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Kultur

Liebesdrama "Am Strand"

Verholzter Sex

Wie traurig kann eine Ehe beginnen? Mit einer verkorksten Hochzeitsnacht, die zum Vorspiel des Scheiterns wird. Herzzerreißend: die Schauspieler Saoirse Ronan und Billy Howle.

Foto: Prokino Filmverleih
Von
Mittwoch, 20.06.2018   09:38 Uhr

Hölzern legt er sich auf sie. Er trägt noch Hemd und Socken. Sie hatte sich die Strumpfhose von den Beinen gerollt und sich dabei sehr viel Zeit gelassen. Das blaue Kleid hat sie noch an, weil sich der Reißverschluss im Stoff festgebissen hat. Bequem hat sie es nicht, das kann man sehr genau sehen in ihren blau-grünen Pupillen, die, ihrer Eingequetschtheit Ausdruck verleihend, am Körper des auf ihr Liegenden vorbei in Richtung Zimmerdecke starren. Er bewegt sich nervös und hilflos, und das Bett, auf dem das alles stattfindet, übersetzt jede noch so minimale Sexbewegung in ein bloßstellendes, alle Heimlichkeiten verratendes Knarzen.

Es handelt sich bei den Akteuren dieser unglücklichen Sexszene um Florence (Saoirse Ronan) und Edward (Billy Howle). Es ist ihre Hochzeitsnacht. Genauer gesagt: Es ist noch nicht mal Nacht, sondern vielmehr früher Nachmittag. Gerade wurde ihnen das Abendmenü vom Zimmerservice eher aufgedrängt als serviert - sie hatten eigentlich beide noch gar keinen Hunger. Und jetzt, die beiden Kellner haben sich zurückgezogen, steht der Ehevollzug an. So zumindest stellt sich das Edward vor.

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Fotostrecke: Spirale des Misslingens

Der britische Autor Ian McEwan hat die Drehbuchadaption zu seiner Novelle "Am Strand" von 2007 über eine hölzerne Hochzeitsnacht im Jahr 1963, in der natürlich weit mehr auf dem Spiel steht als das Gelingen des Geschlechtsakts, selbst geschrieben. Und das kommt dieser Verfilmung, in der es schließlich viel ums Sprechen - um Sprechmanöver, ums Unaussprechliche - geht, gewiss zugute. Reden ist Aufschub: Florence und Edward reden viel miteinander, während sich schrittweise der Ehe-Sex anbahnt - diese Spirale des Misslingens.

Angst und Zwang liegen in der Luft

Sie erinnern sich an ihre Studienzeiten, an ihr Kennenlernen. Das Reden unterbricht die sexuellen Gesten; Unsicherheit, Angst und Zwang liegen in der Luft. Aber das Reden macht all das nicht besser, denn reden müssten sie über Dinge, über die sich nicht reden lässt. So wird der aufgeschobene Sex nur zum ewigen Vorspiel seines Scheiterns.

Elegant schneidet Regisseur Dominic Cooke hin und her zwischen dem endlos missglückenden Liebesakt und den Erinnerungen des Paares, die, zusammenaddiert, diesen Liebesakt zum Ergebnis haben. In dieser Rückblendenstruktur findet "Am Strand" immer wieder vom knarzenden Bett hinein ins rasengemähte Kricket-England der späten Fünfziger- und frühen Sechzigerjahre und von dort wieder zurück ins Bett.

Sie lernen sich kennen im Festsaal der Universität: Sie steht im Raum, er im Türrahmen. Sie gehen spazieren, gehen ins Kino. Auf der Leinwand ist vom Küssen die Rede. Im Publikum knutschen die Pärchen; sie beide aber knutschen nicht, sitzen aufrecht im Holzsessel. Später knutschen sie dann doch - am Flussufer. Er küsst ihre Hand, ihr Vibrato, wie er sagt, denn Florence spielt die erste Geige in einem Streichquartett.


"Am Strand"
Großbritannien 2017
Regie: Dominic Cooke
Drehbuch und Roman: Ian McEwan
Darsteller: Saoirse Ronan, Emily Watson, Anne-Marie Duff, Billy Howle, Samuel West
Produktion: BBC Films
Verleih: Prokino Filmverleih
Länge: 110 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 21. Juni 2018


Das Geigenspiel - man kann das tatsächlich als Schlüssel zu dieser Erzählung deuten, die gerade in der Umbruchszeit zwischen der Prüderie der Fünfzigerjahre und der sexuellen Emanzipationsbewegung der Sechzigerjahre eingekapselt ist - bedeutet etwas anderes als die Spießigkeit, die der rock'n'rollende Edward seiner Geliebten einmal im Scherz vorwirft. Es bedeutet sogar genau das Gegenteil. Denn auf einer elementaren Ebene ist das Geigenspiel nichts anderes als ein Inschwingungbringen des Holzes.

Vom Hotelbett zum Kricketschläger

Und genau inmitten einer verholzten Zeit: vom Hotelbett bis zum Kricketschläger, von der wie geschnitzten Steckfrisur der Schwiegermutter bis zum steifen Schauspiel der Liebesdarsteller, von der Festsaalvertäfelung bis hin zum gestrandeten Holzboot der Schlussszene. Alles ist aus Holz: der Zeitgeist, die Sprache, die Gesten, der Sex - sogar die letzte, sehr schöne Kameraeinstellung, die bis zum Schluss versucht, das Liebespaar in ein und demselben Bildkader zu behalten.

Cooke inszeniert diese hölzerne Welt, die es zu überwinden gilt, mit einer erstaunlichen Konsequenz und Gewandtheit - und die romantische Emphase, die er auf diesen Vibratokuss, den man gern kitschig nennen mag, legt, hat ihr gutes Recht. Denn dieser Kuss auf die Finger von Florence, diese Finger, die das Holz beherrschen, die die Materialität einer ganzen Epoche vibrieren lassen, ist strenggenommen schon so etwas wie eine Sexszene.

Im Video: Der Trailer zu "Am Strand":

Foto: Prokino
insgesamt 1 Beitrag
marty_gi 20.06.2018
1. wenn...
Wenn es einen Film gibt, auf den ich mich wirklich mal wieder freue, dann ist es dieser. Schon allein wegen der Darsteller.
Wenn es einen Film gibt, auf den ich mich wirklich mal wieder freue, dann ist es dieser. Schon allein wegen der Darsteller.
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