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Kultur

Cannes-Programm 2018

Politisches unter Palmen

Alles neu: Cannes mischt sein Programm mächtig auf - allerdings nicht ganz freiwillig, denn im Streit mit dem Festival hatte Netflix seine Filme zurückgezogen.

memento films/ Festival de Cannes

Penélope Cruz und Xavier Bardem im Eröffnungsfilm "Everybody Knows" ("Todos lo saben")

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Donnerstag, 12.04.2018   16:01 Uhr

Immer dieselben Namen, immer dieselben Männer: So lauten die Standardvorwürfe gegen Cannes. Doch 2018 kann man sie dem Festival nur schwer machen, denn die offizielle Auswahl des wichtigsten Filmfestivals der Welt hält einiges an Überraschungen parat.

Wie der künstlerische Leiter Thierry Frémaux jetzt bekannt gab, gehen unter anderem neue Filme von Spike Lee, Jafar Panahi und Kirill Serebrennikov ins Rennen um die Goldene Palme (Eine Liste mit allen Filmen finden Sie am Ende der Meldung). Die drei Regisseure machen dezidiert politisches Kino - eigentlich etwas, das die glamourösen Festspiele an der Côte d'Azur gern der Berlinale überlassen.

Regime gegen Regisseure

Doch nun sind mit Panahi und Serebrennikov zwei Filmemacher eingeladen, die wegen ihrer regierungskritischen Haltung heftigen Repressionen ausgesetzt sind: Berlinale-Gewinner Panahi ("Taxi Teheran") ist in seiner Heimat Iran mit Berufsverbot belegt worden, der Russe Serebrennikov steht wegen dubioser Geldhinterziehungsvorwürfe seit Monaten unter Hausarrest. Dass sie zur Weltpremiere ihrer Filme erscheinen können, ist unwahrscheinlich.

Spike Lees neuester Film dürfte kaum weniger kontrovers aufgenommen werden als sein umstrittenes Musical "Chi-Raq" über Waffengewalt in den USA: "BlacKkKlansman" erzählt die wahre Geschichte eines afroamerikanischen Polizisten, der den rassistischen Ku Klux Klan infiltriert. Denzel Washingtons Sohn John David Washington wird in der Titelrolle zu sehen sein.

Und die Stars?

Cannes setzt in diesem Jahr aber nicht nur auf mehr Politik, sondern auch auf weniger Stars. War das Programm die Jahre zuvor immer wieder von amerikanischen Produktionen durchwirkt, die Hollywood an die Croisette brachten, ist diesmal neben Spike Lee nur David Robert Mitchell aus den USA dabei. Bekannt geworden durch seinen klugen Horrorfilm "It Follows", liefert Mitchell ein weiteres Genrewerk: den Neo-Noir-Thriller "Under the Silver Lake" mit dem ehemaligen Spider-Man Andrew Garfield in der Hauptrolle. Ob Festivalchef Thierry Frémaux gedacht hat, dass die diesjährige Jury-Präsidentin Cate Blanchett schon genug Glamour nach Cannes bringt?

Ansonsten zeigt sich das asiatische Kino in ungewohnter Stärke: Aus Japan sind Kore-Eda Hirokazu und Ryusuke Hamaguchi dabei, China ist mit Jia Zhang-Ke vertreten, Korea mit Lee Chang-dong. Nur bei der Repräsentation von Regisseurinnen kommt Cannes lediglich in Babyschritten voran. Drei Frauen sind bislang im Wettbewerb eingeladen: die Italienerinnen Alice Rohrwacher und Eva Husson sowie die Libanesin Nadine Labake.

Zwei Mal Deutschland

Aus Deutschland sind zwei Beiträge in der offiziellen Auswahl: Ulrich Köhler wird seinen Film "In My Room" in der Nebenreihe "Un Certain Regard" zeigen. Mit "Schlafkrankheit" hatte Köhler auf der Berlinale 2011 den Silbernen Bären für die beste Regie gewonnen. Wim Wenders' Dokumentarfilm "Papst Franziskus - Ein Mann seines Wortes" läuft als Special Screening.

Bereits bekannt gegeben war, dass der neue Film vom doppelten Oscar-Preisträger Asghar Farhadi das Festival eröffnen würde. Das Beziehungsdrama "Todos lo saben" ("Everybody Knows") mit Javier Bardem und Penélope Cruz ist der erste spanischsprachige Film des Iraners Farhadi. Außerdem lockt Cannes Star-Wars-Fans mit "Solo - A Star Wars Story" an die Croisette: Zehn Tage vor seinem regulären Kinostart wird der Stand-Alone-Film über den jungen Han Solo hier gezeigt.

Wer fehlt?

Noch ist die Auswahl nicht abgeschlossen. Bislang sind nur 17 Wettbewerbsfilme genannt, und Programmchef Frémaux hat bereits angekündigt, dass noch weitere folgen werden. Munkeln, wer aus welchen Gründen wohl nicht eingeladen wurde, lässt sich daher schlecht. Doch die Liste derer, die als gesetzt galten und nun erst einmal fehlen, ist erstaunlich lang - darunter etliche Cannes-Preisträger und Oscar-Gewinner: Olivier Assayas, Jacques Audiard, Nuri Bilge Ceylan, Claire Denis, Xavier Dolan, Barry Jenkins, Mia Hansen-Love, Yorgos Lanthimos, Mike Leigh, Laszlo Nemes, Paolo Sorrentino und Lars von Trier waren alle im Wettbewerb erwartet worden.

Etliche Filme sollen dem Vernehmen nach noch nicht fertig geschnitten sein. Doch auch so findet sich Cannes in der ungewohnten Situation wieder, bei seiner Auswahl nicht aus den Vollen schöpfen zu können: Der Streamingdienst Netflix gab vor wenigen Tagen bekannt, sämtliche Filme zurückzuziehen.

Netflix boykottiert

Nach den Kontroversen aus dem vergangenen Jahr hatte das Festival es zur Regel gemacht, dass Wettbewerbsfilme eine Kinoauswertung in Frankreich vorweisen müssen. Weil damit eine Drei-Jahres-Sperrfrist verbunden ist, nach der Filme erst als Stream angeboten werden dürfen, war der Wettbewerb für Netflix schlagartig unattraktiv geworden.

Das faule Kompromissangebot von Frémaux, der Streamingdienst könne seine Filme (und seine Stars) gern außer Konkurrenz nach Cannes bringen, schlug Netflix-Programmchef Ted Sarandos verärgert aus: "Die neue Regel bezog sich indirekt auf Netflix. Als Thierry sie verkündete, bezog er sie aber direkt auf Netflix." Verlierer in diesem Streit sind vor allem die Filmemacher: Unter anderem soll so "Gravity"-Macher Alfonso Cuarón, Jeremy Saulnier und Paul Greengrass der Cannes-Start vermiest worden sein.

Ob es nicht klügere Regelungen als die zunächst geltende gibt, darüber wird in den kommenden Wochen sicher noch viel gestritten werden. Mit seiner ungewöhnlichen Auswahl zeigt Cannes jedenfalls, dass es in vielen Gebieten Neuerungen anstrebt. Ob die aber immer zum Besseren gereichen? Das wird sich ab dem 8. Mai zeigen, wenn der rote Teppich eröffnet wird.


Die "Selection officielle" im Überblick

Wettbewerb
"Ash Is Purest White" (Jia Zhang-Ke)
"At War" (Stéphane Brizé)
"BlacKkKlansman" (Spike Lee)
"Burning" (Lee Chang-dong)
"Capernaum" (Nadine Labaki)
"Cold War" (Pawel Pawlikowski)
"Dogman" (Matteo Garrone)
"Girls of the Sun" (Eva Husson)
"The Image Book" (Jean-Luc Godard)
"Lazzaro Felice" (Alice Rohrwacher)
"Leto" AKA "Summer" (Kirill Serebrennikov)
"Netemo Sametemo" AKA "Asako I & II" (Ryusuke Hamaguchi)
"Shoplifters" (Kore-Eda Hirokazu)
"Sorry Angel" (Christophe Honoré)
"Three Faces" (Jafar Panahi)
"Under the Silver Lake" (David Robert Mitchell)
"Yomeddine" (A.B. Shawky)

Un Certain Regard
"Angel Face" (Vanessa Filho)
"Border" (Ali Abbasi)
"El Angel" (Luis Ortega)
"Euphoria" (Valeria Golino)
"Friend" (Wanuri Kahiu)
"The Gentle Indifference of the World" (Adilkhan Yerzhanov)
"Girl" (Lukas Dhont)
"The Harvesters" (Etienne Kallos)
"In My Room" (Ulrich Köhler)
"Little Tickles" (Andréa Bescond & Eric Métayer)
"My Favorite Fabric" (Gaya Jiji)
"On Your Knees, Guys" (Sextape) (Antoine Desrosières)
Sofia" (Meyem Benm'Barek)

Außer Konkurrenz
"Le Grand Bain" (Gilles Lellouche)
"Solo: A Star Wars Story" (Ron Howard)

Midnight Screenings
"Arctic" (Joe Penna)
"Gongjak" AKA "The Spy Gone North" (Yoon Jong-Bing)

Special Screenings
"Dead Souls" (Wang Bing)
"La Traversée" (Romain Goupil)
"O Grande Circo Místico" (Carlo Diegues)
"Pope Francis - A Man of His Word" (Wim Wenders)
"The State Against Mandela and the Others" (Nicolas Champeaux & Gilles Porte)
"10 Years in Thailand" (Aditya Assarat, Wisit Sasanatieng, Chulayarnon Sriphol & Apichatpong Weerasethakul)
"To the Four Winds" (Michel Toesca)

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