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25.02.2013
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Oscar-Fehlurteile 2013

Triumph der Feigheit

Von
20th Century Fox

Konsens statt Kontroverse: 2012 war ein herausragendes Jahr für US-amerikanische Filme, bei der Oscar-Verleihung aber zeichneten die Juroren die falschen aus. Den messianischen "Lincoln" statt des kompromisslosen "The Master", den Retro-Thriller "Argo" statt des brisanten "Zero Dark Thirty".

Der Satz, für den Jessica Chastain den Oscar als beste Hauptdarstellerin verdient gehabt hätte, hätte während der Gala gar nicht gezeigt werden dürfen. In "Zero Dark Thirty" spielt sie die CIA-Agentin Maya, die ihr gesamtes Berufsleben damit verbracht hat, Osama bin Laden zu jagen. In einem Meeting, an dem außer ihr nur Männer teilnehmen, soll schließlich beraten werden, ob ein wahrscheinliches Versteck bin Ladens angegriffen werden soll. Maya muss alle Zweifel an ihrer Arbeit und an ihrer Person beiseite wischen, wenn sie die anderen davon überzeugen will, dass sie das richtige Haus gefunden haben. Sie tut das mit einem einzigen Satz. "I'm the motherfucker who found this place." Die Männerrunde schluckt kurz. Dann ist der Angriff beschlossene Sache.

Dass die diesjährigen Academy Awards für solche denkwürdigen Momente keinen Raum, geschweige denn Preise parat hatten, ist symptomatisch. Harmlos hat ein ums andere Mal brisant ausgestochen, Konsens die Kontroverse übertüncht. So ist aus einem Filmjahrgang, der formal und inhaltlich so spannend wie seit langem nicht mehr war, eine Parade des Gähnens geworden.

Das spiegelte sich schon im Preis für den besten Dokumentarfilm wider. Dort gewann mit "Searching for Sugar Man" ein herzerwärmendes Feelgood-Movie, das erzählt, wie dem in Vergessenheit geratenen US-Singer/Songwriter Sixto Rodriguez doch noch Erfolg und Anerkennung zuteil werden. Die Pointe der Geschichte, nämlich die Entdeckung, dass Rodriguez in Südafrika ein Superstar ist, hat sich aber im Jahr 1998 ereignet. Der ebenfalls nominierte Film "The Invisible War" setzte dagegen das Thema der sexuellen Gewalt gegen Frauen in der US-Army überhaupt erst auf die Agenda und sorgte für eine schmerzhafte Diskussion darüber, wie die militärische Führung der USA das Leid der Opfer ignoriert.

Risikoscheu

Noch offensichtlicher war die Drückebergerei vor allem Brenzligen aber in den Kategorien "Bester Film" und "Bester Hauptdarsteller". Daniel Day-Lewis spielt seinen Abraham Lincoln so bedingungslos als Messiasfigur, dass man über diese demonstrative Risikoscheu nur noch staunen kann. In einer der letzten Szenen des Films sagt Lincoln, er würde gern einmal ins Heilige Land reisen und dort auf den Spuren Davids und Solomons wandeln. Im allerletzten Bild hat er schließlich jesusgleich die Arme ausgebreitet. Ein Oscar für den Erlöser - einfacher kann man es sich kaum machen.

Dabei stand mit Joaquin Phoenix ein Kandidat bereit, der in "The Master" eine der kompromisslosesten Leistungen aller Zeiten bietet. Es ist fast eine körperliche Zumutung, ihm dabei zuzusehen, wie er in der Rolle des Kriegsversehrten Freddie Quell Körper und Geist so lange verdreht, bis beides in einer unrettbaren Schieflage einrastet. Die Anspannung, die diese Figur auf den Zuschauer überträgt, ist das genaue Gegenteil des sedierenden Pathos' von "Lincoln". Wo der eine über Kinderköpfe streichelt, langt sich der andere in den Schritt und masturbiert in aller Öffentlichkeit. Auch das keine Szene, die man bei den Oscars je zu sehen bekommen wird. Aber eine, die sich unauslöschlich ins Gehirn einbrennt.

Fauler Kompromiss

Immerhin sind weder Steven Spielberg und sein Drehbuchautor Tony Kushner, noch "Lincoln" selbst als bester Film ausgezeichnet worden. Doch auch "Argo", der Gewinner in der Hauptkategorie ist ein fauler Kompromiss. In hübsche Retro-Harmlosigkeit verpackt, handelt der Film eigentlich von der Unmöglichkeit, Filme wie ihn selbst heute noch zu machen. Ben Affleck spielt darin einen CIA-Agenten, der zu Beginn der achtziger Jahre sechs US-Geiseln aus dem Iran befreit. Das ist spannend und unterhaltsam anzuschauen - und gleichzeitig heillos aus der Zeit gefallen. Denn ein CIA-Agent als moralisch unantastbarer Held? 2013, nach Jahren des war on terror, der systematischen Folter und außerordentlichen Auslieferungen durch die CIA, ist das schlicht nicht mehr erzählbar. Deshalb muss "Argo" vor 33 Jahren spielen, in einer Zeit und in einem Raum, die abgelöst von der Gegenwart funktionieren und in der Rückschau wenig mehr als amüsieren.

Dass der wichtigste Film des Jahres, "Zero Dark Thirty", dagegen bis auf einen - auch noch geteilten - Oscar für den Tonschnitt leer ausgeht, ist da schon fast konsequent. Zu aktuell, zu schmerzhaft, zu ambivalent sind seine Themen und Figuren, als dass sie konsensfähig wären. Dabei hat Kathryn Bigelows Arbeit genau das geschafft, was den Kern unserer Faszination an Filmen ausmacht - dass sie ein einzigartiges Gefäß für gesellschaftliche Befindlichkeiten sind und diese gleichzeitig auch prägen können. Man muss es noch einmal so deutlich sagen: "Zero Dark Thirty" hat als einziger unter den Nominierungen für den besten Film des Jahres gezielt eine breite politische Diskussion entfacht.

Ob diese Debatte den Machern immer so zupass kam und sie nicht vielleicht alle wichtigen Auszeichnungen gekostet hat, ist dabei nicht der Punkt. Sie sind das Risiko eingegangen, sich angreifbar zu machen, und das ist eine Qualität, die 2013 fast zu einem Ausschlusskriterium für den Oscar geworden ist.

Forum

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insgesamt 92 Beiträge
1. Schon die Prämisse ist falsch
flippert0 25.02.2013
2012 war kein sonderliche gutes Jahr für den US-Film. Auch kein besonders schlechtes, sondern lediglich Durchschnitt. Wer nach einem besonders guten Jahr sucht, schaut auf 1999 (2000). Ansonsten ist die Academy mal wieder so [...]
2012 war kein sonderliche gutes Jahr für den US-Film. Auch kein besonders schlechtes, sondern lediglich Durchschnitt. Wer nach einem besonders guten Jahr sucht, schaut auf 1999 (2000). Ansonsten ist die Academy mal wieder so mutig bzw. feige wie immer gewesen.
2.
Matthias_H 25.02.2013
... Habe ich ein Wortspiel verpasst, oder ist das einfach nur peinlich?
... Habe ich ein Wortspiel verpasst, oder ist das einfach nur peinlich?
3. Osar und Politik
xjazz 25.02.2013
Der Oscar war doch noch nie besonders politisch.
Der Oscar war doch noch nie besonders politisch.
4. Schlichtweg schlecht
schwampf 25.02.2013
Vielleicht liegt es ja auch daran, dass 'Zero Dark Thirty', so 'ambivalent und schmerzhaft' seine Themen auch sein mögen schlichtweg ein schlechter Film ist...
Vielleicht liegt es ja auch daran, dass 'Zero Dark Thirty', so 'ambivalent und schmerzhaft' seine Themen auch sein mögen schlichtweg ein schlechter Film ist...
5. Was ist schon gut?
hubertrudnick1 25.02.2013
Nur weil die Medien über bestimmte Filme/Produktionen schreiben müssen sie doch nicht auch allen anderen gefallen und wer sagt schon wer hat eine Auszeichnung verdient? Es ist immer Ansichtsache und vielleicht ziehen auch [...]
Zitat von sysopKonsens statt Kontroverse: 2012 war ein herausragendes Jahr für US-amerikanische Filme, bei der Oscar Verleihung aber zeichneten die Juroren die falschen aus. Das messianische "Lincoln" statt des kompromisslosen "The Master", der Retro-Thriller "Argo" statt des brisanten "Zero Dark Thirty". Academy Awards 2013: Warum nur Langeweiler Oscars gewonnen haben - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/kino/academy-awards-2013-warum-nur-langeweiler-oscars-gewonnen-haben-a-885321.html)
Nur weil die Medien über bestimmte Filme/Produktionen schreiben müssen sie doch nicht auch allen anderen gefallen und wer sagt schon wer hat eine Auszeichnung verdient? Es ist immer Ansichtsache und vielleicht ziehen auch hinter den Bühne bestimmte Leute an den Strippen, aber ist das denn nicht immer so?

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