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Kultur

Berlinale-Doku "Heimat ist ein Raum aus Zeit"

Es war einmal in Deutschland

In "Heimat ist ein Raum aus Zeit" verliest Thomas Heise die eigene Familiengeschichte, von intimen Liebesbriefen bis zu Zeugnissen des Holocaust. Ein faszinierendes Hörspiel und ein zwingender Film zugleich.

Ma.ja.de/ Berlinale

Szene aus "Heimat ist ein Raum aus Zeit"

Von
Samstag, 09.02.2019   16:55 Uhr

Schon das erste Bild von Thomas Heises Dokumentarfilm "Heimat ist ein Raum aus Zeit" ist eine Einübung in die mehr als dreieinhalb Stunden, die folgen werden: Die Kamera fährt in größter Ruhe eine grüne, verwitterte Stange, die auf Waldboden steht, nach oben, und es wird fast eine Minute dauern, bis diese Bewegung ihren Sinn offenbart, weil sie am Ende der Stange angekommen ist und das dort befestigte Schild lesbar wird: "Nach der Legende stand hier Großmutters Haus".

Die scheinbare Banalität dieses establishing shot (Ist etwas Übersehbareres denkbar als eine grüne Stange in einem Wald?) resultiert in einer zarten Pointe: Eine in die Jahre gekommene Rotkäppchen-Dekoration im Freiluft-Märchenwald bei Wiepersdorf markiert den Auftakt, das "Es war einmal" einer deutschen Familiengeschichte über drei Generationen durch das gewaltige 20. Jahrhundert hindurch, durch Ersten Weltkrieg, Weimarer Republik, NS-Zeit, DDR und Bundesrepublik bis ins vereinigte Deutschland, die der Film erzählt.

Inge Zimmermann/ Berlinale

Thomas Heise

Es ist die Geschichte der Familie des Filmemachers und erzählt wird sie fast ausschließlich über Dokumente auf der Tonspur, vor allem Briefe, die Heise selbst liest. Angefangen bei Wilhelm, dem Großvater väterlicherseits, der in den Zwanzigerjahren Edith Hirschhorn heiratet, eine Wiener Jüdin. Wenn diese 1945 einen Entwurf zu einem Lebenslauf verfasst, dann sind alle ihre Eltern und Geschwister tot, umgebracht in den deutschen Konzentrationslagern im Osten.

Zeichen der Unmöglichkeit

Man mag sich fragen, warum "Heimat ist ein Raum aus Zeit" kein Hörspiel geworden ist, wenn doch nur Texte vorgelesen werden und sich das Bildmaterial von den Familienmitgliedern auf ein paar Fotos beschränkt. Aber das hieße, den so einfachen wie klugen, genauen wie assoziativen Dokumentarismus von Thomas Heise zu unterschätzen.

Es lässt sich an "Heimat ist ein Raum aus Zeit" studieren, wie wenige filmische Mittel man braucht, wenn man sie einzusetzen weiß: Ton (Ton: Johannes Schmelzer-Ziringer, Sound Design: Markus Krohn) und Bild (Stefan Neuberger), in die richtige Form gebracht durch Montage (Chris Wright). Die Szene etwa, die von der Deportation der Wiener Großmutter-Familie erzählt, ist atemberaubend - von einer dramaturgischen Intensität, die einem die Unfassbarkeit des Holocaust konkret werden lässt.

Und das gerade weil im Bild zu diesem Zeitpunkt nichts als eine alphabetisch geordnete Liste abgefahren wird, auf der als Datum der 19. Oktober 1941 vermerkt ist. Es ist der Tag, an dem alle hier namentlich aufgeführten Wiener Juden in Zügen in die Lager im Osten geschickt werden. Auf der Tonspur sind die postalischen Nachrichten an Heises Großeltern in Berlin zu hören, deren Datumsmarken sich unaufhaltsam diesem 19. Oktober 1941 annähern. Aus der Korrespondenz, die von den Mal für Mal größer werdenden Zumutungen handeln, spricht immer auch noch etwas Hoffnung - als Zeichen der Unmöglichkeit, sich die bürokratisch organisierte, massenhafte Vernichtung von Menschen vorstellen zu können.

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Dieses Danach, das Wissen um die Weltläufte, das man beim Schauen von heute aus schon hat, ist "Heimat ist ein Raum aus Zeit" durch seine Bilder eingeschrieben. Denn diese zeigen nicht selten Gegenwart in Schwarzweiß - als einen Resonanzraum, in den hinein die Briefe und Notizen ihre Wirkung entfalten können: eine Après-Ski-Hüttengaudi im Zillertal, hinter der nur leicht der Bass hervorwummert, liegt unter einem Brief, mit dem Wilhelm Heise nach einem Tirol-Urlaub um Edith Hirschhorn wirbt; deren Bericht über das Aufwachsen erzählt sich zu einer Straßenbahnfahrt durch Wien, bei der die Rückscheibe von Regentropfen vermilchglast ist (und das Ertönen des Haltenstellensignals einen eigenartigen Effekt bewirkt); ein zufällig aufgenommenes, zärtliches Liebespaar vorm Berliner U-Bahnhof Schönhauser Allee kommentiert die Einwilligung der Hirschhorn-Eltern in die Ehe.

Es sind solche unmittelbar plausibel wirkenden Verknüpfungen, die erklären, warum "Heimat ist ein Raum aus Zeit" ein Film werden musste. Weder illustrieren die Aufnahmen plump, noch raunen sie kunstgestisch vor sich hin. Sie sind Container, in denen Geschichte aufgehoben ist - eine persönliche, die auf diese Weise aber übers Private hinaus interessant wird als eine deutsche.

Und vor allem als eine unabgeschlossene. Den Schlusspunkt markiert zu tumultösen und zehn Jahre alten Aufnahmen von einem S-Bahnsteig am Berliner Ostkreuz ein visionärer Text von Heiner Müller aus den Neunzigerjahren. Darin geht es um die Unfähigkeit heutiger Politik, Migration als ein globales Problem des Kapitalismus zu lösen.

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Berlinale 2019: Die lohnen sich!
insgesamt 1 Beitrag
herwescher 09.02.2019
1. Gut, dass sich die Berlinale ...
... dem Mainstream und Kommerzdenken verweigert, Lebensentwürfe und deren Entwicklung in Resonanzräumen evaluiert und konnotiert. Kluger, genauer und assoziativer Dokumentarismus ist eine Kunstform, die erst in der [...]
... dem Mainstream und Kommerzdenken verweigert, Lebensentwürfe und deren Entwicklung in Resonanzräumen evaluiert und konnotiert. Kluger, genauer und assoziativer Dokumentarismus ist eine Kunstform, die erst in der Entwicklung begriffen ist und dennoch schon reife Früchte zeitigt. Die Reduktion auf das Wesentliche, die teils naiven, teils erschreckenden Träume und Albträume des vergangenen, des grausamen und dennoch so innovativen Jahrhunderts sind für diejenigen, die all das nicht erleben brauchten sowohl Mahnung als auch Verpflichtung dafür zu sorgen, dass es niemals wieder soweit kommt. Hoffentlich wird der Film nicht auf Arte abgeschoben, sondern an prominenter Stelle im Hauptprogramm gezeigt werden.

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