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Kultur

Western-Drama mit Jessica Chastain

Wo ihr Wille ist, ist auch ein Weg

Gut gemeint, gut gemacht - und trotzdem daneben: In "Die Frau, die vorausgeht" kämpft Jessica Chastain als grundgute weiße Retterin für die Rechte unterdrückter amerikanischer Ureinwohner.

Tobis
Von
Samstag, 07.07.2018   23:25 Uhr

Für Schauspielerinnen gibt es im amerikanischen Kino, grob gesagt, zwei Sorten Hauptrollen: Die Frau an seiner Seite, die dem echten Hauptdarsteller, also dem Mann, im Kampf für irgendein Ziel den Rücken freihält; und die starke Frau, die allein und unabhängig ihren Weg geht. Die erste Sorte umfasst etwa 95 Prozent aller angebotenen Rollen. Die zweite übernimmt in 95 Prozent aller Fälle Jessica Chastain.

Keine kämpft auf der Leinwand so überzeugend gegen die Widerstände des Patriarchats an wie Chastain. Mit ihren langen roten Haaren und den markanten Lippen erinnert sie an Hollywood-Diven alter Schule, wie Rita Hayworth, mit mindestens so viel Charisma und doppelt so viel Entschlossenheit.

Sie hat mehr oder weniger im Alleingang Osama bin Laden geschnappt ("Zero Dark Thirty"), die politische Macker-Kaste Washingtons vorgeführt ("Die Erfindung der Wahrheit"), 300 Juden vor dem Holocaust gerettet ("Die Frau des Zoodirektors") und ein internationales Poker-Imperium aufgebaut ("Molly's Game"). Wer sich wundert, warum sie nicht alle acht Hauptrollen in "Oceans' 8" gespielt hat: Im Spionage-Thriller "355" soll sie bald ihre eigene Frauen-Gang anführen.

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"Die Frau, die vorausgeht": Alle ihr nach!

Erst ist es aber Zeit, sich der amerikanischen Ureinwohner anzunehmen. In "Die Frau, die vorausgeht" von Regisseurin Susanna White ("Verräter wie wir") spielt sie die Malerin Catherine Weldon, die nach dem Tod ihres ungeliebten Mannes im Jahr 1890 New York City verlässt, um im noch recht wilden Westen den legendären Stammesführer Sitting Bull (Michael Greyeyes) zu porträtieren.

Fit für den Widerstand

Zunächst noch in rein künstlerischer Mission unterwegs, wird sie schnell Zeugin, mit wieviel Niedertracht die Ureinwohner nach vielen blutigen Kriegen von den weißen Gästen immer noch in Schach gehalten werden. Und so überzeugt sie den müde gewordenen Häuptling Sitting Bull nicht nur davon, sich von ihr malen zu lassen, sondern macht ihn als Beraterin unter dem neuen Ehrenspitznamen "Woman Walks Ahead" auch fit für den Widerstand gegen die Unterdrücker. Wer sollte es denn sonst tun als die edle Weiße aus der kultivierten Großstadt?

Eigentlich sollte die Ära dieser "White-Savior"-Geschichten langsam vorbei sein. Filme wie "Der mit dem Wolf tanzt" oder "Amistad", die den Kampf der Unterdrückten konsequent aus der Sicht von heldenhaften weißen Alliierten zeigen, mögen einem überwiegend weißen Publikum bei der Verarbeitung eines latent schlechten Gewissens helfen. Gegenüber den Unterdrückten wirken sie aber fast unweigerlich herablassend - denn wer einen selbstlosen Retter braucht, ist im Umkehrschluss zu schwach, sich selbst zu helfen.


"Die Frau, die vorausgeht"
Originaltitel: "Woman Walks Ahead"
USA 2017
Regie: Susanna White
Drehbuch: Steven Knight

Darsteller: Jessica Chastain, Michael Greyeyes, Sam Rockwell, Ciarán Hinds, Chaske Spencer, Bill Camp
Verleih: Tobis Film
Länge: 102 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 5. Juli 2018


Da hilft es auch nicht viel, wenn die Filme handwerklich so gut gemacht sind wie "Die Frau, die vorausgeht": Regisseurin White erzählt die Geschichte mit Tempo, ohne allzu viel Pathos und hin und wieder mit einer netten Prise Humor, etwa wenn sie ihre Hauptdarstellerin mit perfektem Make-up und tadelloser Frisur allein in der Wüste stehen lässt.

Die Kamera fängt die Weiten des amerikanischen Westens mit angemessen opulenten Bildern ein, und das Drehbuch von Steven Knight versucht, den meisten Figuren eine gewisse Zwiespältigkeit mitzugeben - nicht jeder weiße Siedler ist hier von Grund auf böse, die Ureinwohner sind nicht automatisch grundgut.

Frei von Hollywood-Sex-Appeal

Und trotzdem: herablassend, unnötig. Was auf einer wahren Geschichte basiert, hat mit der Realität nämlich nicht mehr viel zu tun. Eine Malerin Catherine (bzw. Caroline) Weldon gab es wirklich, aber tatsächlich war sie schon in New York überzeugte Aktivistin für die Sache der Ureinwohner. Sie war auch keine Witwe. Sie und Sitting Bull waren damals mindestens zehn Jahre älter als Chastain und Greyeyes heute, frei von Hollywood-Sex-Appeal und haben sich auch nicht die ganze Zeit sehnsuchtsvolle Blicke zugeworfen. Die Beziehung der beiden war rein politisch; zum Zeitpunkt seiner Ermordung hatten sie gar keinen Kontakt mehr. Warum also ein Historiendrama, das der eigenen Geschichte misstraut und sie bis zur Unkenntlichkeit verzerrt?

Naja, aber Jessica Chastain. Die ist natürlich toll, ist sie ja immer. Gebt ihr endlich den Oscar. Nicht gerade hierfür, aber gebt ihn ihr einfach. Vielleicht kann sie dann endlich was anderes spielen als die starke Frau, die allein und unabhängig ihren Weg geht.


insgesamt 1 Beitrag
xxgreenkeeperxx 08.07.2018
1. Kino ist auch erzählerische Freiheit
Ich bin nicht der Meinung, dass ein Film, dessen Handlung auf einer wahren Begebenheit basiert immer auch diese detailgetreu wiedergeben muss. Kino ist schließlich Theater auf der Leinwand und somit auch Kunst, die von der [...]
Ich bin nicht der Meinung, dass ein Film, dessen Handlung auf einer wahren Begebenheit basiert immer auch diese detailgetreu wiedergeben muss. Kino ist schließlich Theater auf der Leinwand und somit auch Kunst, die von der erzählerischen Freiheit lebt. Das fängt schon bei den griechischen Tragödien an und setzt sich bis in unsere Zeit fort. Auch halte ich es für ziemlich arrogant zu behaupten weil eine weiße Frau, die sich für die Rechte der Indianer einsetzt im Mittelpunkt der Handlung steht wäre der Film herablassend gegenüber den Ureinwohnern des Landes weil diese als schwach dargestellt werden und nur durch den weißen Mann/Frau von ihrem elend erlöst werden können. Dann sollten wir z.B. die private Flüchtlingshilfe sofort einstellen, denn hier engagieren sich ja auch einige weiße Frauen und Männer für durch die Politik des Westens in Not geratene Ureinwohner des afrikanischen Kontinents, die sich selbst nicht mehr helfen können. Oder wenigstens sollte man die Darstellung dieser Hilfe nur auf Dokumentationen beschränken und aus dem Kinofilm verbannen und dort nur noch zeigen wie die Flüchtlinge sich selbst helfen. Den Film aus diesen Gründen zu kritisieren halte ich für sehr kurzsichtig. Allerdings macht diese Art der Filmkritik mich auch neugierig auf den Film selbst, den ich sonst wahrscheinlich keinerlei Beachtung geschenkt hätte.
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