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Kultur

Palmen-Favorit "Lazzaro Felice"

Cannes erlebt ein Filmwunder

Der neue Film von Alice Rohrwacher erzählt von Arbeitern, die schuften wie Leibeigene - und balanciert Realistisches und Zauberhaftes meisterhaft aus. Ist das schon die Goldene Palme?

Festival de Cannes

"Lazzaro Felice"

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Montag, 14.05.2018   17:27 Uhr

"Le Meraviglie", die Wunder, hieß der Film, den Alice Rohrwacher 2014 in Cannes präsentierte und der ihr den "Großen Preis der Jury", gewissermaßen die Silbermedaille des Wettbewerbs, einbrachte. Jener Film, in dem Rohrwacher vom prekären Leben einer Imkerfamilie erzählte, wurde seinem Titel schon gerecht - so verblüffend einfach und doch nuanciert zeichnete er eine Familie am Rande der Belastbarkeit.

Noch größere Wunder gelingen der Italienerin allerdings mit "Lazzaro Felice", ihrem neuen Film im Wettbewerb. Bei der Premiere am Sonntag erhielt er über zehn Minuten Standing Ovations, nein, Crying Ovations, denn dem traurigen Zauber dieses Films konnte sich kaum jemand entziehen.

Nur ein Walkman gibt Aufschluss darüber, zu welcher Zeit der erste Teil von "Lazzaro Felice" angesiedelt ist. Ansonsten könnte die Geschichte einer Gemeinschaft von Landarbeitern, die im Dienste einer Marquesa auf einer vom Festland abgeschnittenen Insel wie Leibeigene schuften, auch irgendwann in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielen. Wie viele Arbeiterinnen und Arbeiter auf der Insel wohnen und in welchen Verwandtschaftsverhältnissen sie wie auch die diversen Kinder stehen, ist unklar.

Vor Unschuld glänzende Augen

Eine Person sticht aus dieser seltsamen Gemeinschaft bald heraus: Titelheld Lazzaro (Adriano Tardiolo), ein junger Mann mit pechschwarzen Locken und vor Unschuld glänzenden Augen. Sein biblischer Name legt es schon nahe, doch noch mehr ist es sein Verhalten, das ihn als eine Art Heiligen ausweist: Wo immer es etwas zu tragen gibt oder eine Schicht zu übernehmen ist, wird Lazzaro gerufen - und folgt er diesen Rufen.

Ein Blick in die Bibel sowie eine Recherche zu den diversen Mythen, die sich um Lazarus entsponnen haben, verraten fast schon zu viel von diesem Film und seinen magischen Wendungen. Viele kleine und ein großes Wunder fährt Rohrwacher auf, doch keines fühlt sich auftrumpfend oder unverdient an, denn "Lazzaro Felice" balanciert das Magische und das (Neo-)Realistische meisterlich aus.

In der besten Tradition des italienischen Kinos lässt Rohrwacher ein proletarisches Italien auferstehen, das nicht zur Verklärung dient, aber dennoch im kollektiven Gedächtnis gehalten werden muss. Denn im Abgleich mit der Gegenwart, die sich in "Lazzaro Felice" auf so verblüffende Art einstellt, dass man nichts weiter verraten darf, findet der Film zu einigen prägnanten Beobachtungen darüber, wie es aussehen kann, wenn man an den Rand gedrängt wird.

Der Orgel werden die Töne genommen

Fuji Television Network/ Gaga Corporation/AOI PRO/ Festival de Cannes

Szene aus "Shoplifters"

Wie groß die Gefahr zur Romantisierung prekärer Lebensverhältnisse und den daran ausgerichteten Überlebensstrategien ist, zeigt sich an "Shoplifters", dem Wettbewerbsfilm des Japaners Kore-eda Hirokazu. Hier werden durch Not und Gewalt geformte Wahlverwandtschaften zu einer sentimentalen Schicksalsgemeinschaft verschweißt, die jeder biologisch begründeten Familie vorzuziehen ist.

Bei Rohrwacher sucht man Sentimentalität dagegen vergebens, ihr liegt nicht am Einfühlen, sondern am Erspüren einer Gemengelage: Die Bilder ihrer Kamerafrau Helène Louvart, die auf 16-mm-Film samt räudig ausfransendem Rand gedreht hat, lassen schneidenden Rauch erriechen und bitteren Staub erschmecken.

Wie dieser Naturalismus mit den magischen Momenten zusammenpasst, zeigt sich am schönsten, wenn Lazzaro mit seinen Gefährten eine Kirche betritt. Angezogen von der Erhabenheit der Orgelmusik wollen sie einige Takte verweilen. Doch die lumpige Truppe wird von einer Nonne vertrieben, für Publikum sei die Probe nicht gedacht. Ohne zu streiten zieht Lazzaro weiter - jedoch nicht, ohne der Orgel die Luft zu nehmen, die sie braucht, um Töne anzuschlagen. Ihre Musik nimmt er stattdessen mit auf die Reise von sich und seinen Freunden.

"Das ist die Goldene Palme!", rief eine Kollegin am Ende der Premiere. Hoffentlich braucht es kein Wunder, damit sie recht behält.

Sie interessieren sich für Cannes und Filmkunst? Hier lesen Sie, wie das Festival versucht, ein Zeichen gegen Sexismus zu setzen - aber trotzdem scheitert in Sachen Gleichberechtigung. Und hier erfahren Sie mehr über das neue Kinoexperiment von Jean-Luc Godard.

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