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Kultur

Film über Organspenden

Ein Herz und so viele Leben

Kein Rührstück und kein Krankenhausdrama: Katell Quillévérés herausragender Film "Die Lebenden reparieren" zeigt, wie eine Herztransplantation die Leben ganz unterschiedlicher Menschen aufwühlt.

Foto: Wild Bunch
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Donnerstag, 07.12.2017   17:13 Uhr

Reparieren - ein ziemlich technischer Begriff, der an Autowerkstätten denken lässt oder an Fahrradkeller. In Katell Quillévérés neuem Film aber sollen keine Dinge gerichtet werden, sondern, der Titel verrät es, die Lebenden. Menschen. Gleichzeitig deutet der explizite Verweis auf die Lebenden hin zu den Nichtlebenden, den Toten. Und stellt man nun all dies nebeneinander - die Reparatur, die lebendigen und die nicht mehr lebendigen Körper - dann landet man schnell beim Thema von Quillévérés Film: Organspende und -transplantation.

Ein heikles Gebiet, wie Thomas Rémige (Tahar Rahim), Koordinator eines Krankenhauses, einräumt, als er den Eltern eines 17-Jährigen beizubringen hat, dass es nach der Feststellung des Todes noch ein paar andere Dinge zu klären gebe. Simon (Gabin Verdet) hieß der junge Mann, der nach einem Autounfall für hirntot erklärt worden ist. Sollte das Elternpaar einwilligen, seine Organe zur Spende freizugeben, tickt die Uhr: Umgehend müssten die Eingriffe vollzogen werden. "Was hätte Simon gewollt? Wie stand er zu seinem Körper?", sind Fragen, die Rémige an die Trauernden richtet. Zumindest Vater Vincent (Kool Shen) reagiert da mit einer den persönlichen Grenzbereich markierenden Emotion: Wut.

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"Die Lebenden reparieren": Hirn tot, Herz lebendig

"Die Lebenden reparieren" der Französin Katell Quillévéré erzählt sich dabei nicht als klassisches Krankenhausdrama, das bei einzelnen Figuren verbleibt und ihnen nicht mehr von der Seite weicht, um jede mögliche Regung abzugreifen. Quillévérés Film ist episodenhaft, versucht sich in Bewegung, indem er alle Etappen der Transplantation nachvollziehen möchte und quasi Mini-Porträts der Handlungsträger anfertigt.

Stolz und still

Er entspricht damit seinem literarischen Vorbild, dem gleichnamigen Roman von Maylis de Kerangal, der die ersten 24 Stunden nach dem klinischen Tod eines Jugendlichen in rasantem Tempo erzählt. Da ist zum Beispiel Krankenschwester Jeanne (Monia Chokri), die abends im Fahrstuhl ihren Liebhaber fantasiert. Als sie Simons Eltern Marianne (Emmanuelle Seigner) und Vincent sich gegenseitig stützend das Krankenhaus verlassen sieht, lässt sie ihm später noch die Nachricht "Je t'aime" zukommen. Oder Arzt Pierre Révol (Bouli Lanners), der im Auto rappt, aber auf Station zum Miesepeter wird und mit Jeanne schimpft.

Im wahrsten Sinne Herzstück aber ist Simon, ein Junge, für den man sich schnell zu interessieren beginnt. Drei, vier Sätze sind von ihm während des gesamten Films zu hören, wenn überhaupt. Aber sein Gesicht, sein Blick, die Art, sich umzudrehen oder wie er in seine Pedale tritt - das alles vergisst man nicht.

Simon gehört zu den Menschen, die machen, was ihnen wichtig ist und darüber keine großen Worte verlieren. Als er sich in Juliette (Galatéa Bellugi) verliebt, radelt er so schnell, wie es geht, einen Berg hinauf, um sie rechtzeitig dort abzupassen und stolz und still vor ihr zu stehen. Die bedankt sich, indem sie ihn zu sich in eine Ecke zieht und küsst. Oder gleich zu Anfang, wenn Simon sich früh morgens aus dem Zimmer schleicht, um mit seinen Freunden surfen zu gehen, sich noch einmal zu Juliette wendet, die im Bett liegt und schläft, und dann aus dem Fenster steigt. Es wird der fatale Ausflug sein.

Nicht erloschene Liebe

Hätte Katell Quillévéré niemanden wie Gabin Verdet gefunden, der auch im echten Leben Wellen reitet und dessen Darstellung des Simon gewissermaßen die Aorta dieses Films ist, wäre es mit "Die Lebenden reparieren" womöglich nichts Großes geworden. Auch Anne Dorval, die die Empfängerin von Simons Spenderherz spielt, eine Violinistin im Zwangsruhestand mit zwei erwachsenen Söhnen und einer nicht erloschenen Liebe zu einer Pianistin, hätte, trotz passablem Spiel, daran nichts zu ändern vermocht.


"Die Lebenden reparieren"
Originaltitel: "Réparer les Vivants"

Frankreich, Belgien 2016
Regie: Katell Quillévéré
Drehbuch: Katell Quillévéré, Gilles Taurand, basierend auf dem Buch von Maylis de Kerangal
Darsteller: Tahar Rahim, Emmanuelle Seigner, Anne Dorval, Bouli Landers, Kool Shen, Monia Chokri, Alice Taglioni
Verleih: Wild Bunch Germany
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 104 Minuten
Start: 7. Dezember 2017


Auch "Die unerschütterliche Liebe der Suzanne" (2013), Quillévérés Film vor diesem, war getragen von einer zentralen schauspielerischen Leistung: Adèle Haenel wurde dafür mit einem César ausgezeichnet. Dank ihr durchströmte den Film eine sonderbare Kraft, die als Erinnerung blieb, auch wenn die Handlung selbst schnell verblasste.

Das wird in "Die Lebenden reparieren" anders sein, zu prägnant und zu einfach ist der Verlauf des Films. Im Grunde wird hier ein riesiges Rettungsprojekt gezeigt, das Anne Dorvals Claire einmal auch ethisch hinterfragt: "Wenn mein Herz nicht stark genug ist, warum soll ich dann nicht einfach sterben?"

Funken schlagen

Aber der Reigen an Figuren, ihre spezifischen Positionen und Lebensstandorte - sie alle bleiben mehr oder weniger auf einer Ebene, über die sich gefühlt nur Simon erhebt. Das ergibt Funken, jene Funken, die die Dinge zum Laufen bringen, die etwas in einem wiederherrichten. Bei Quillévéré haben diese Funken viel mit Musik zu tun und wie diese einen Zugang zu Simon herstellt, den man weitestgehend nur in (verklärter?) Rückschau kennenlernen durfte.

Da wäre "Paint Me Colors" des kalifornischen Folk-Punk-Duos Girlpool, mit dem der Film eröffnet und in die frühen Morgenstunden eintaucht. Oder "Lonely Teardrops", ein Ska-Soul-Crossover des Jamaikaners Ken Boothe, quasi der Soundtrack zum Autounfall. Außerdem: ein Meeresrauschen, das Simon vielleicht hören wird, wenn die Ärzte ihm das Herz ausschneiden, ausgesucht von Juliette. Und schließlich David Bowies "Five Years" aus "The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars" im Abspann, der sowohl das Fühlen als auch das Leben preist sowie deren Endlichkeit.

So ließe sich "Die Lebenden reparieren" auch wortwörtlich als Katell Quillévérés Selbstverständnis ihres Tuns verstehen: Ihr Film repariert uns Lebende, die ins Kino gehen.

Im Video: Der Trailer zu "Die Lebenden reparieren"

Foto: Wild Bunch
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