Schrift:
Ansicht Home:
Kultur

Coming-of-Age-Film

Licht am Ende des Tunnels

Kann man seiner Herkunft je entkommen? Nach Motiven von Édouard Louis' Erfolgsroman "Das Ende von Eddy" erzählt der Film "Marvin" von einer Jugend in der Provinz, von Homophobie, Rechtsruck und der Flucht nach Paris.

Foto: Salzgeber
Von
Mittwoch, 04.07.2018   15:50 Uhr

"Während er nachdenkt, fällt der Akrobat vom Seil." Für Marvin wissen fast alle einen guten Rat. Dieser hier kommt von Roland (Charles Berling), einer Klubbegegnung mit dem gewissen Etwas. Roland leistet sich gern schicke Flitzer und adrette Buben. Er spendiert Marvin (Finnegan Oldfield) eine Zahnkorrektur und stellt ihm Isabelle Huppert vor, die zu seinem erlesenen Freundeskreis zählt und bald zur Patronin Marvins wird.

Eines der ersten Gespräche zwischen Marvin und Huppert verläuft so: "Sprechen Sie Englisch?", fragt sie ihn. "So wenig wie möglich." "Sollten Sie aber, mit fremden Sprachen kann man sich verkleiden." Nur: Marvin ist überhaupt nicht mehr nach verkleiden.

Fotostrecke

"Marvin": Licht am Ende des Tunnels

Der junge Mann, der gerade aus der französischen Provinz nach Paris gekommen ist, um Schauspiel zu studieren, hat mit seiner Familie wenig Glück gehabt: Wie einem Schwanenküken, das die Ente versehentlich mit ausgebrütet hat, begegnet man ihm mit Häme und Ablehnung, unwissend, dass sich aus dem fremd anmutenden Geschöpf ein prächtiger Schwan entwickeln könnte.

In diesem ruppigen Umfeld, in dem Frittenöl und Bier strömen, fällt auch hin und wieder ein rassistischer Kommentar. Als Marvins Vater Dany (Grégory Gadebois) seinen Sohn zum Zug begleitet, der ihn aus dem Städtchen in die Stadt führen soll, gibt auch er ihm weise Ratschläge mit auf den Weg. Vor wem er sich in Acht nehmen soll etwa (Nichtfranzosen). Marvin dreht sich, als der Zug abfährt, nicht mehr nach ihm um.

Anne Fontaines Film "Marvin" orientiert sich stark am autobiografisch gefärbten Erfolgsroman "Das Ende von Eddy" von Édouard Louis, der 2014 in Frankreich und ein Jahr später auch hierzulande erschien. Gewidmet ist das Buch Didier Eribon ("Rückkehr aus Reims"), mit dem Louis die Lebensgeschichte teilt, als Homosexueller in der französischen Provinz aufgewachsen zu sein und nun zu versuchen zu verstehen, wie seine schwule Identität, die Flucht nach Paris und der Rechtsruck in der Arbeiterklasse zusammenhängen könnten.

Selbstvergessen im homoerotischen Striptease

Auch Fontaines Film gleitet zwischen den verschiedenen Lebensphasen und Zeitebenen. Da ist Marvins Kindheit und frühe Jugend im Département Vosges im östlichen Teil des Landes. Vor der mittelgebirglichen Kulisse ist er (in diesem Alter nun von Jules Porier gespielt) mit einer intellektuellen Armut konfrontiert, von der er sich, so legt es der Film nah, nur schrittweise wird lossagen können. Dies geschieht, mehr oder weniger holprig, wiederum in der Gegenwart, in Paris und im Kreise neuer, verständigerer Freunde.


"Marvin"
Originaltitel: "Marvin ou la belle éducation"

Frankreich 2017

Regie: Anne Fontaine
Drehbuch: Anne Fontaine, Pierre Trividic
Darsteller: Finnegan Oldfield, Grégory Gadebois, Vincent Macaigne, Catherine Salée, Jules Porier, Catherine Mouchet, Charles Berling, Isabelle Huppert
Produktion: Ciné@, P.A.S. Productions, F Comme Film
Verleih: Salzgeber
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 114 Minuten
Start: 5. Juli 2018


Dabei sind die filmisch schönsten Momente jene, in denen Marvin sich noch im "Exil" befindet, in denen das innere Treiben mit dem äußeren kommuniziert. Wenn sich während eines Volksfestes beispielsweise eine Gruppe betrunkener Männer völlig selbstvergessen in einem homoerotischen Striptease ergeht. Oder Marvins Mitschüler in der Schwimmhalle zu Epigonen antiker Jünglinge werden.

Fontaines Film überzeugt dann am meisten, wenn er sich einer größtmöglichen Subjektivität hingibt. Einer Subjektivität, die auch Marvin für sich erschließen kann und die letztlich in einer Befürwortung der eigenen Identität mündet. Er lernt, aus seiner Perspektive zu sprechen, anzuklagen, darzustellen - wo er bislang doch vor allem die der anderen kannte.

Vom Dunkel ins Licht

Anne Fontaines unebenes, auch unberechenbares Werk, das sich von eher erotischen Stoffen ("Tage am Strand") über historische ("Coco Chanel") bis hin zu komödiantischen ("Mein liebster Albtraum") erstreckt, interessiert sich trotz aller Verschiedenartigkeit stark für Milieus und die teils tiefen Gräben, die zwischen ihnen verlaufen.

Die Darstellung von Marvins Familie ist eine drastische, wenn auch nicht gänzlich vernichtende. Man kann die Ambivalenz nachvollziehen, mit welcher die Rückschau ausfällt: Irgendwo zwischen Wut, Mitleid und einer gewissen Anerkennung gilt es, die eigenen Wurzeln zu verschmerzen und etwas mit ihnen anzufangen.

Die akademisch-künstlerischen Kreise von Paris zeichnet Fontaines hingegen mit weit weniger Schärfe. Dabei böten auch die erhebliches Potenzial zum Sezieren. Stattdessen inszeniert Fontaine Marvins Geschichte als eine Art Reise ins Licht. Einer Reise, der man dank ihrer bekömmlichen Mittel sehr gerne folgt. Fast schon zu gerne.

Im Video: Der Trailer zu "Marvin"

Foto: Salzgeber
Sagen Sie Ihre Meinung!
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP