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26.02.2013
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Kampusch-Film "3096 Tage"

Gehorche! Gehorche! Gehorche!

Von Tim Slagman
Foto: Constantin

Keine Psychologisierung, keine Emotionalisierung: Der Kinofilm "3096 Tage" nach dem Buch von Natascha Kampusch erzählt deren Jahre in Gefangenschaft als komplexes, widersprüchliches Beziehungsgeflecht. Entführer Priklopil wird dabei zur Verkörperung des kontrollwütigen Spießers.

Diesen Anfang hätte man nicht erwartet: Natascha Kampusch (Antonia Campbell-Hughes) zieht einsam ihre Bögen in den Schnee, sie scheint alleine auf der Piste, ein Bild der Weite und der Freiheit. Es kann nur ein flüchtiger Traum gewesen sein, denn bald steht er wieder neben ihr, der Entführer Wolfgang Priklopil (Thure Lindhart), der sogar die Toiletten am Hang inspiziert, bevor Natascha sich dort erleichtern kann.

Kampusch selbst hat im Jahr 2010 mit dem Buch "3096 Tage" ihre Erfahrungen der mehrjährigen Gefangenschaft in Priklopils Keller verarbeitet. Der im Januar 2011 verstorbene Bernd Eichinger destillierte aus dieser Vorlage und vielen persönlichen Gesprächen mit Kampusch ein Drehbuchfragment, das Ruth Thoma nach Eichingers Tod zum fertigen Skript ausarbeitete. "Erzählen, was wirklich geschehen ist" - dies ist das vollmundige Anliegen des Films. Wenn man sich allerdings erinnert, wie Eichinger 2004 als Autor und Produzent von "Der Untergang" in seiner ganzen authentizitätsberauschten Detailfixierung die Wahrheit weiter verfehlte, als es jedem fiktionalen Film je möglich gewesen wäre, dann konnte es einem ob dieser Aussicht angst und bange werden.

Umgeben von grauen Wänden

Diese Furcht jedoch erweist sich als unbegründet. In der Reduzierung auf die Opferperspektive, die so ganz freilich nicht durchgehalten wird, entkommt Regisseurin Sherry Hormann den vielen Fallen ihres Sujets: Sie emotionalisiert nicht. Sie psychologisiert nicht. Und sie verzichtet darauf, einen notwendig fiktiven Hintergrund zu erschaffen, der die Taten dieses Priklopil erklären würde, der die zehnjährige Natascha, gespielt von Amelia Pidgeon, im März 1998 auf dem Schulweg in seinen weißen Lieferwagen zerrt und sie dann achteinhalb Jahre als Tochter, Gefährtin, Gespielin in einem zwei mal drei Meter großen Bunker unter seinem Haus gefangen hält. Kamera-Legende Michael Ballhaus ("Die Ehe der Maria Braun", "Departed - Unter Feinden") hat sich für diesen Film aus dem Ruhestand begeben und macht aus der Not eine Tugend: In jeder Einstellung sind graue Wände sichtbar, jedes Bild beschreibt die Enge von Nataschas neuer Welt.

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Kinofilm "3096 Tage": Ein Verbrechen und seine vielen Facetten
Apropos Enge: Wenn es so etwas wie eine These dieses Films gibt, dann stellt er Priklopil als die Verkörperung des spießbürgerlichen Kontrollwahns dar. Wisch das weg! Weißt du, wie viel das Shampoo kostet? Da muss erst ein Platzdeckchen drunter. Und, immer wieder bis in Nataschas Träume hinein: gehorche! Gehorche! Gehorche! Priklopils Kaffeekränzchen mit Mutter, Oma und scheußlich altbürgerlichem Porzellanservice erinnert in Bildaufbau und Atmosphäre durchaus an den dienststubenmieferstickten Suppenimbiss, den Eichinger in einer bezeichnenden Szene des "Baader-Meinhof-Komplex" den BKA-Präsidenten Horst Herold mit seinem Assistenten löffeln ließ.

Entsprechend unbewegt, geradezu als Chiffre legt der dänische Schauspieler Thure Lindhardt seine Figur an. Unfähig zum Glück, wie er ist, gerät ihm ein Lachen höchstens zur scheußlichen Grimasse. Nur im Zorn kann er sich mitteilen, die Gewalt ist sein Medium, und wenn er auf Natascha einprügelt, dann fliegen ihm symbolträchtig die sorgfältig nach hinten pomadisierten Locken in die Stirn. Später als es in Wirklichkeit wohl der Fall war, entlässt dieser Priklopil Natascha ab und an aus ihrem Kerker, in dem sie sich, so suggeriert es der Film, jahrelang die Zeit mit Büchern, Malen und hindrapierten Kinderkleidchen als Spielkameraden vertreiben musste.

Verhängnis und Erlösung folgen keinem Masterplan

Diesem Verlies entsteigt eine junge Frau, die Autofahrten, Gartenspaziergänge, Baumarktbesuche als überwältigende Sinneseindrücke voller Möglichkeiten und Gefahren wahrnimmt. Antonia Campbell-Hughes kehrt das Zerbrechliche ihrer Figur ebenso hervor wie das langsam erwachende Selbstbewusstsein. Mal mit gesenktem Blick, der hin- und herhuscht, dann wieder mit hoffnungsvoller Unterwürfigkeit, strahlend vor Glück oder zu Tränen aufgelöst: Einer eindeutigen Interpretation ihrer Rolle weicht sie aus.

Das ist trefflich, weil sich in so langer Gefangenschaft sicherlich ein wahnwitziges Sammelsurium aus widersprüchlichen Gefühlen entwickeln muss. Dieses führen die Filmemacher in einer gewagten Szene zu seiner logischen Konsequenz: Priklopil vergewaltigt Natascha, nicht zum ersten Mal, und sie scheint zu versuchen, der Situation geradezu trotzig einen eigenen Lustgewinn abzuringen. Kampusch hat diese Szenen abgesegnet, weil sie den Spekulationen darüber ein Ende setzen wollte - dennoch ist das Geschehen gerade in seiner Vieldeutigkeit wesentlich verstörender als manche in Zeitlupe ausgewalzte Prügelattacke Priklopils.

Nataschas Entwicklung von einem verängstigten Kind zu einer erstarkenden Frau ist das Skelett, an das die Erzählung sprunghaft Einzelszenen heftet - bis Natascha im August 2006 die Flucht aus der Gefangenschaft gelingt. Eine Unachtsamkeit, ein Verkettung von Zufällen: Verhängnis und Erlösung folgen keinem Masterplan, an Kampuschs Geschichte ist nichts Exemplarisches und nichts Zwangsläufiges. Außer vielleicht einer klugen Erkenntnis, die die Gefangene ihrem Peiniger entgegenschleudert und die dem Film vorangestellt ist: Nur einer der beiden werde diese Sache überleben.

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insgesamt 58 Beiträge
1. sehenswert
tinosaurus 26.02.2013
Ich finde es Mutig von Frau Kampusch, dass sie über den Vorfall redet und sich von einigen Menschen, die sie dafür auch noch angreifen, nicht irritieren lässt. Für viele wirkt sie anscheinend zu ruhig, zu selbstbewußt und [...]
Ich finde es Mutig von Frau Kampusch, dass sie über den Vorfall redet und sich von einigen Menschen, die sie dafür auch noch angreifen, nicht irritieren lässt. Für viele wirkt sie anscheinend zu ruhig, zu selbstbewußt und abgeklärt. Respekt!
2. Mal ehrlich
apfeldroid 26.02.2013
wer guckt sich sowas an? Was soll die Erkenntnis des Films werden? Unterstes Niveau. In paar Jahren kommt ein Breivik Film, Hauptsache Kasse machen!
wer guckt sich sowas an? Was soll die Erkenntnis des Films werden? Unterstes Niveau. In paar Jahren kommt ein Breivik Film, Hauptsache Kasse machen!
3. Tochter, Gefährtin, Gespielin?
rademenes 26.02.2013
Zitat SpOn: "Tochter, Gefährtin, Gespielin"... Diese drei eher eine humane Behandlung andeutenden Umschreibungen muten doch recht seltsam an! Ein Pädophiler Irrer hält über Jahre ein Kind in einem Loch gefangen, war die [...]
Zitat SpOn: "Tochter, Gefährtin, Gespielin"... Diese drei eher eine humane Behandlung andeutenden Umschreibungen muten doch recht seltsam an! Ein Pädophiler Irrer hält über Jahre ein Kind in einem Loch gefangen, war die mir bisher bekannte Version der Geschehnisse. Vielleicht mag der Autor mir helfen und schreiben, wo in "seiner Version" sich diese Umstände wieder finden; ich schaffe sie beim besten Willen nicht zu finden! Ich mag mir noch vorstellen, dass dies teilweise die Perspektive des Täters wiedergibt. So weit, so gut, mag der sich Tochter und Gefährtin (wider Willen) einreden, aber das vergewaltigte Kind als "Gespielin" zu paraphrasieren ist doch über die Maßen perfide! Diese Perspektive gibt es nämlich nicht - weder eingebildet, noch stellvertretend eingenommen, noch real. Punkt.
4. ...
Jan B. 26.02.2013
Auch ich frage mich, was dieser Film soll. Was genau habe ich davon, mir das Leid dieser jungen Frau anzuschauen? Solang man etwas nicht selbst erlebt hat, wird es keinem Film, keinem Buch gelingen, das Geschehene auch nur [...]
Auch ich frage mich, was dieser Film soll. Was genau habe ich davon, mir das Leid dieser jungen Frau anzuschauen? Solang man etwas nicht selbst erlebt hat, wird es keinem Film, keinem Buch gelingen, das Geschehene auch nur ansatzweise realitätsnah zu zeigen. Wer sich so etwas anschaut, ist in meinen Augen nichts anderes als ein Voyeur, der darauf hofft, ein paar schmutzige Szenen gezeigt zu bekommen. Wie wohl die meisten Menschen kenne ich Frau Kampusch nicht persönlich, habe niemals an ihrem Schicksal teilgenommen und dieser Film wird kaum etwas daran ändern, dass derartige Taten wieder und wieder und wieder passieren.
5.
megamind45 26.02.2013
Was Natascha Kampusch erleiden musste kann sich wahrscheinlich keiner von uns vorstellen, aber mittlerweile hängt Fr. Kampusch mir zum Halse raus immer wieder dieses Kasse machen der Geschichte und wir Idioten fallen auch noch [...]
Was Natascha Kampusch erleiden musste kann sich wahrscheinlich keiner von uns vorstellen, aber mittlerweile hängt Fr. Kampusch mir zum Halse raus immer wieder dieses Kasse machen der Geschichte und wir Idioten fallen auch noch darauf rein einfach schrecklich das so eine traurige Sache so dermaßen ausgeschlachtet wird

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3096 Tage

D 2013

Regie: Sherry Hormann

Buch: Bernd Eichinger, Peter Reichhard

Darsteller: Antonia Campbell-Hughes, Amelia Pidgeon, Thure Lindhardt, Trine Dyrholm

Produktion: Constantin Film

Verleih: Constantin Film

Länge: 109 Minuten

Start: 28. Februar 2013

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