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Kultur

Serienmörder und Rassisten in Cannes

Zur Hölle mit Lars von Trier!

Zwei Schwergewichte schlagen in Cannes auf: Getarnt als Horrorfilm über einen Serienkiller jubelt Lars von Trier dem Festival eine autobiografische Selbstreflexion unter. Spike Lee will dagegen Massen unterhalten.

Concorde

Szene aus "The House That Jack Built"

Aus Cannes berichtet
Dienstag, 15.05.2018   17:49 Uhr

Am Ende steht das Haus, das Jack gebaut hat, doch. Die längste Zeit ist er, der tagsüber als Ingenieur arbeitet, daran gescheitert, seine Ambitionen als Architekt umzusetzen. Erst als es fast zu spät ist, fällt dem Serienkiller ein, dass er die zahllosen Leichen, die er in zwölf Jahren angesammelt hat, zum Bau nutzen könnte. Voilà, ein Werk aus Leichen entsteht.

In diesem irren Plot eine Metapher auf Lars von Trier und sein Filmschaffen zu erkennen, ist so naheliegend wie nur irgendwas. Nicht umsonst wird Jack gleich am Anfang des Films, als er zu einer Beichte über sein mörderisches Unterfangen ansetzt, gefragt, ob er nicht zu nachlässig getötet hat, zu viele Spuren hinterlassen hat, es womöglich darauf angelegt hat, gefangen zu werden.

Ja, Lars von Trier will, dass er auffliegt, dass man seine Anspielungen entdeckt. Das ist eitel und doch nie vollständig selbstbezogen, denn ohne Publikum kann von Trier sein Filmspiel nicht spielen. Wie viele Leute sich allerdings auf einen zweieinhalbstündigen Essay über einen sadistischen, mutmaßlich alkoholkranken Dänen und sein Hadern mit dem eigenen Werk einlassen würden, ist, nun ja, fraglich.

Bruno Ganz führt durch Hades

Der große Schalk von Trier hat deshalb "The House That Jack Built" Cannes als Horrorfilm über einen Serienkiller untergejubelt - ein deutlich besserer Witz als der über seine Sympathien für Hitler, die Lars von Trier 2011 aus dem Festival gekegelt haben und bis zu diesem Jahr zur Persona non grata machten. Nun ist der Serientäter von Trier zurück an der Croisette und mit ihm Matt Dillon als Jack.

Concorde

Szene aus "The House That Jack Built"

Das erste Mal tötet Jack noch aus einem Impuls heraus. Das nächste Mal bringt er eine Kamera mit, um sein "Kunstwerk" festzuhalten, beim zehnten (oder zwanzigsten?) Opfer übt er sich schließlich in Taxidermie. Nie gleicht sich sein Vorgehen - ein Bruch mit der Psychologie klassischer Serienmörder, die sich auf einen Modus operandi versteifen und ihn perfektionieren. Auch das ist eine Analogie zu von Triers Arbeiten. Von einem Musical über einen Brecht'schen Theaterfilm bis zur Apokalypse hat sich der Däne so selten wiederholt und selbstzitiert wie kaum ein Regisseur sonst.

Diese Reihe endet allerdings mit "Jack", denn der dem Film zugrunde liegende Dialog zwischen Jack und seinem Führer in die Unterwelt (gespielt von Bruno Ganz), dem Jack seine Beichte darbringt, ist bekannt: So haben sich auch schon Stellan Skarsgard und Charlotte Gainsbourg in den "Nymphomaniac"-Filmen ausgetauscht. Schließlich werden sogar einige der ikonischsten Einstellungen aus von Triers Filmen eingeblendet, darunter der Weltuntergang aus "Melancholia" und die Geburtsszene aus "Geister".

Wut auf Wenders

Der Gedanke, was von Trier alles statt dieser Nabelschau hätte erzählen können, ist frustrierend. Aber von Trier wäre nicht er selbst, wenn er sich dafür nicht zum Schluss in die Hölle schicken würde. Wohlwissend, dass er damit nicht nur seinem Publikum den größten Gefallen tut - sondern sich selbst wieder als den einsetzt, der über Himmel und Hölle entscheidet.

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Apropos Gewalt: Wim Wenders soll auch in der Stadt sein, sein neuer Dokumentarfilm "Papst Franziskus - Mann des Wortes" wird in einer Sondervorführung gezeigt. Ihn selber hat man allerdings noch nicht zu sehen bekommen, auch nicht beim traditionellen deutschen Empfang am Samstag. Vielleicht versteckt er sich ja vor Spike Lee: Als Wenders 1989 Jurypräsident in Cannes war, lief Lees epochaler Debütfilm "Do the Right Thing" im Wettbewerb. Die Goldene Palme ging allerdings an Steven Soderberghs "Sex, Lies, and Videotapes". "Zwischen mir und Steven", hat Spike Lee vor dem Cannes-Start im "Hollywood Reporter" gesagt, "ist alles fein, aber bei dem Ding hat Wim Wenders die Strippen gezogen."

Mit Schlagringen an beiden Händen, auf denen jeweils die Worte "Love" and "Hate" standen, betrat Lee am Montagabend den roten Teppich für die Premiere seines neuen Films "BlacKkKlansman". Ob er wohl der diesjährigen Jury Schläge androht, wenn es wieder nichts mit der Palme wird? Leider könnte es nämlich auch in diesem Jahr wieder knapp werden, denn "BlacKkKlansman" hält das große Versprechen seines Stoffs nicht.

Black History und Buddy-Komödie

Nach den echten Erlebnissen des afroamerikanischen Polizisten Ron Stallworth, der Anfang der Siebziger aus Jux bei einer Hotline des Ku-Klux-Klan anruft, seinen Namen und seine Nummer hinterlässt, zurückgerufen und schließlich zu einem Treffen des lokalen Ablegers eingeladen wird, hätte sich sowohl ein schmerzhaftes Drama als auch eine überdrehte Farce drehen lassen. Gewohnt größenwahnsinnig hat sich Lee für beides zugleich entschlossen - und noch ein Einführungsseminar in Black history, eine Liebesgeschichte sowie eine Buddy-Komödie dazugepackt.

Stallworth (gespielt von Denzel Washingtons Sohn John David in seiner ersten Hauptrolle) kann sich am Telefon bestens verstellen und sämtliche KKK-Funktionäre bis hoch zu "Grand Wizard" David Duke täuschen. Zu den Treffen muss dann aber der weiße Kollege Philip Zimmermann (Adam Driver) gehen. Der ist weder von seinem Undercover-Einsatz noch von seinem Partner angetan, sodass im Verlauf des überaus gefährlichen Einsatzes auch noch dieses ungleiche Paar zusammenfinden muss, bevor der Schlag gegen die Rassisten gelingen kann.

Festival de Cannes

Szene aus BlacKkKlansman

Dass Stallworth außerdem der erste schwarze Polizist in seiner Heimatstadt Colorado Springs ist und gegen Rassismus in den eigenen Reihen ankämpfen muss und Zimmermann währenddessen seiner jüdischen Abstammung gewahr wird, dürfte einen Eindruck davon geben, was für ein Durcheinander dieser Film ist. Jedes Element macht für sich genommen Spaß und hat ein Massenpublikum zum Ziel, das Lee unterhalten und unterrichten will. Doch von Tonalität oder politischem Gehalt her fügt sich nichts zusammen. Ein schwaches Drehbuch reißt zusätzliche Logiklücken.

Und dann wird zum Schluss noch auf Nachrichtenbilder aus Charlottesville im August 2017 geschnitten, wo Neonazis aufmarschierten, eine antirassistische Gegendemonstrantin getötet wurde und Donald Trump anschließend von "fine people on both sides" sprach. Zum ersten Jahrestag der Ereignisse von Charlottesville kommt "BlacKkKlansman" in den USA in die Kinos. Als hätte es bei diesem Thema und diesem Präsidenten noch mehr Eindeutigkeit gebraucht.

insgesamt 1 Beitrag
kill_bambi79 15.05.2018
1. Lars von Trier der ewig sich wiederholende
Lars von Trier wiederholt sich nicht? Das seh ich aber anders. Mögen sich die Kulissen und die Art und Weise seiner Filme ändern, so dreht es sich doch in seinen Filmen hauptsächlich um weibliche Charakteren die an sich und der [...]
Lars von Trier wiederholt sich nicht? Das seh ich aber anders. Mögen sich die Kulissen und die Art und Weise seiner Filme ändern, so dreht es sich doch in seinen Filmen hauptsächlich um weibliche Charakteren die an sich und der Welt scheitern. Die Handlungen enden immer in völliger Zerstörung und Auflösung (Dancer in the Dark, Dogma, Der Antichrist, Melancholia, Nymphomania). Vorhersehbar, durchschaubar, auf Dauer trivial und langweilig. Mögen seine Bilder groß und faszinierend sein, so sind die Geschichten, die er erzählt eigentlichimmer die eine.
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