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Kultur

Film über Mitmenschlichkeit

Die Lust, anderen ins Gesicht zu schauen

Der Film der Woche: In "Augenblicke..." findet das Regieteam Agnès Varda und JR einen einzigartigen Zugang, um Menschen und Lebendigkeit in den entlegensten Gegenden zu entdecken: Streetart.

Weltkino
Von
Donnerstag, 31.05.2018   11:06 Uhr

Das Foto einer Ziege klebt großformatig an einer Wand im ländlichen Nirgendwo. Die Wand hat schon bessere Tage gesehen, vermutlich gehört sie zu einem ehemaligen landwirtschaftlichen Betrieb. Angesichts des tristen Umfelds glänzt das schwarz-weiße Foto geradezu - und führt auch schon bald zu einem Gespräch: Ein Mann kommt vorbei, er arbeitet nebenan und will wissen, was es mit dem Bild auf sich hat.

Es komme auf die Hörner an, erklären Agnès Varda und JR, die beiden Regisseure und Protagonisten des Films. Denn zuvor sind die zwei Filmemacher auf ihrer Reise durch die französische Provinz einem Bauern begegnet, der Ziegen ihre Hörner abbrennt, um die Tiere friedvoller und damit rentabler zu machen. An der Wand stechen nun die Hörner besonders hervor. Eine kleine Geste des Widerspruchs.

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"Augenblicke: Gesichter einer Reise": Sehen und freuen

In "Augenblicke: Gesichter einer Reise" stehen Begegnungen wie diese im Mittelpunkt. Von einem Dorf zum nächsten, von einer alten Frau, die ihr Haus nicht verlassen will, zu einem Landwirt, der Vergnügen hat an der innovativen Technologie seines Traktors, ist Menschlichkeit das verbindende Element. Die Lust, anderen ins Gesicht zu schauen, ist Agnès Varda und JR anzusehen.

Doch mindestens genauso wie von den Leuten auf ihrer Reise erzählt der Film vom Aufeinandertreffen der alten Regisseurin und des jungen Fotografen, von ihrem Kennenlernen und von der Kunst, die sie ins Leben der Fremden bringt.

Weiche Offenheit, resoluter Wille

Varda ist schon seit Langem mehr als nur die Regisseurin, die schon zu Nouvelle-Vague-Zeiten herausragende Filme wie "Cleo - Mittwoch zwischen 5 und 7" gedreht hat, und bis in die Gegenwart hinein sehr persönliche Dokumentarfilme macht, obwohl sie jetzt schon 90 Jahre alt wird. Sie mischt die Welt des Kinos auf mit einer Verbindung von weicher Offenheit und resolutem Willen - als Feministin, als Tierfreundin und als Verteidigerin der Fantasie.


"Augenblicke: Gesichter einer Reise"
F 2017
Originaltitel: "Visages villages"
Regie und Drehbuch: JR, Agnès Varda
Produktion: Ciné Tamaris, Social Animals, Rouge International, Arte France Cinéma, Arches Films
Verleih: Weltkino Filmverleih
Länge: 89 Minuten
FSK: ab 0 Jahren
Start: 31. Mai 2018


Wofür die Abkürzung JR steht, verrät der Film nicht. Der Fotograf und Streetartkünstler, der sich so nennt und sich hinter Hut und Sonnenbrille verbirgt, will ungern festgelegt werden. Einmal hat der 1983 geborene Franzose aus Trotz behauptet, die Initialen stünden für "juste ridicule", also "einfach lächerlich" oder "lächerlich gerecht". Seine Installationen bestehen vor allem aus riesigen Schwarzweiß-Fotografien, die an öffentlichen Plätzen, an Häuserfassaden und Zäunen angebracht werden. Seine eigene Performance mit der leicht verdeckten Identität ist Teil des Spiels.

Wofür der Künstler JR steht, macht "Augenblicke: Gesichter einer Reise" dagegen schnell klar, denn auf dem Trip durch ländliche Gegenden, vorwiegend im Norden Frankreichs, spielt JRs Fotopraxis eine große Rolle: Varda und er fahren in seinem kleinen Laster mit eingebauter Fotokabine und Fotodrucker durch die Straßen. Sie machen Wandcollagen, wie die, für die JR bekannt wurde. In einem Ort fotografieren sie die Menschen mit einem Baguette vor dem Mund, vergrößert nebeneinander geklebt schaut es so aus, als teilten sich alle ein sehr langes Brot.

Erlebtes miteinander teilen

Das mag wenig politisch erscheinen, vergleicht man etwa mit einer früheren Aktion von JR, bei der der Künstler die trennende Wand zwischen Israel und Palästina mal mit Fotos beklebte: Palästinenser auf der israelischen Seite und umgekehrt. Die Form von Aktivismus, die aus "Augenblicke" spricht, ist dagegen verhaltener. Menschen überlebensgroß zu tapezieren, provoziert auch ohne Kultur-Clash direkte Reaktionen: Es verwandelt die Häuser, Zäune oder Wände, bringt Menschen durch die Andersartigkeit zusammen, macht die Orte lebendig und schafft einen Austausch.

Den Fotografierten ermöglicht es, sich zu zeigen, wie sie es sonst nicht täten. Das geht auch mal nach hinten los, wenn jemand schüchtern ist, überwiegend aber schafft es eine Renaissance der Dörfer als Gemeinschaftsräume, in denen Geschichten und Erlebtes miteinander geteilt wird. Egal wie heruntergekommen die Häuser, wie prekär die Existenz an diesen Orten, Menschen bleiben Menschen.

Jeannine, eine ältere Frau, die erst an ihrer Türschwelle, dann aus ihrem Fenster zu den Filmemachern spricht, zeigt ihre Verbundenheit zu ihrem Haus schon durch ihre defensive Körperhaltung. Als müsse sie sich dagegen wehren, hinausgezerrt zu werden. "Niemand kann mich verstehen", sagt sie, die Angst hat, ihr Haus eines Tages aufgeben zu müssen.

Als Varda und JR fertig sind mit der Wandcollage, steht Jeannine erstmals auf der anderen Straßenseite und guckt auf ihr Zuhause, von oben bis unten reicht das Gesicht, dass die Künstler an ihre Hauswand gemalt haben. Tränen stehen ihr in den Augen.

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