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27.02.2013
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Hollywood-Star Bill Murray

"Man hält den Mann leicht für ein Monster"

TOBIS Film

Staatsmann und Schürzenjäger: In "Hyde Park am Hudson" spielt Bill Murray den US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt. Im Interview verrät der PR-scheue Star, warum er sich entspannen muss, um einen solchen Charakter zu spielen - und welche Rolle ihm leider durch die Lappen ging.

Er kommt im Taxi zum Interview in Toronto, mit senfgelbem Koffer und karierter Hose. Spektakulärer noch als sein Retro-Look ist die Tatsache, dass Bill Murray überhaupt kommt - der Charakterdarsteller verweigert sich normalerweise jeglicher PR. In der Komödie "Hyde Park am Hudson" spielt der 62-Jährige den US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt, der an einem Wochenende im Jahr 1939 das britische Königspaar auf seinem Wochenendsitz zu Besuch hat. Und seine heimliche Geliebte Daisy.

SPIEGEL ONLINE: Bill, Sie porträtieren Franklin Delano Roosevelt als klugen, verschmitzten Staatsmann - und als Schürzenjäger. Roosevelts Aufreißerspruch lautete: "Wollen Sie meine Briefmarkensammlung sehen?" Wie lautet Ihrer?

Murray: Ich sammle keine Briefmarken, also muss ich anders vorgehen. Ich würde so etwas sagen wie "Treiben Sie Sport? Sie sehen phantastisch aus!" Mir ist es aber eh lieber, wenn eine Frau auf mich zugeht.

SPIEGEL ONLINE: Sie machen sich auf der Leinwand rar - zehn Filme in zehn Jahren ist geradezu geizig. Fällt es Ihnen dadurch leichter, sich in eine schwierige Rolle wie Roosevelt hineinzuversetzen?

Murray: Bei jeder Rolle begebe ich mich sehr tief in mich hinein. Außerhalb der Arbeit schweifen meine Gedanken um viele Dinge, aber ich fokussiere mich nie so intensiv auf mein Inneres, wie wenn ich mich auf meinen Part vorbereite.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt das?

Murray: Keine Ahnung. Anfangs bin ich anders an meine Arbeit herangegangen und habe gerade in Komödien oberflächlicher gespielt - ich habe mich in einem bestimmten Rahmen verhalten, ohne dass ich dafür vorher tief in mich gehen musste. Aber bei intensiveren Stoffen ist es nötig, sich innerlich fest zu verankern, um authentisch zu wirken. Es geht darum, sich voll und ganz zu entspannen, dann ist man geistig wacher und kann flexibler auf die anderen Schauspieler reagieren. Das macht dein Spiel vielseitiger, du läufst nicht Gefahr, in eine Routine zu verfallen. Wenn ich eine Einstellung wiederholen muss, weigere ich mich, zu reproduzieren, was ich vorher gespielt habe. Damit nähme ich dem Moment ja das Momenthafte.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihnen bei Roosevelt besonders schwer gefallen?

Murray: Es ist immer schwer, die Erwartungen der Leute bei so einer Person zu erfüllen. Gerade Roosevelt war ja eine überragende Persönlichkeit. Bewundernswert, wie er sich zurück ins Leben gekämpft hat, nachdem er seine Kinderlähmung überwunden hatte. Er hat Wege gefunden, seinen Körper zu regenerieren, die nicht einmal den Ärzten damals bekannt waren.

SPIEGEL ONLINE: War es Ihnen wichtiger, ihn als Menschen darzustellen oder als Politiker?

Murray: Es ging mir um all seine Facetten. Er sollte nicht in einer Schublade landen, also zum Beispiel darauf reduziert werden, dass er seine Frau betrogen hat. Sonst könnte man ihn leicht für ein Monster halten. Was für eine immense Willensstärke muss aber dahinter stecken, die Kontrolle über seinen Körper so zurückzugewinnen!? Und nicht zu vergessen: Welche enormen politischen Leistungen hat er vollbracht!

SPIEGEL ONLINE: Auch seine Frau Eleanor hatte großen politischen Einfluss, sie hat die Frauenrechtsbewegung massiv unterstützt und mitbewirkt, dass die USA dem Völkerbund beitraten, dem Vorläufer der Uno. Was einte die beiden privat?

Murray: Im Grunde genommen haben sie eine moderne Beziehung geführt. Sie müssen sich gesagt haben: "Wir haben zu viel gemeinsam, als dass Seitensprünge das zerstören können." Es gab für sie wichtige Aufgaben, die sie gemeinsam meistern wollten. Die Frage ist ja: Hat er wirklich so viele Freundinnen gehabt? Bei so einem Job hat man doch eh kaum Zeit! Aber in den wenigen Momenten, in denen er wirklich für sich sein konnte, fühlte er sich wohl wie ein vernachlässigtes Kind.

SPIEGEL ONLINE: Roosevelt war das US-Oberhaupt, das am längsten im Amt war - zwölf Jahre. Haben Sie sich je für einen Politiker eingesetzt? Interessieren Sie sich überhaupt für Politik?

Murray: Sehr. Und ich hoffe bei jeder Wahl, dass sie nicht nur zu einer Schlammschlacht ausartet. Davon hat die Bevölkerung längst genug. Es wäre besser, wenn Debatten wieder sachbezogen geführt würden. Es gibt in Amerika viele Menschen, die es schwer haben, in Europa und vielen anderen Ländern sieht es ähnlich düster aus. In den USA haben die Leute jetzt endlich realisiert, dass wir auf der Welt alle im selben Boot sitzen. Die Immobilienblase hier betrifft auch Deutschland. Die Finanzkrise ist wie ein Virus, das sich flächendeckend ausbreitet.

SPIEGEL ONLINE: Sie besitzen weder ein Handy noch einen Agenten. Sie geben kaum Interviews, lassen auch Regisseure selten an sich heran. Haben Sie es je bereut, dadurch ein gutes Engagement verpasst zu haben?

Murray: In meiner ganzen Karriere war es nur eines.

SPIEGEL ONLINE: Welcher Film?

Murray: "Ein Jahr in der Hölle" von Peter Weir, 1982. Mel Gibson hat dann die Hauptrolle gekriegt. Ich hätte sie gern gehabt, und sie ist mir tatsächlich entgangen, weil ich mich von mir aus nicht mehr umhöre und es nicht sonderlich leicht ist, an mich heranzukommen. Ich war zuvor in Indonesien und fasziniert von dem Land, es geht in dem Film ja um den Putsch 1965 und den Bürgerkrieg. Andererseits ist Peter Weir Australier, insofern war es naheliegend, dass er Mel besetzt hat und nicht mich.

SPIEGEL ONLINE: Gerade hat die Oscar-Verleihung die "Award Season" abgeschlossen. Was haben Ihnen die Statuen und Auszeichnungen bedeutet, mit denen Sie bislang geehrt worden sind?

Murray: Ich habe mich natürlich über die vielen Preise gefreut, obwohl ich für einen Oscar bisher nur nominiert war. Wobei der eigentlich amüsante Teil der Oscar-Verleihung ja ohnehin darin besteht, da vorn auf der Bühne zu stehen und die Gewinnerrede zu halten. Das ist wirklich entscheidend, denn da kannst du zum Ausdruck bringen, wie viel Spaß du beim Dreh hattest. Wie auch immer, fest steht: Man kann einen Oscar nicht länger als zwei Nächte mit ins Bett nehmen, ohne blaue Flecken zu bekommen.

Das Interview führte Mariam Schaghaghi

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insgesamt 6 Beiträge
1. feuern!
andy.o. 27.02.2013
in the royal tennenbaums ist bill murray nicht der vater, sondern der lover der tochter da draußen wartet eine horde heißblütiger journalistenanwärter, die solcher fehler nie machen würde
in the royal tennenbaums ist bill murray nicht der vater, sondern der lover der tochter da draußen wartet eine horde heißblütiger journalistenanwärter, die solcher fehler nie machen würde
2.
Zaunsfeld 27.02.2013
Bill Murray - meiner Meinung nach ein weit unterschätzter Schauspieler. Ich sehe ihn jedenfalls immer wieder gern.
Bill Murray - meiner Meinung nach ein weit unterschätzter Schauspieler. Ich sehe ihn jedenfalls immer wieder gern.
3.
angst+money 27.02.2013
Nach Ghostbusters hat es bei mir ein paar Jahrzehnte gedauert, bevor ich es mitbekommen habe dass er sowohl gut als auch ziemlich witzig sein kann. Eine Mitschuld trägt aber auch sein deutscher Synchronsprecher.
Zitat von ZaunsfeldBill Murray - meiner Meinung nach ein weit unterschätzter Schauspieler. Ich sehe ihn jedenfalls immer wieder gern.
Nach Ghostbusters hat es bei mir ein paar Jahrzehnte gedauert, bevor ich es mitbekommen habe dass er sowohl gut als auch ziemlich witzig sein kann. Eine Mitschuld trägt aber auch sein deutscher Synchronsprecher.
4.
mitchomitch 27.02.2013
Den sagenhaften Auftritt in Zombieland, in dem Bill Murray sich kurzerhand selbst spielte inklusive Verwandlung in einen Untoten, würde ich persönlich bei der Kurzfilmografie gerne noch hinzufügen wollen.
Den sagenhaften Auftritt in Zombieland, in dem Bill Murray sich kurzerhand selbst spielte inklusive Verwandlung in einen Untoten, würde ich persönlich bei der Kurzfilmografie gerne noch hinzufügen wollen.
5. jaguar shark ...
SeasickSteve 27.02.2013
...uneingeschränkte Zustimmung. Es gibt nur wenige Schauspieler, die mit reduziertem Spiel so durch und durch "witzig" sind. Beweis? 119 Min. Wes Andersons "The life aquatic with Steve Zizou" [...]
Zitat von ZaunsfeldBill Murray - meiner Meinung nach ein weit unterschätzter Schauspieler. Ich sehe ihn jedenfalls immer wieder gern.
...uneingeschränkte Zustimmung. Es gibt nur wenige Schauspieler, die mit reduziertem Spiel so durch und durch "witzig" sind. Beweis? 119 Min. Wes Andersons "The life aquatic with Steve Zizou" (deutscher Titel - dämlich wie immer - "Die Tiefseetaucher")!

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Zur Person

  • DPA
    Bill Murray, Jahrgang 1950, gehörte zum Autorenteam der US-amerikanischen TV-Sendung "Saturday Night Live" bevor er mit Filmrollen bekannt wurde. Zu seinen Erfolgen zählen die Science Fiction Komödie "Ghostbusters" (1984) und die Komödie "Und täglich grüßt das Murmeltier" (1993). Für seine Rolle in "Lost in Translation" (2003) an der Seite von Scarlett Johannson erhielt er einen Golden Globe und eine Oscar-Nominierung. In seiner aktuellen Rolle in "Hyde Park am Hudson" spielt Murray den US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt.

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