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Kultur

Hotel-Thriller "Bad Times at the El Royale"

Zimmer mit Todesaussicht

Dieses Hotel ist die Hölle - und verdient dennoch die beste Bewertung: Drew Goddards Sixties-Thriller "Bad Times at the El Royale" begeistert als brutal überbordende Kinofantasie. Unser Film der Woche!

Foto: 20th Century Fox
Von
Donnerstag, 11.10.2018   15:59 Uhr

Unsere reiche Kenntnis der Unterhaltungskultur und ihrer Erzählungen kann trügerisch sein. Vermeintlich satt gehört, gelesen und geschaut, glauben wir zwar an den Reiz der Variation, jedoch kaum noch an die Möglichkeit wirklicher Überraschungen. "Bad Times at the El Royale" weiß diesen Umstand zu nutzen: Der neue Film von Autor und Regisseur Drew Goddard ("The Cabin in the Woods") versteht sich darauf, unsere Erwartungshaltungen in einem Moment genüsslich zu befriedigen, um sie im nächsten verblüffend zu unterlaufen. Und das mit weit mehr Hintersinn und Herz, als es die polierte Oberfläche dieses Bastards aus Neo-Noir-Thriller und Sittengemälde zunächst erahnen ließe.

Denn zum Auftakt beeindruckt vor allem der Hauptschauplatz des Films - das nicht etwa an, sondern genau auf der Grenze zwischen Nevada und Kalifornien befindliche Hotel El Royale - als ein in prallen Farben strahlender Triumph des Set-Designs. Es ist 1969, und das El Royale hat schon bessere Tage gesehen. Die Touristen und Showgrößen auf den gerahmten Bildern in der Eingangshalle haben sich längst neue Attraktionen gesucht, weshalb das Personal nur noch aus dem linkischen Concierge Miles (Lewis Pullman) besteht.

Fotostrecke

"Bad Times at the El Royale": Böse Menschen im Hotel

Miles bleibt jedoch nicht lange allein, denn unerwartet treffen in kurzer Folge einige Gäste ein. Neben Staubsaugervertreter Seymour Sullivan (Jon Hamm) suchen auch der katholische Priester Daniel Flynn (Jeff Bridges), die schwarze Sängerin Darlene Sweet (Cynthia Erivo) und die Aussteigerin Emily Summerspring (Dakota Johnson) ein Zimmer für die Nacht. Sie sollen indes nicht die einzigen Besucher bleiben, und alsbald wird klar, dass mitnichten alle Anwesenden das sind, was sie vorgeben zu sein.


"Bad Times at the El Royale"
USA 2018
Regie und Drehbuch: Drew Goddard
Darsteller: Jeff Bridges, Cynthia Erivo, Dakota Johnson, Jon Hamm, Cailee Spaeny
Produktion: 20th Century Fox
Verleih: Fox Deutschland
Länge: 142 Minuten
FSK: ab 16 Jahren
Start: 11. Oktober 2018


Menschen im Hotel sind seit jeher ein beliebtes Sujet in Literatur und Film, und auf den ersten Blick folgen Goddards Figuren bekannten Mustern: Einige sind auf der Suche, andere auf der Flucht - und alle haben Geheimnisse. Auch verwundert es nicht, dass im El Royale reichlich Ärger auf die ungleichen Gäste wartet. Was hingegen verzückt, ist, wie die eingecheckten Stereotypen in der knalligen Eskalation der Ereignisse an Format gewinnen und sich manche sogar vom eigenen Rollenklischee emanzipieren - wenn sie dafür überhaupt lange genug am Leben bleiben.

Denn Goddard entfacht im El Royale ein erst langsam schwelendes, dann rasant um sich greifendes Fegefeuer für seine exzellent besetzten Figuren. Das speist sich nicht nur aus ihren jeweiligen Biografien, deren zum Teil beträchtlich tiefe Abgründe der Film in kurzen Rückblenden enthüllt, sondern wird zusätzlich durch einen kühn hineingeworfenen, explosiven Sixties-Cocktail befeuert, randvoll mit Verweisen auf Vietnamkrieg, Verschwörungstheorien um Mafia und Regierung sowie Charles Mansons Sektenmorde.

Das Motiv der (Kunst-)Figuren, die sich gegen eine vermeintlich festgeschriebene Vorbestimmtheit stemmen, verbindet "Bad Times at the El Royale" mit Goddards erster Regie-Arbeit, dem doppelbödigen Meta-Horror "The Cabin in the Woods". Dort wie hier geht es nicht zuletzt darum, in einer auserzählten Welt der vertrauten Zeichen um neue, eigene Bedeutung zu ringen. Im El Royale äußert sich dieser Wunsch nach Selbstbestimmung nicht selten in drastischer Gewalt, doch tatsächlich sind es unverhoffte Akte der Zuneigung und Zärtlichkeit, die das Versprechen der Erlösung aus dem Höllenhotel sich tragen.


Im Video: Der Trailer zu "Bad Times at the El Royale"

Foto: Fox Deutschland

So gelangt Goddards Film über Stilwillen und Zitatlust hinaus nicht nur zu einer unorthodoxen Moral, sondern zu echter Originalität. Dabei geht er während der sehr flott vergehenden, fast zweieinhalb Stunden Laufzeit verschwenderisch mit einem Erzählreichtum um, der vermutlich locker für fünf Netflix- oder Prime-Serien gereicht hätte. Aber im Gegensatz zum Serienformat bleibt es eben das große Privileg eines Spielfilms, nicht alles potenziell Interessante im Detail auswalzen zu müssen. Stattdessen leistet sich Goddard den Luxus, selbst gerade noch reizvoll zu Protagonisten aufgebaute Figuren mit einem unvermittelten Schrotflintenschuss schnörkellos aus der Geschichte zu verabschieden.

Die Zuschauer, welche sich hoffentlich für diesen Film finden, werden hingegen bis zum so spannenden wie befriedigenden Finale bleiben. Denn schlechte Zeiten im El Royale bedeuten einen sehr guten Abend im Kino.

insgesamt 3 Beiträge
butter_milch 11.10.2018
1. Kommen gerade aus dem Kino...
... der Film ist nett, aber kein Must-See, sondern eher schnell wieder vergessen.
... der Film ist nett, aber kein Must-See, sondern eher schnell wieder vergessen.
andre_niggel 17.10.2018
2. genial!
Wer die Filme Tarantinos und von den Coenbrüdern sowie Film Noir und Schwarze Komödien mag-wird diesen Film lieben! Für mich seit langem das Beste was im Kino mal wieder die Karte lohnt.Warum? Neben der echt guten Spiegelkritik [...]
Wer die Filme Tarantinos und von den Coenbrüdern sowie Film Noir und Schwarze Komödien mag-wird diesen Film lieben! Für mich seit langem das Beste was im Kino mal wieder die Karte lohnt.Warum? Neben der echt guten Spiegelkritik in der eigentlich alles steht ohne zu spoilern haben mir besonders die Charaktere gut gefallen. Allen voran der Concierge gespielt von Lewis Pullman (Ja ! ist der sohn von Bill Pullman nur 10mal besser!) mein Alltime Favouite actor JeffBridges, ebenso aufgeblüht in ECHTEM Schauspiel :Dakota Johnson (Nein, 50 shades of Bulls....ist KEIN Film, nicht wirklich) und ebenso intense und durch und durch dabei Jon Hamm welchen ich schon in Baby Driver schätzen gelernt hatte. Atemberaubend Cynthia Erivo und welcher Kritiker schreibt, der Film sei ein halbes Musical wegen ihr ist einfach ein Idiot! Selten wurde Musik so perfekt stilisierend eingesetzt will nicht spoilern aber ihr werdet sehen, jeder Song passt perfect in den Film. Zulange fand ich ihn nie, auch hier verstehe ich die Kritik anderer nicht im Geringsten aber das liegt halt daran, dass alle nur noch serien gucken und da ist halt nach 40 Min Schluß mehr hält der durchschnitt wohl leider nicht mehr aus. Ich habe jede Sekunde, jeden noch so ellenlangen Dialog , Monolog aufgesogen und bewundert wie scharf und präzise Figuren aufgebaut und gezeichnet werden-ACHTUNG SPOILER- und Bumm sind sie weggeblasen!!! Mehrmals reisst es einen echt grob auf im Sessel und spätestens ab der Hälfte war keine einzigste Popcorn oder chipstüte mehr im Kino zu hören-keiner wollte wirklich auch nur ein Wort verpassen. Das englische Orginal ist schon eher was für fortgeschrittene, Ewignuschler Jeff Bridges müsste iegentlich eh kein Wort sagen, für mich ein Bildschirmgigant. Schade und für mich völlig daneben besetzt hingegen Chris THOR Hemsworth. Hier wartet man leider ständig drauf, daß sein Hammer hinter im durch die Tür kommt-seine Wandlung zum SuperBadguy? sorry, nein-zu glatt (und ständig -gefühlt 30 minuten-sein sixpack anglotzen müssen nervt auch irgendwie) Hier wäre ein unbekannter Schauspieler die 100 mal bessere Wahl gewesen, das war mein einzigster Kritikpunkt. Ansonsten? Die Story bzw. gefühlt die 10 Stories fand ich allesamt genial! Kostüme wie auch Bühnenbild,MakeUp Artist, Stunts, Splatter,Sex and Crime, Film Noir Momente vom Feinsten, perfekte Ausstattung: die Autos,Kostüme, das völlig irre Hotel, das Licht, und dann noch kurz ein Trip nach Vietnam WOW! WOW! WOW! Gratuliere:eine der Besten Kameraführung und Schnitt seit langem. Als ECHTER Filmfan (so 7-10 pro Woche) kann ich nur sagen:Hut ab! von mir 10 Oskars und von dem Regisseur wird man noch mehr hören.Sicher.
squashplayer 20.10.2018
3. Potenzial der Story nicht genutzt
Wow, dachte ich. Ein paar merkwürdige Personen treffen sich zufällig während eines Sturms in einem abgelegenen Motel im 70er Jahre Stil, das muss ja was werden! Tatsächlich geht es spannend und kultig los, ähnlich wie in [...]
Wow, dachte ich. Ein paar merkwürdige Personen treffen sich zufällig während eines Sturms in einem abgelegenen Motel im 70er Jahre Stil, das muss ja was werden! Tatsächlich geht es spannend und kultig los, ähnlich wie in einem Tarantino-Film. Zunächst werden die verschiedenen Charaktere eingeführt und alles wirkt noch halbwegs normal. Plötzlich aber sehen wir, wie einer von diesen sein Motelzimmer nach Wanzen absucht und feststellt, dass alles abgehört wird! Dazu noch Geheimgänge mit halbdurchsichtigen Spiegeln zu den Zimmern. In diesem Hotel stimmt also etwas nicht! Das macht Lust auf mehr. Auch in den anderen Zimmern geschehen seltsame Dinge. Schließlich geraten die Charaktere aneinander und die individuellen Plots vermischen sich. Der Priester, die zweitklassige Provinzsängerin, ein Hippie, ein aalglatter Staubsaugervertreter. Doch anscheinend keiner ist der, der er vorgibt zu sein. Eine Story mit Potenzial! Woran krankt dieser Film aber nun? Nach ca. 50% wird die Story zu absurd und unglaubwürdig. Es fehlt an Authentizität. Die Story wirkt konstruiert, als hätte sich ein 16-jähriger Gymnasiast daran versucht, einen Tarantino zu kopieren. Die kultige Atmosphäre, die Zwischentitel, die schrägen Leute, die Location, die 70er Jahre Musik. Nur hilft das alles nichts, wenn die Story am Ende nur noch peinlich wirkt. Da passt nichts mehr zusammen und ich habe mich fremdgeschämt für die dümmlichen Dialoge, insbesondere als der Sektenguru eintrifft. Bedeutungschsschwangere Sätze werden ausgesprochen, gefolgt von peinlichem Schweigen. Kaum zu ertragen auch der Hotelangestellte, der im Vietnamkrieg Menschen getötet hat und nun einen halben Nervenzusammenbruch deswegen bekommt, weil er einen der Gangster erschießen soll. Pathetisch bis zum Gehtnichtmehr. Unklar auch die Rolle des mysteriösen "Managements". Es bleiben zu viele Fragen unbeantwortet. Man merkt dem Film an die Anstrengung an und wie bemüht er ist, besonders kultig und abgefahren zu sein. Tarantinos Filme dagegen wirken stimmig und mühelos, das ist sein Geheimnis. Auch nimmt sich der Film teilweise zu ernst, während bei Tarantino genau das nicht der Fall ist. Ich habe selten gesehen, dass ein Film in der zweiten Hälfte alles zunichte macht. Das war doch ein Selbstgänger eigentlich. Ich habe mich richtig geärgert angesichts des verschwendeten Potenzials. Fazit: Der Film beginnt äußerst vielversprechend, wird aber leider sehr schwach in der zweiten Hälfte. Die Schauspieler spielen allerdings hervorragend, können die schwache Story aber nicht rausreißen.
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