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Kultur

Flüchtlingsdoku "Human Flow"

Wenn nur Ai Weiwei nicht wäre

Geht es ihm um die Flüchtlinge - oder doch um sich selbst? Das humanitäre Engagement von Ai Weiwei ist umstritten. Jetzt hat er die Flüchtlingsdoku "Human Flow" gedreht.

NFP
Von
Freitag, 17.11.2017   20:00 Uhr

Eine Möwe fliegt über das Mittelmeer, weiße Flügel, die sich abheben vor Tiefblau. Dann schiebt sich ein Boot ins Bild. Langsam, mit einer unausweichlichen Ruhe. Als sei dies hier kein Ausnahmezustand, obwohl sich doch Dutzende Menschen in Rettungswesten auf Deck drängen.

Ein dermaßen majestätischer Blick auf Fluchtbewegungen, wie ihn Ai Weiweis Dokumentarfilm "Human Flow" ausbreitet, ist neu für den Zuschauer. Ästhetische Maßstäbe in der künstlerischen Verarbeitung der Flüchtlingskrise setzte bislang vor allem die Doku "Seefeuer", für die Gianfraco Rosi die Einwohner der italienischen Insel Lampedusa begleitete und mit spröden Bildern eine Gesellschaft abbildete, die mit dem Tod der Bootsflüchtlinge vor der eigenen Küste umgeht, indem sie ihn ausblendet. Weis ästhetischer Ansatz bei seinem Mammutprojekt "Human Flow", für das er in über 20 Ländern drehte, ist im Vergleich Hochglanz.

Kurzrezension zu "Human Flow" im Video:

Foto: NFP

Wie viel Schönheit verträgt das Unrecht? Man beginnt gerade, diese Frage auszutarieren, wird nach wenigen Minuten aber aus den Gedanken gerissen. Schnitt. Jetzt im Bild: ein rundlicher Mann, der an einem Straßenrand durch den Staub robbt, eine Kamera in den Händen. Warum sich Ai Weiwei in dieser Szene so filmen lässt, erzählen die Bilder zunächst nicht. Ai nimmt so einfach erst mal Raum ein.

Ai Weiwei und seine Auseinandersetzung mit der Flüchtlingskrise, das ist eine schwierige Sache - bereits in der Vergangenheit stellte der Kunst-Weltstar sich und das eigene Engagement manchmal so prominent in den Vordergrund, dass Selbstinszenierung und humanitäre Geste zu einem ziemlich schiefen Eindruck verwuchsen.

Im vergangenen Jahr legte sich Ai auf Lesbos an den Strand, eine Pose, die die des ertrunkenen Flüchtlingskindes Alan Kurdi nachahmen sollte. Das wirkte nicht empathisch, sondern wie pietätlose Aneignung von Leid.

Als Ai an der griechisch-mazedonischen Grenze im Flüchtlingslager Idomeni an einem Flügel eine junge Syrerin spielen ließ, um dann zu verkünden, dass Kunst den Krieg besiege, war das platt.

#AiWeiwei poses as a drowned Syrian refugee toddler. Who will throw the first stone in the name of #AylanKurdi? https://t.co/1QTwNEYGjL

Teivo Teivainen (@TeivoTeivainen) 31. Januar 2016

Die Interviews zu "Human Flow" finden in Ais Atelier in Prenzlauer Berg statt, ein riesiger, stillgelegter Brauereikeller mit Backsteinwänden und voll wuseliger Assistenten. Man muss gar nicht fragen, Ai kennt die Vorwürfe mittlerweile so gut, dass er selbst darauf kommt: "Es ist nicht so, dass ich mich in den Mittelpunkt stelle, wie die deutschen Medien schreiben. Ich bin als Flüchtling geboren. Mein Vater wurde von der Führung in abgelegene chinesische Gebiete verbannt. Ich bin damit aufgewachsen, ich weiß, wie es sich anfühlt." Ganz so glatt ist es aber eben nicht, wenn einer die eigene Biografie mit dem Schicksal anderer verwebt und daraus öffentlich eine Bedeutung konstruiert.

"Human Flow" erntete im September bei den Festspielen in Venedig Kritik. Und ja, es gibt diese Autsch-Szenen: Wenn sich Ai im Straßengraben rollt. Wenn Ai im Flüchtlingslager in Kenia einfach nur sein Handy in der Hand hält und die Kamera ihn dabei filmt: Ai Weiwei filming things. Wenn Ai mit einem jungen Mann in einem Flüchtlingslager darüber scherzt, dass sie doch Pässe tauschen könnten.

REUTERS

Ai Weiwei (rechts) hält im März 2016 in Idomeni eine Plane über eine syrische Klavierspielerin

Der Mann lacht. Aber der Zuschauer weiß eben um Ais Biografie: Er weiß, dass der Künstler und Regimekritiker in seiner Heimat China verfolgt wurde, ihm der Pass und so die Ausreise vier Jahre lang verweigert wurde, es massive Kritik an dem Fall aus dem Westen gab. Er weiß, dass Ai vor zwei Jahren nach Berlin fliegen konnte, wo er seitdem arbeitet. Er weiß nichts von dem jungen Mann. Aber er sieht die Baracken des Flüchtlingslagers und weiß, hier sind sich zwei Leben nicht gleich. Dein Schmerz ist mein Schmerz? Man braucht diesen Übergriff nicht, um Ais Biografie und seinem Leid nahezukommen. Und man braucht seine Person nicht, um das Elend globaler Flüchtlingspolitik zu verstehen.


"Human Flow"
Deutschland 2017
Regie: AI Weiwei
Drehbuch: Chin-Chin Yap, Tim Finch, Boris Cheshirkov
Produktion: Participant Media, A C Films, Ai Weiwei Production
Verleih: NFP marketing & distribution
Länge: 140 Minuten
FSK: ab 6
Start: 16. November 2017


"Human Flow" ist so auch in den Momenten am stärksten, in denen Ai nicht vorkommt. Denn blendet man die Klitsch-Szenen aus, bleibt ein Film, der als Aufruf zu einer humaneren Flüchtlingspolitik durchaus funktioniert.

Vieles von dem, was Ai im Gespräch in Berlin zur aktuellen Flüchtlingspolitik zu sagen hat, geht zwar über die Phrase nicht hinaus ("Die Flüchtlingskrise ist eine humanitäre Krise." Oder: "Seit Anbeginn der Menschheit sind die Menschen in Bewegung."). Aber diese Flachheit muss man ihm im Gegensatz zur Selbstinszenierung nicht übelnehmen, weil im Film die Ästhetik die Moral sanft und gelungen bettet.

Es ist gewissermaßen eine schöne Welt, die Ai zeichnet: Er zeigt die Menschenwanderungen über den Balkan als stille Prozessionen, die Geschichte schreiben. Brennende Ölfelder vor Mossul, die aussehen wie ein Motiv aus einem Naturkalender. Die silbrigen Rettungsdecken, mit denen Bootsflüchtlinge an den Küsten Südeuropas vor Unterkühlung geschützt werden, das Überleben leuchtet knisternd. Gleichzeitig zeigt er aber auch, dass es eine Welt ist, in der junge Mädchen im Gaza-Streifen nur von Reisen träumen können. In der Männer weinen und nicht mehr aufhören können, weil fast die komplette Familie bei der Flucht über das Meer umkam. Und in der westliche Chancengleichheit als Pose entlarvt wird, wenn uniformierte Menschen andere Menschen an der griechisch-mazedonischen Grenze mit Tränengas zurückdrängen.

"Human Flow" - Kino-Trailer ansehen:

Foto: NFP

"Human Flow" zeigt so das Grauen als globalen Alltag und hat doch die Möglichkeit des humanitären Handelns nicht aufgegeben.

Diese Haltung funktioniert dabei so eindrücklich, dass einem nicht die Szenen in Erinnerung bleiben, in denen Ai sich am Leid anderer bedient. Sondern die, in denen Ai Tausende aufgetürmte Rettungswesten aus der Vogelperspektive filmt. Je höher die Kameradrohne steigt, desto stärker verschwimmen die orangenen Konturen. Am Ende bleiben nur noch schraffierte Muster, wie unberührte Bergketten. Dabei ist das hier doch alles menschengemacht.

insgesamt 9 Beiträge
spon-facebook-10000132861 17.11.2017
1. gespalten...
Ich bin da gespalten. So schwierig das Schicksal der Menschen ist, so wichtig auch das zu dokumentieren, so sehr fehlt mir bislang in Trailern, Interviews, Ankündigungen in Presse und Showbiz (Bambi) das Thema Bekämpfung der [...]
Ich bin da gespalten. So schwierig das Schicksal der Menschen ist, so wichtig auch das zu dokumentieren, so sehr fehlt mir bislang in Trailern, Interviews, Ankündigungen in Presse und Showbiz (Bambi) das Thema Bekämpfung der Fluchtursachen, und zwar -konkret-. Ich weiß nicht, ob das nicht doch im Film vorkommt, nur ohne das geht es nicht! Auch wenn er im Interview kritisiert, dass Deutschland noch nicht genug tun würde (?) aber darüber kein Wort. Aber auch im restlichen Deutschland wird viel geredet, aber nicht ein einziger Politiker hat wenigstens einmal eine Liste erstellt, auf denen die wichtigsten Fluchtursachen stehen, und welche man davon wie bekämpfen möchte. Schade. Wie beim 1. Irakkrieg, viele Plakate gegen die böse USA aber nicht ein einziges gegen die Waffenlieferungen (aus USA, Frankreich und Deutschland) an Saddam. Schade. Die Kritik oben kann ich verstehen. Viel zu viele Geschäftemacher verdienen an den Flüchtlingsströmen. Nicht immer ist ein "Dissident" und "Aktivist" zu Unrecht verfolgt.
doomsday_device 17.11.2017
2. Ich finds cool was er macht
Die Deutschen / die Europäer werfen den Chinesen so gern vor sie würden die Menschenrechte nicht achten. Ai WeiWei wurde oft als Beispiel herangezogen moralische Überlegenheit zu heucheln. Er tritt dem verlogenen Europa erstmal [...]
Die Deutschen / die Europäer werfen den Chinesen so gern vor sie würden die Menschenrechte nicht achten. Ai WeiWei wurde oft als Beispiel herangezogen moralische Überlegenheit zu heucheln. Er tritt dem verlogenen Europa erstmal prompt vors Schienbein (oder in die Eier :-D?) Genau richtig, endlich mal jemand der die Hand beisst, die Ihn füttert. Heuchelnde Opportunisten gibts hier genug...die ganze scheiss Welt ist voll davon. Das er jetzt aufgrund seiner Position im Rampenlicht steht, sehr gut, dann tut es wenigstens weh wenn er zutritt!
jarrefreak 17.11.2017
3. Dieser Mann ist ein Selbstdarsteller ...
... der übelsten Sorte! Unter dem Deckmantel der Kunst präsentiert er pausenlos seine politische Agenda, widerlich! Niemand will die Flüchtlingsproblematik runter reden, aber er nutzt geschickt die Freiheiten des westlichen [...]
... der übelsten Sorte! Unter dem Deckmantel der Kunst präsentiert er pausenlos seine politische Agenda, widerlich! Niemand will die Flüchtlingsproblematik runter reden, aber er nutzt geschickt die Freiheiten des westlichen Systems um seinen Clinch mit dem chinesischen System auszutragen. Und unsere Medien hofieren ihn kritiklos. Zum Kopfschütteln und Lachen! Dieser Artikel hier ist derVersuch einer differenzierten Betrachtung aber leider nicht mal im Ansatz deutlich genug.
vitalik 18.11.2017
4.
In den Mediatheken von ARD, ZDF, Phoenix und Co. werden Sie gleich mehrere Reportagen über Flüchtlinge und die Zustände in den Flüchtlingslagern finden. Es gibt aber einen Unterschied zwischen den Reportagen und der Doku [...]
Zitat von doomsday_deviceDie Deutschen / die Europäer werfen den Chinesen so gern vor sie würden die Menschenrechte nicht achten. Ai WeiWei wurde oft als Beispiel herangezogen moralische Überlegenheit zu heucheln. Er tritt dem verlogenen Europa erstmal prompt vors Schienbein (oder in die Eier :-D?) Genau richtig, endlich mal jemand der die Hand beisst, die Ihn füttert. Heuchelnde Opportunisten gibts hier genug...die ganze scheiss Welt ist voll davon. Das er jetzt aufgrund seiner Position im Rampenlicht steht, sehr gut, dann tut es wenigstens weh wenn er zutritt!
In den Mediatheken von ARD, ZDF, Phoenix und Co. werden Sie gleich mehrere Reportagen über Flüchtlinge und die Zustände in den Flüchtlingslagern finden. Es gibt aber einen Unterschied zwischen den Reportagen und der Doku von dem Herrn Ai Weiwei: In den Reportagen hält niemand allen 10 Sekunden sein eigenes Gesicht in die Kamera, da es nicht um die Reporter geht, sondern eben um die Flüchtlinge.
xvxxx 18.11.2017
5.
Ein sehr guter Artikel, der den Schmalen Grat sehr gur beschreibt, den der Film beschreitet. Für mich persönlich entwertet dabei die Selbstdarstellung eine eventuell vorhandene gute Absicht zu stark. Ich fühle mich [...]
Ein sehr guter Artikel, der den Schmalen Grat sehr gur beschreibt, den der Film beschreitet. Für mich persönlich entwertet dabei die Selbstdarstellung eine eventuell vorhandene gute Absicht zu stark. Ich fühle mich angewiedert.

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