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Kultur

Tragikomödie über C-Promi

Wenn es nicht mal mehr fürs Dschungelcamp reicht

Unter Tonnen von Make-up und Haarspray legt die deutsche Tragikomödie "Back for Good" das große Herz eines Reality-TV-Sternchens frei. Hauptdarstellerin Kim Riedle gehört zu den Entdeckungen des Kinojahres.

Foto: NFP
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Donnerstag, 31.05.2018   22:32 Uhr

Entertainment ist nichts für Weicheier. Das merkt man an Angie (Kim Riedle): Der Reality-Star kommt frisch aus der Koksklinik, ist wasserstoffblond und nervös, trägt die Kleider kurz und die Fingernägel bedrohlich lang. Und der Zug um ihren Lipgloss-Mund verhärtet sich noch mehr, während sie im dunklen Hotelzimmer hockt und ins Handy gurrt: "Hast du morgen vielleicht ein Plätzchen auf deiner Couch für mich?"

Denn keiner hat. Für Angie, vor Kurzem noch in Richtung B aufstrebender C-Promi, jetzt nicht mal mehr das, brechen zu Beginn von Mia Spenglers Tragikomödie sämtliche Brücken ein. Ihr bombenfester Plan mit der Überschrift "Vom Entzug ins Dschungelcamp" ist gescheitert - auf der Liste der angekündigten Campbewohner, das stellt Angie schockiert fest, ist ihr Name nicht zu finden. Und weder (angebliche) Showbusiness-Freunde noch ihr Manager, den sie gar einst als boyfriend betrachtete, möchten mehr mit ihr zu tun haben.

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Tragikomödie über Reality-TV-Sternchen: Von wegen Comeback

Angie tut, was man in solchen Fällen tut, als letzte Rettung: Sie kriecht zu Kreuze, geht zurück ins Kaff mit seinen engen Straßen, nicht vorhandenen Waxing-Studios und neugierigen Nachbarn, die viel zu viel über- anstatt miteinander reden. "Back for Good" will Angie jedoch dort nicht sein. Ums Verrecken nicht.

Mia Spengler, deren Abschlussfilm an der Baden-Württembergischen Filmakademie im vergangenem Jahr die "Perspektive Deutsches Kino" auf der Berlinale eröffnete, braucht keine glänzenden Bilder von Realityshows und Boulevardformaten, um ihre sensationelle Heldin zu etablieren. Sie braucht allein die Klugheit und zappelige Physis von Schauspielerin Kim Riedle, die für ihre Rolle folgerichtig für den Deutschen Filmpreis nominiert war.

Gefühle, überdeckt von Make-up

Riedle gibt die burschikose Angie mit dem exakten Ton und der Energie einer jungen Möchtegern-Showhäsin, zudem mit einer Riesenportion Empathie - die man erahnt, schon bevor sich Angies schwieriger Background als Landei in den zwei wichtigen Nebenfiguren, der überprotektiven Mutter Monika (Juliane Köhler) und der an Epilepsie erkrankten, pubertierenden Schwester Kiki (Leonie Wesselow), entfaltet.

Es geht Spengler um so viel mehr als um erwartbare Medienkritik (die dennoch wie selbstverständlich miterzählt wird): Es geht um eine dysfunktionale Familie. Und um die Tragik der Gefühle, die die drei Frauen füreinander hegen, die aber tief vergraben sind unter Enttäuschungen, Krankheit, Geheimnissen und Make-up. Dass sich Angie, Kiki und Monika wieder annähern müssen, ist klar. Doch Spengler inszeniert den so vergnüglichen wie emotionalen Tanz dreier aus ganz unterschiedlichen Gründen unglücklicher Heldinnen mit überraschenden Wendungen - und einer Timing-Sicherheit wie bei einer Screwball-Komödie.


"Back for Good"
D 2017
Regie:
Mia Spengler
Drehbuch: Stefanie Schmitz, Mia Spengler
Darsteller: Kim Riedle, Juliane Köhler, Leonie Wesselow, Nicki von Tempelhoff
Produktion: Zum Goldenen Lamm Filmproduktion
Verleih: NFP Distribution
Länge: 95 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 31. Mai 2018


Sie erzählt Tragik und Komik mithilfe von aufgetakelt-ausgefransten Hair-Dos, authentischem Dorfmief und armseligen Abstürzen auf After Show-Partys. Loyalität und Liebe werden in Reaktionen der großen Schwester auf Kikis Umfeld gezeigt, einer plötzlichen Furienschwester, die zur Not die Fäuste einsetzt und auch noch am besten weiß, wie man an Follower für den YouTube-Kanal kommt. Denn auch Kiki, die Kranke mit dem komischen Schutzhelm, hat Dämonen zu bekämpfen, die bei genauer Betrachtung von denen Angies gar nicht mal so weit entfernt sind.

Vorbei an Klamauk-Fettnäpfchen

Spengler meint es ernst: Die Welt des Reality-TV-Stars, so bunt und ertragreich sie ist und so detailgetreu sie eingesetzt wird, fungiert bei ihr als überzeugendes Setting für eine Story um etwas ganz anderes, Relevanteres. Wie stilsicher sich der Film an sämtlichen Klamauk-Fettnäpfchen und Trash-TV-Klischees vorbeitastet, merkt man übrigens, wenn man "Back for Good" mit Jan Fehses unsäglicher, im letzten Jahr erschienenen und thematisch nicht unähnlichen Klamotte "Unter deutschen Betten" vergleicht.

Dort findet Veronica Ferres als gefallener Schlagerstar Linda Lehmann die gleiche Prämisse wie Angie vor, kann ihr jedoch drehbuchbedingt nur Knallchargentum und platzende-Blusenknopf-Gags entgegensetzen. Jeder Anflug von Interesse oder Mitgefühl wird hier im Keim erstickt, wenn nicht mit ollen Klimbim-Witzen zugeschüttet.

Spengler dagegen liebt ihre Heldin. Und so liebt man Angie gern mit und kann sich weder an ihrer Mallorcabräune, noch an ihren Schulterpolstern sattsehen. Sogar an die Nail Art gewöhnt man sich irgendwann.

Im Video: Der Trailer zu "Back for Good"

Foto: NFP
insgesamt 4 Beiträge
112211 01.06.2018
1. Ferres?
Lese ich am Ende des Artikels den Namen Ferres? Spielt sie mit? Dann lieber nicht dieses Filmchen.
Lese ich am Ende des Artikels den Namen Ferres? Spielt sie mit? Dann lieber nicht dieses Filmchen.
dr.frustus 01.06.2018
2. @112211
Wer lesen kann ist klar im Vorteil! Frau Ferres vergeigt in einem Film (Unter dt. Betten) aus dem Vorjahr.
Wer lesen kann ist klar im Vorteil! Frau Ferres vergeigt in einem Film (Unter dt. Betten) aus dem Vorjahr.
colouredwolf 01.06.2018
3. Das schöne an DIESEM Film, und warum er gelang:
Die Ferres spielt nicht mit! Damit war die Startposition schon erheblich verbessert. Es freut mich, dass die Youngsters von unseren Akademien fähig sind, große Hollywoodproduktionen an die Wand zu spielen, und zu zeigen, [...]
Zitat von 112211Lese ich am Ende des Artikels den Namen Ferres? Spielt sie mit? Dann lieber nicht dieses Filmchen.
Die Ferres spielt nicht mit! Damit war die Startposition schon erheblich verbessert. Es freut mich, dass die Youngsters von unseren Akademien fähig sind, große Hollywoodproduktionen an die Wand zu spielen, und zu zeigen, wie gutes Kino geht. Ganz ohne Ferres, ganz ohne großes Geld. Nur mit Können und Empathie
ehnertmichael 02.06.2018
4. Frauenfilm?
Schöne Filmkritik. Ein genauer, liebevoller Blick auf einen genauen, liebevollen Film. Mit einer überraschend unangestrengten Leichtigkeit hat Mia Spengler es geschafft, in BACK FOR GOOD hochdramatische Momente immer wieder [...]
Schöne Filmkritik. Ein genauer, liebevoller Blick auf einen genauen, liebevollen Film. Mit einer überraschend unangestrengten Leichtigkeit hat Mia Spengler es geschafft, in BACK FOR GOOD hochdramatische Momente immer wieder mit großer Komik zu vermischen. Es ist darum schwer, den Film einem bestimmten Genre zuzuordnen. Ist das Drama oder Komödie? Und wenn ein Film im Hauptcast ohne Männer auskommt, muss es ja ein Frauenfilm sein, oder? Bullshit! Genau genommen ist BACK FOR GOOD nämlich ein Liebesfilm. Die Regisseurin liebt ihre Schauspielerinnen. Die Schauspielerinnen lieben ihre Figuren. Und auch Maske, Kostüm, Ausstattung und Kamera lieben offenbar, was sie tun. – BACK FOR GOOD ist ein tolles Kinoerlebnis und ein sehr klares Statement gegen all die vielen am Reißbrett entwickelten Egalfilme, die viel zu viele Kinosäle blockieren.
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