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25.02.2013
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Oscar-Preisträger Day-Lewis

Der beste US-Präsident aller Zeiten? Ein Brite!

Von Simon Broll
Fotos
20th Century Fox

Steven Spielberg nannte ihn beim Dreh zu "Lincoln" nur "Mr. President". Kaum ein Darsteller nimmt Rollen so an wie Daniel Day-Lewis. Er verkörpert amerikanische Helden und Antihelden in Perfektion - obwohl er Brite ist. Dafür erhielt er zum dritten Mal die Trophäe als bester Hauptdarsteller.

Bescheiden war er. Im Vorfeld der Gala hatte Daniel Day-Lewis seine Chancen kleingeredet, erneut einen Oscar zu gewinnen. Zu stark sei die Konkurrenz, erklärte er immer wieder in Interviews. Und überhaupt: Er habe ja schon zwei. Wie groß seien da die Chancen auf einen weiteren?

Und dennoch schrieb er um kurz vor sechs Uhr mitteleuropäischer Zeit Kinogeschichte. Als erster Schauspieler überhaupt bekam Day-Lewis seinen dritten Hauptdarsteller-Oscar (die Übersicht aller Preisträger finden sie hier). Nur eine Frau hat mehr bekommen, nämlich Katherine Hepburn mit vier Trophäen.

Ziemlich geplättet, mit einem Lippenstiftabdruck seiner Frau Rebecca Miller auf der rechten Wange, betrat Day-Lewis die Bühne. Dort hielt er dann eine charmante Rede, in der er vor allem Steven Spielberg dankte - und zwar für dessen Überredenskunst. Sechs Jahre lang soll der Hollywood-Großmeister den Schauspieler umworben haben. Day-Lewis hatte gezögert, zu groß war der Respekt vor der Rolle. Erst als "Gangs of New York"-Kollege Leonardo Di Caprio einschritt, sagte der Brite zu.

Day-Lewis, 55, entstammt einer Künstlerfamilie. Seine Mutter Jill Balcon war eine gefeierte britische Schauspielerin, sein irisch-britischer Vater Cecil wurde von Queen Elizabeth zum Hofdichter ernannt, seine Schwester Lydia Tamasin arbeitet als Dokumentarfilmerin. Er wuchs in London auf und absolvierte eine Theaterausbildung an der Old Vic Theatre School in Bristol.

Seine erste Rolle übernahm Day-Lewis im Alter von zwölf Jahren als junger Randalierer in John Schlesingers "Sunday, Bloody Sunday". Berühmt machte ihn jedoch ein irisches Behindertendrama: In "Mein linker Fuß" spielte Day-Lewis den verkrüppelten Künstler Christy Brown, der nur den titelgebenden Körperteil bewegen konnte. Um sich auf diesen Part vorzubereiten, soll der Schauspieler über Monate nur mit seinem linken Fuß gemalt und auf der Schreibmaschine getippt haben. Eine Körperleistung, die sich auszahlte: 1990 bekam Day-Lewis dafür den ersten seiner nun drei Oscars. Danach ging es nach Hollywood, wo er die Position als vielleicht größter Charakterdarsteller seiner Generation festigte.

Schreien, Toben, Köpfe abhacken

Es scheint paradox, dass gerade ein irisch-britischer Schauspieler die Archetypen Amerikas verkörpert hat. Doch gerade in diesen Rollen ist Day-Lewis am besten. In Paul Thomas Andersons Historienfilm "There Will Be Blood" etwa, in dem er den Ölmagnaten Daniel Plainview spielt - den Inbegriff des amerikanischen Selfmademan. Wieder eine Rolle knapp am Wahnsinn, wieder gab es einen Oscar.

Oder Hawkeye, jenen von amerikanischen Ureinwohnern aufgezogenen Kämpfer in Michael Manns Literaturverfilmung "Der letzte Mohikaner", der den im Privatleben eher unauffälligen Day-Lewis zum Frauenschwarm machte. Schließlich noch Bill the Butcher, den Anführer der gewalttätigen Schlägerbande "Natives" in Martin Scorceses "Gangs of New York". Einen Metzger mit imposantem Schnäuzer und noch imposanteren Schlachtermessern. In allen drei Rollen ist Day-Lewis vor allen Dingen Körpermensch. Er schreit, tobt, prügelt, hackt Köpfe ab. Die Filme leben von seiner Präsenz, er dominiert jede einzelne Szene.

Welch eine Wandlung nun zu Abraham Lincoln. In Steven Spielbergs Historienepos nutzt Day-Lewis Understatement, um den Lieblingspräsidenten vieler US-Amerikaner darzustellen. Ein Monument? Nein, ein Mensch, der mit sich hadert und zaudert. Und dennoch mit seinem konsequenten Einsatz die Sklaverei abschafft.

Day-Lewis ist bekannt dafür, dass er während des Drehs komplett mit seiner Filmrolle verschmilzt. Um den letzten Mohikaner Hawkeye möglichst authentisch zu spielen, lernte der Brite, mit historischen Waffen umzugehen, Tiere zu häuten und Kanus zu bauen. Auch für "Lincoln" bereitete er sich lange vor. Ein Jahr lang hat er Bücher studiert, eine neue Körperhaltung und eine eigene Gangart erarbeitet. Die Wandlung war perfekt: Am Set zu "Lincoln" soll selbst Steven Spielberg den Schauspieler mit "Mr. President" angesprochen haben.

Es ist diese Kompromisslosigkeit, die Day-Lewis auszeichnet. Und die auch erklärt, warum er so selten Filmrollen annimmt. Die meiste Zeit verbringt er mit seiner Familie - Day-Lewis ist mit der Tochter von US-Stardramatiker Arthur Miller verheiratet - und den gemeinsamen Kindern auf einem Hof in Irland. Er liebe diese Abgeschiedenheit, erklärte er. Bis dann wieder eine Rolle kommt, die er nicht ablehnen kann. Oder ein Regisseur ihn so lange bearbeitet wie Steven Spielberg.

Forum

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insgesamt 9 Beiträge
1. Vergessen?
cobaea 25.02.2013
Da zählt der Kulturjournlist akribisch Rolle für Rolle auf, mit denen Day-Lewis Furore machte und vergisst ausgerechnet jene des rechtsradikalen Johnny, der in Stephen Frears "Mein wunderbarer Waschsalon (My beautiful [...]
Zitat von sysopSteven Spielberg nannte ihn beim Dreh zu "Lincoln" nur "Mr. President". Kaum ein Darsteller nimmt Rollen so an wie Daniel Day-Lewis. Er verkörpert amerikanische Helden und Antihelden in Perfektion - obwohl er Brite ist. Dafür erhielt er zum dritten Mal die Trophäe als bester Hauptdarsteller.
Da zählt der Kulturjournlist akribisch Rolle für Rolle auf, mit denen Day-Lewis Furore machte und vergisst ausgerechnet jene des rechtsradikalen Johnny, der in Stephen Frears "Mein wunderbarer Waschsalon (My beautiful laundrette)" 1985 zusammen mit seinem pakistanischen Freund eben diesen Waschsalon eröffnet. Womit sich beide Protagonisten zwischen alle Stühle ihres heweiligen sozialen Umfelds setzen....
2. Ddl
derpolokolop 25.02.2013
Ist ein spitzen Schauspieler. Aber ihr habt doch auch Grund zur Freude mit der Deutsch-Österreicher Waltz!!!
Zitat von sysopSteven Spielberg nannte ihn beim Dreh zu "Lincoln" nur "Mr. President". Kaum ein Darsteller nimmt Rollen so an wie Daniel Day-Lewis. Er verkörpert amerikanische Helden und Antihelden in Perfektion - obwohl er Brite ist. Dafür erhielt er zum dritten Mal die Trophäe als bester Hauptdarsteller. Porträt des Oscar-Preisträgers Daniel Day-Lewis - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/kino/portraet-des-oscar-preistraegers-daniel-day-lewis-a-885297.html)
Ist ein spitzen Schauspieler. Aber ihr habt doch auch Grund zur Freude mit der Deutsch-Österreicher Waltz!!!
3.
ironaussie 25.02.2013
Und Christoph Waltz verkörpert deutsche Helden und Antihelden in Perfektion - obwohl er Österreicher ist ;)
Und Christoph Waltz verkörpert deutsche Helden und Antihelden in Perfektion - obwohl er Österreicher ist ;)
4. Der beste US-Präsident aller Zeiten? Ein Brite!
Tom Joad 25.02.2013
Stimmt! Anthony Hopkins als Richard Nixon ... *(:*
Stimmt! Anthony Hopkins als Richard Nixon ... *(:*
5. Crossing the pond
bob_sleigh 25.02.2013
Day-Lewis ist allerdings nicht der erste Brite, der einen amerikanischen Präsidenten erfolgreich spielt. 1995 spielte Anthony Hopkins (ein Waliser) den Skandalpolitiker Richard Nixon.
Day-Lewis ist allerdings nicht der erste Brite, der einen amerikanischen Präsidenten erfolgreich spielt. 1995 spielte Anthony Hopkins (ein Waliser) den Skandalpolitiker Richard Nixon.

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