie gelesen. Was ein ganz wunderbarer Vorgang ist, denn das Buch hat 170 Seiten, ist also ein richtiger Oschi. Und all die Feinheiten kann man ja viel besser auf sich wirken lassen, wenn man sie in Portionen lesen kann.

SPIEGEL ONLINE: Und wie war es, mit Tarantino dann zu drehen?

Waltz: Anstrengend. Alles dauerte sehr lang, es gab viel Herumgefahre und ziemlich extreme Situationen. Aber von nix kommt nix.

SPIEGEL ONLINE: "Django" löste in den USA sofort eine heiße Debatte aus: Tarantino gehe mit der Sklaverei zu leichtfertig um. Was sagen Sie zu diesem Vorwurf?

Waltz: Das ist doch gar keine echte Debatte, das wird nur für den Unterhaltungswert perpetuiert.

SPIEGEL ONLINE: Die zynischen Medien sind schuld?

Waltz: Von den Oscars lebt mittlerweile eine überwältigend große Sekundärindustrie, die muss ja auch irgendwoher ihre Berechtigung beziehen. Wenn es nichts zu sagen gäbe, brauchten wir sie nicht. Ein schöner Gedanke.

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SPIEGEL ONLINE: Wird man nicht irgendwann selbst Teil der Maschinerie? Sind Sie es nicht auch?

Waltz: Mir gelingt es jetzt zunehmend besser, das für mich zu relativieren und als ein Phänomen zu betrachten, mit dem ich überhaupt nicht einverstanden bin. Was das Phänomen natürlich einen Dreck interessiert. Und das ist ja auch gut so.

SPIEGEL ONLINE: Man schwimmt also mit?

Waltz: Mir ist es bislang noch nicht so vorgekommen, dass ich zum Mitschwimmen aufgefordert wurde. Ich will jetzt allerdings auch nicht ein Gegen-den-Strom-Schwimmen zur Schau stellen, das ist genauso doof. Wenn man ein bisschen Distanz hält, ist weder das eine noch das andere nötig.

SPIEGEL ONLINE: Lesen Sie Kritiken?

Waltz: Ich lese wenige. Und ich lese nur die, von denen ich mir erhoffe oder erwarte, dass sie mir einen frischen Blick bieten und diese neue Sicht auf die Dinge auch gut formulieren.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Waltz: Anthony Lane vom "New Yorker". Mein absoluter Lieblingskritiker. Ich bin oft nicht seiner Meinung. Aber mit welch scharfem Auge der guckt! Und mit welch scharfer Feder der schreibt! Unerreicht.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie sich eigentlich vorstellen, noch mal einen "Tatort" zu spielen?

Waltz: (Lächelt. Schweigt. Und schweigt.) Nein.

SPIEGEL ONLINE: Und wie haben Sie es überhaupt geschafft, als erster deutschsprachiger Gaststar in die legendäre US-Sketchshow "Saturday Night Live" eingeladen zu werden?

Waltz: Der Ritterschlag, ja. Die Einladung kam über meinen Agenten zustande, der wirklich was Genialisches hat.

SPIEGEL ONLINE: Genialisch heißt in diesem Fall: Weil Sie sich so den Oscar-Juroren in allerletzter Minute noch mal in Erinnerung bringen konnten.

Waltz: Das hatte nicht unmittelbar damit zu tun. Mein Agent hatte es zuvor schon länger probiert, und die waren halt immer ein bisschen zurückhaltend.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind im Moment der einzige deutschsprachige Schauspieler Ihrer Generation, der in Hollywood Fuß gefasst hat. Fühlen Sie sich auch zerrissen zwischen zwei Welten, so wie andere Exilanten auch?

Waltz: Das ist wirklich nicht immer einfach. Aber ich finde es immer einfacher, hierher nach Los Angeles zu kommen. Die meisten meiner Freunde leben hier, und es sind ausschließlich sehr reelle, integere, geistig bewegliche und zum Großteil auch gebildete Menschen.

SPIEGEL ONLINE: Leben Sie also in Wahrheit bereits fest in den USA?

Waltz: Nein. Ich bin viel in Los Angeles, aber auch in Berlin. Dazu noch ein wenig in New York - und sonst da, wo ich arbeite. Ich lebe jetzt - mehr oder weniger - an keinem festen Ort mehr.

SPIEGEL ONLINE: Und wo lebt Ihr Herz?

Waltz: Eine sehr interessante Frage. Aus Gründen der Selbsterhaltung ist es vermutlich gut, das Herz nur in sich selbst zu suchen. Umso wichtiger wird es dann, die Bodenhaftung nicht zu verlieren. Weil man sonst zerfleddert.

Das Interview führte Marc Pitzke

Forum

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insgesamt 125 Beiträge
1.
kimba2010 24.02.2013
Wer wie Waltz ein internationaler Superstar ist und Oscars gewinnt, der braucht sicherlich nicht mehr in schnarchigen deutschen TV Produktionen mitzuwerkeln. Würde ich auch nicht machen.
Zitat von sysopSony PicturesNoch mal im "Tatort" mitspielen? Hm. Christoph Waltz ist für seine Rolle in "Django Unchained" für einen Oscar nominiert. Kurz vor der großen Gala spricht der Schauspieler über seine Abneigung gegen die hiesige TV-Kultur, seine Liebe auf den ersten Blick zu Quentin Tarantino - und wackelnde Knie. http://www.spiegel.de/kultur/kino/oscar-kandidat-christoph-waltz-im-interview-a-885004.html
Wer wie Waltz ein internationaler Superstar ist und Oscars gewinnt, der braucht sicherlich nicht mehr in schnarchigen deutschen TV Produktionen mitzuwerkeln. Würde ich auch nicht machen.
2.
julia-s12345 24.02.2013
Ganz genau. Obwohl ich mit ihm nie was anfangen konnte, wünsche ich ihm für heute nacht alles Gute. Er hat das geschafft, was nur wenige schaffen. Das muss man ihm lassen. Die Amerikaner haben ihre Stars, die Deutschen und [...]
Zitat von kimba2010Wer wie Waltz ein internationaler Superstar ist und Oscars gewinnt, der braucht sicherlich nicht mehr in schnarchigen deutschen TV Produktionen mitzuwerkeln. Würde ich auch nicht machen.
Ganz genau. Obwohl ich mit ihm nie was anfangen konnte, wünsche ich ihm für heute nacht alles Gute. Er hat das geschafft, was nur wenige schaffen. Das muss man ihm lassen. Die Amerikaner haben ihre Stars, die Deutschen und die Österreicher machen ihre Leute nur runter. Toll, dass er Tarantino kennengelernt hat. Eine Begegnung des Schicksals! Good luck!
3. Großartiger...
goldfuchs 24.02.2013
Schauspieler, aber ich glaube nach den Interviews dich ich bis jetzt von ihm gelesen/gehört habe, ein sehr Eingebildeter Mensch. Aber ich gönne ihm den Erfolg!
Schauspieler, aber ich glaube nach den Interviews dich ich bis jetzt von ihm gelesen/gehört habe, ein sehr Eingebildeter Mensch. Aber ich gönne ihm den Erfolg!
4. Der letzte Waltzer von LA
kopfschütteler 24.02.2013
Ob Herrn Waltz wohl noch irgendwann in seinem Leben klar wird, warum der leidenschaftliche Comic-Leser Tarantino ihn so gerne besetzt? Selbiger schaute jedenfalls schon bei den BAFTA Awards ziemlich sparsam drein, als Waltz - [...]
Ob Herrn Waltz wohl noch irgendwann in seinem Leben klar wird, warum der leidenschaftliche Comic-Leser Tarantino ihn so gerne besetzt? Selbiger schaute jedenfalls schon bei den BAFTA Awards ziemlich sparsam drein, als Waltz - frisch ausgezeichnet als Best Sidekick oder was auch immer - lossülzte, dass die Gelatine nur so glibberte. Das Beste war dann aber Gastgeber Stephen Fry, der den Waltzerkönig nach seiner Ansprache mit den nicht ganz ernst gemeinten Worten verabschiedete: "Or as they say in German Oberaffenturbotittengeil." Say no more.
5. danke christoph!
keyser sosze 24.02.2013
gutes interview. man kann sich wirklich gar nicht mehr ausmalen, dass potsdam babelsberg mal das zentrum der internationalen filmwelt war. heute ist deutschalnd reine film-provinz. wer was auf sich haelt, verlaesst das land. ich [...]
gutes interview. man kann sich wirklich gar nicht mehr ausmalen, dass potsdam babelsberg mal das zentrum der internationalen filmwelt war. heute ist deutschalnd reine film-provinz. wer was auf sich haelt, verlaesst das land. ich bin schon laengst weg ;)

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