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24.02.2013
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Aids-Doku bei den Oscars

Roter Teppich für die Toten

Aus Los Angeles berichtet
Fotos
Donna Binder /Sundance Selects

Aidskranke, mal nicht als Opfer: Die gefeierte Doku "How to Survive a Plague" erzählt die Geschichte der Protestgruppe Act Up. Mit schrillen Aktionen kämpfte sie einst für bessere Medikamente - und gegen die Ausgrenzung. Nun hoffen Überlebende in Hollywood auf einen Oscar.

Damals galt es noch als Todesurteil. Auch für den Wall-Street-Trader Peter Staley, den seine Aids-Diagnose zum unfreiwilligen Aktivisten machte. Der Mitbegründer der Protestgruppe Act Up war in jenen frühen Epidemiejahren einer der Lautesten derjenigen, die sich weigerten, vergessen zu werden. Viel Hoffnung hatte aber selbst er nicht: "Ich werde daran sterben."

Diese Worte sprach Staley Ende der achtziger Jahre in die Heimkamera, als Vermächtnis. Ein Vierteljahrhundert später hockt er putzmunter in einer Hotellobby in Hollywood. Sein Haar ist ergraut, er trägt jetzt eine Brille, doch die jungenhaften Züge sind bis heute unverkennbar.

"Es ist surreal", sagt der 53-Jährige. Nicht dass er noch lebt. Sondern dass seine protokollierte Todesahnung nun eine Schlüsselszene der Oscar-nominierten Act-Up-Dokumentation "How to Survive a Plague" ist, die ihn wiederum diese Woche nach Hollywood gebracht hat. Am Sonntag wird er über den rötesten aller roten Teppiche schreiten.

Das ist mehr als surreal. Einst weigerten sich die Leute, ihn anzufassen. Jetzt drängeln sie sich, ihm die Hand zu schütteln. Staley gibt Interviews am laufenden Band, als nächstes ist CNN dran. Am Abend war er Gast einer Cocktailparty der Academy of Motion Picture Arts and Sciences (Ampas), die die Oscars vergibt. Da klopfte ihm der Filmemacher Michael Moore auf die Schulter.

"Diese ganze Woche ist ein Fantasyland", sagt Staley. Glamour, Stars, Luftküsschen: "Mir fällt es schwer, das mit der Welt des Aktivismus in Einklang zu bringen." Er ist weit weg von jenen aufgewühlten Jahren - und nun doch, auf diese so kuriose Weise, plötzlich wieder mittendrin.

Kampf für die Pillen-"Cocktails"

Ähnlich geht es seinen ebenfalls angereisten Freunden. "Wenn Hollywood uns begrüßen will, na gut", sagt Aktivist Mark Harrigton. Neben ihm sitzt Sara Rafsky, deren Vater Bob 1993 an Aids starb und eine weitere Hauptperson des Films ist. "Mein Dad hätte sich über dieses Trara aufgeregt", sagt sie über den Oscar-Rummel, "und heimlich seine Freude gehabt".

"How to Survive a Plague" (Wie man eine Seuche überlebt) ist keine klassische Aids-Doku. Zwar zeigt auch sie, mit bisher unveröffentlichten Filmaufnahmen, den Horror, als es noch keine wirksamen Medikamente gab. Doch sie enthüllt vor allem, wie diese Medikamente - die heute so gängigen Pillen-"Cocktails" - überhaupt erst in Umlauf kamen.

Und zwar eben auch dank unerschrockener Aktivisten wie Peter Staley. Mit ihren schrillen Protesten zwangen sie die Pharmakonzerne und US-Behörden damals, Personen über Profit zu stellen und die sogenannten Kombinationstherapien auf den Markt zu bringen, trotz politischer und gesellschaftlicher Widerstände. Auch wenn das für viele zu spät kam - Abermillionen hat es das Leben gerettet.

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Journalist David France sammelte für "Plague" altes Videomaterial aus drei Dutzend Quellen, darunter sind viele Privatbestände. "Dies ist die erste Bewegung, die ihre eigene Geschichte filmte", sagt er. Während die Kameras der TV-Sender jahrelang wegsahen, hielten die Aidskranken die Linsen aufeinander gerichtet. Von France digital choreografiert, fügen sich die Szenen nun zu einer bewegenden Chronik.

Aidskranke, mal nicht als Opfer: Diese Sicht hat "Plague" zum Indie-Hit gemacht - und Staley, einen der exponiertesten Protestler damals, zum Star. Bei Kritikern, auf Festivals und nun beim Countdown zu den Academy Awards. "Ich ermutige junge Leute, sich das anzuschauen", sagt Oscar-Gewinner Moore.

In Beverly Hills präsidiert Moore über ein Ampas-Screening von Clips aller nominierten Dokus. Mehr als 1000 Zuschauer bejubeln da die Werke über politisch so brisante Themen wie den Nahost-Konflikt ("5 Broken Cameras", die NDR-Co-Produktion "The Gatekeepers") oder sexuellen Missbrauch im US-Militär ("The Invisible War"). "Einige der provokantesten Filme, die ich je gesehen habe", sagt Moore.

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Eine harte Konkurrenz. Dann ein Ausschnitt aus "Plague", es ist der ergreifendste Moment des Films: Hunderte Aids-Aktivisten streuen die Asche ihrer toten Freunde, Partner, Kinder über den Zaun des Weißen Hauses. Es ist 1992, vier Jahre vor den ersten "Cocktails". Da bleibt auch im altehrwürdigen Ampas-Hauskino kein Auge trocken, selbst bei Moore nicht.

"Wir wollen die Bühne stürmen"

Auch die Protagonisten des Films - die Überlebenden der Seuche - schauen zu. Staley sitzt im Publikum, während sein jüngeres Ebenbild über die 17 Meter breite Leinwand flimmert, flankiert von zwei gigantischen, goldenen Oscar-Statuen. "Als ich den Film zum ersten Mal sah, wühlte das eine Flut von Emotionen auf", sagt er. "Ich hatte mir nie erlaubt, zurückzublicken, das Erlebte zu verarbeiten, zu trauern. Der Film hat mir das jetzt ermöglicht."

Außerdem legt er das Thema einer jüngeren Generation nahe, die Aids unterschätzt, wenn nicht ganz vergisst. Das Oscar-Rennen brachte der Doku - die auch über iTunes zu sehen ist - neue Zuschauer. "Meine Mailbox quillt über", sagt Staley. "Da ist es egal, ob wir gewinnen."

Neben Staley, France, Harrington, Rafsky, Act-Up-Urmitglied Garance Franke-Ruta sowie den Produzenten Howard Gertler und Joy Tomchin sind ein gutes Dutzend Aids-Aktivisten nach Hollywood eingeflogen. Sie wohnen in einer Hausgemeinschaft und einem Billighotel am Santa Monica Boulevard. Mehr ist nicht drin.

Zehn Karten haben sie sich für die Oscar-Zeremonie ergattert, vier im Parkett, sechs im ersten Rang. Sollten sie gewinnen, dürfen nur France und Gertler als die Top-Produzenten nach vorne. Doch Staley hat einen anderen Plan: "Joy und ich wollen die Bühne stürmen", sagt er und lacht. "Wie in alten Act-Up-Zeiten."

Forum

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insgesamt 6 Beiträge
1. nochma ...
sltgroove 24.02.2013
... "Five Broken Cameras" .... Ich lieeeebe Sundance Film Festival . Viagrawood nicht so ganz ...
... "Five Broken Cameras" .... Ich lieeeebe Sundance Film Festival . Viagrawood nicht so ganz ...
2. die act-up-Gruppen
tz88ww 24.02.2013
wurden von der Pharmaindustrie gesponsort. warum wohl? ;-)
wurden von der Pharmaindustrie gesponsort. warum wohl? ;-)
3. Bis man selbst von dem Thema betroffen ist.........
woodeye 24.02.2013
Ich hatte vor Jahren eine Lichtjahre entfernte Beziehung zu AIDS und als “konservativer Knochen” vertrat ich die (haemische) Meinung “SELBST SCHULD”, besonders in Bezug auf Homosexuelle und deren Sodom-und-Gomorrha-Moral. Dann [...]
Ich hatte vor Jahren eine Lichtjahre entfernte Beziehung zu AIDS und als “konservativer Knochen” vertrat ich die (haemische) Meinung “SELBST SCHULD”, besonders in Bezug auf Homosexuelle und deren Sodom-und-Gomorrha-Moral. Dann schlug es in meinem eigenen Familienverband ein, wie eine Bombe: Mein Neffe, Mitte zwanzig, AIDS. Zu spaet erkannt. Das Sterben zog sich ueber Monate hinweg. Es war furchtbar. Fuer uns Hinterbliebene “ein Stueck fuers Leben”. Ich selbst bin nachdenklicher geworden.
4. optional
marlene9000 24.02.2013
dazu könnt ich jetzt viel schreiben aber ich will es nicht mehr!
dazu könnt ich jetzt viel schreiben aber ich will es nicht mehr!
5.
henrywotton 24.02.2013
klingt sehr amerikansch, aber auch sehr interessant. das vergessen und/oder die haltung "halb so schlimm, ist ja behandelbar" halte ich für einen gefährlichen trend, den ich in der berliner szene stark mitbekomme. darum [...]
klingt sehr amerikansch, aber auch sehr interessant. das vergessen und/oder die haltung "halb so schlimm, ist ja behandelbar" halte ich für einen gefährlichen trend, den ich in der berliner szene stark mitbekomme. darum sind solche filme wichtig. zumal auch das thema ausgrenzung von positiven längst nicht pass? ist, spätestens dann, wenn man "was sieht", oder man wegen der medikamente halt doch nicht mehr jede party mitnehmen kann. zurück zum film: empfohlen sei an dieser stelle auch "Vito", ein filmportrait über den us-aktivisten vito russo. lief letztes jahr auf der berlinale. ich habe geweint, wie viele andere im kino auch, und es gab standing ovations.

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