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Kultur

Filme von Frauen auf der Berlinale

Unter Göttinnen

Die Berlinale lässt nicht nur Zahlen für ihr Engagement in Sachen Geschlechtergerechtigkeit sprechen, sondern noch besser: Filme! Von Balkan-Feminismus bis Historienthriller mit populistischen Einschlägen ist alles dabei.

Robert Palka/ Film Produkcja/ Berlinale

"Mr. Jones"

Von
Montag, 11.02.2019   17:06 Uhr

Nicht nur die Berlinale ist eine Frau, sondern auch Gott. Ersteres haben Berliner Zeitungen zum Auftakt der Berlinale geschrieben, letzteres verkündet der mazedonische Wettbewerbsbeitrag in seinem Titel: "God Exists, Her Name is Petrunya".

Man muss das Festival nicht gleich mit einer Frau in eins setzen, nach 18 Jahren mit einem Mann an der Spitze wäre das auch etwas verwegen. Trotzdem ist die Bilanz der Berlinale beachtlich. In keinem anderen A-Festival nehmen die Filme von Frauen so selbstverständlich ihren Platz ein wie hier. Über 40 Prozent der Filme im aktuellen Wettbewerb sind von Frauen, an fast der Hälfte aller im Festival 400 gezeigten Filme war eine Frau an der Regie beteiligt. Mit sechs Gewinnerinnen des Goldenen Bären hängt die Berlinale auch locker die Konkurrenz aus Cannes ab, wo Jane Campion seit Jahrzehnten einsam ihre Goldene Palme hochhalten muss.

Am Samstag hat Festivalchef Dieter Kosslick zudem den sogenannten Gender Parity Pledge "5050x2020" unterzeichnet: Damit verpflichtet sich die Berlinale auf das Ziel der paritätischen Repräsentation sowie der Offenlegung von Geschlechterverhältnissen bei den Einreichungen und Auswahlstrukturen. Um die Umsetzung des Pledge wird sich allerdings Kosslicks Nachfolger-Duo Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek kümmern müssen, das zum Juni die Berlinale-Geschäfte übernimmt.

Juhani Zebra/ Novotnyfilm/ Berlinale

"Der Boden unter den Füßen" mit Valerie Pachner (links) und Pia Hierzegger

Aber da Chatrian den Pledge bereits in seiner Zeit als Leiter von Locarno unterschrieben hat, besteht kein Grund zur Sorge, dass die neue Führung in Sachen Geschlechtergerechtigkeit nachlässt. Zumal sich bei der diesjährigen Berlinale schon zeigt, welch schönen Effekt das haben kann: Es sind so viele Filme von Frauen vertreten, dass sie sich nicht mehr in einer Nische gruppieren lassen, sondern eine stilistische und thematische Bandbreite abdecken, bei der jede Arbeit für sich steht. Eine Auswahl:

Mit kühler Präzision führt die Österreicherin Marie Kreutzer zum Beispiel in ihren vierten Spielfilm "Der Boden unter meinen Füßen" in das Unternehmensberatermilieu ein. Hier wechselt Beraterin Lola (Valerie Pachner) beständig zwischen Selbst- und Fremdoptimierung. Morgens früh wird durch Wien gejoggt, zwei Stunden später in Rostock bei einem mittelständischen Familienbetrieb Personal gestrichen.

Frauen, die sich zu gut im Turbo-Kapitalismus einrichten, beäugt das Kino besonders kritisch - nicht nur Bären-Jurorin Sandra Hüller wird sich an ihre Figur aus " Toni Erdmann" erinnert fühlen. Und vielleicht sind die vermeintlichen Einblicke in das Consulting Business auch die schwächsten Momente des Films: Wer sich in diesem sowohl grundunsympathischen als auch leidlich bekannten Milieu bewegt, muss schon sehr gute Gründe haben, das zu tun.

Kreutzer hat diese nicht, dafür aber eine Fülle an reizvollen Inspirationen. Zur Milieustudie gesellst sich nämlich schnell ein Familiendrama, Lolas paranoid-schizophrene Schwester Conny (Pia Hierzegger) hat einen Suizidversuch unternommen und ist nun in der Psychiatrie. Mit Conny kommen gleichzeitig Elemente einer Gespenstergeschichte mit in den Film, denn rätselhafte Anrufe und Briefe erreichen Lola. Sind das Hilferufe von Conny - oder doch von Lola selbst?

Christian Petzolds "Yella" und Michael Hanekes "Caché" verzweigen sich hier, doch in seiner Falsche-Fährtenhaftigkeit hat "Der Boden unter den Füßen" am meisten mit den Geisterfilmen von Olivier Assayas gemeinsam. Wie bei dem Franzosen steht auch hier das Rätselhafte neben dem Überdeterminierten, das Banale neben dem Prägnanten. Schlüssig zusammengeführt muss das nicht sein, der Reiz dieser Mischung besteht gerade in ihrer Unstimmigkeit.

sistersandbrothermitevski/ Berlinale

"God Exists, Her Name Is Petrunya" mit Zorica Nusheva

Auf deren Gegenteil setzt Teona Strugar Mitevska. In ihrem Wettbewerbsbeitrag sind die Sympathien schon mit dem oben erwähnten Titel vereindeutlicht: Hauptfigur Petrunya ist Gott - auch wenn es zunächst so scheint, als wäre sie eher eine 32-jährige Loserin, die arbeitslos bei ihren Eltern in der mazedonischen Provinz abhängt.

Nach einem besonders erniedrigenden Vorstellungsgespräch schlappt Petrunya an einer Gruppe von Männern vorbei, die ein religiöses Ritual vollziehen. Im örtlichen Fluss wird vom Priester ein Kreuz versenkt. Wer es aus den Fluten rettet, darf es behalten und sich über den Segen der Kirche freuen. Eigentlich ist dieses Ritual nur für Männer vorgesehen, doch einem waghalsigen Impuls folgend springt Petrunya den Männern hinterher und schnappt sich das Kreuz.

Es ist ein Akt der Selbstermächtigung, der erst Folgen bei den Männern hat. Die anderen Schwimmer fallen empört über Petrunya her, noch Zuhause wird sie von Polizei und Mobb bedrängt. Als sie abgeführt wird, ohne dass eine Anklage vorliegt, werden schließlich auch bei Petrunya ungeahnte Energien mobilisiert.

Mit seinem unkomplizierten Identifikationsangebot, dem konsensfähigen Gegner Patriarchat sowie seinem beherzten Humor ist "God Exists, Her Name is Petrunya" die Art von Film, die auf der Berlinale immer mit größter Dankbarkeit gefeiert wird. Die brutale Poesie und sanfte Satire von Malgorzata Szumowskas Vorjahres-Triumph "Die Maske" (Kinostart: 14. März) verfehlt Mitevska zwar bei Weitem, doch ihre mitreißende Hauptdarstellerin Zorica Nusheva könnte mit einem Silbernen Bären nach Hause fahren.

2017 nahm Agnieszka Holland noch einen Preis entgegen für ihren skurrilen Thriller-Spaß "Die Spur". Nun legt sie mit "Mr. Jones" einen Zweieinhalb-Stünder vor, der weniger Originalität, aber mehr Agenda zu bieten hat. Denn man muss sich schon sehr fragen, warum sie gerade jetzt die wahre Geschichte des walisischen Journalisten Gareth Jones erzählt, der als erster von den verheerenden Hungersnöten in der Ukraine berichtete, die Stalin zu verantworten hatte.

Mehr als deutlich drängt sich der Film nämlich als Anklage auf, dass sich der Westen heute einer ähnlichen Nachgiebigkeit gegenüber dem russischen Regime schuldig macht wie damals, als er Stalin unbedingt als Verhandlungspartner halten wollte und von den Millionen von Hungertoten in der Ukraine, von denen Jones berichtete, zunächst nichts wissen wollte.

Dass sich die Skepsis gegenüber Jones' Augenzeugenberichten so lange halten konnte, liegt laut Film an den Artikel des "New York Times"-Korrespondenten Walter Duranty, der von Moskau erpresst wurde und deshalb alle Fehlentwicklungen in der UdSSR leugnete. "Duranty wurde bis heute nicht sein Pulitzerpreis aberkannt", wird am Ende von "Mr. Jones" eingeblendet. Ob der Film nun zu dessen Aberkennung führt oder nur weiter den Furor über eine staatlich gesteuerte "Lügenpresse" anschürt? So oder so dürfte Agnieszka Hollands Film zu den folgenreichsten des Festivals gehören.

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