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Kultur

Amerika-Erklärer John Ford

Gelobtes Land, verfluchtes Land

Wie vielfältig die Filmgeschichte die Gegenwart spiegelt, führt eine kluge Arte-Dokumentation vor Augen: Die Western von John Ford zeigten schon vor 80 Jahren die tiefen Risse in der US-Gesellschaft.

Getty Images

John Ford (rechts)

Von
Sonntag, 17.03.2019   19:25 Uhr

"Amerika den Amerikanern!", kräht der Bankier, der seine eigene Bank bestohlen hat. "Steuern senken!" "Dieses Land braucht einen Geschäftsmann als Präsidenten!" Eine Stimme aus einer weit entfernten Vergangenheit, schrill, sich überschlagend. Ein unheimliches Echo aus der Filmgeschichte. Soll noch mal jemand sagen, ein Western aus dem Jahr 1939 habe der Welt 2019 nichts zu sagen.

Die Sätze wie aus dem Lehrbuch für Populisten stammen aus dem Film "Ringo", einem amerikanischen Heimatfilm in Schwarz-Weiß, der sowohl das Western-Genre an sich berühmt machte wie auch seinen Hauptdarsteller John Wayne und dessen Regisseur John Ford. Gemeint waren sie damals als satirische Zuspitzung, mit der Ford sich über die Zerrissenheit der Gesellschaft in den USA und den grenzenlosen Egoismus seiner Kapitaleigner lustig machte. Dass der Witz in seinem Land einmal Realität werden würde, hat sich John Ford sicher nicht ausmalen können.

Quoten- und Aktualitätsdruck sorgen seit Jahren dafür, dass Filmgeschichte im TV-Programm nur noch in Nischen stattfindet, dem Nachwuchs droht eine bemitleidenswerte cineastische Illiteralität. Der Fernsehsender Arte stemmt sich selten, aber zumindest regelmäßig dem Diktat des Neuen entgegen, wie auch an diesem Sonntag mit einem Abend mit John Ford. Ein Abend, der so gar nicht dazu einlädt, in eine imaginierte gute alte Zeit zu entschwinden, sondern ein Panorama bietet, das die Gegenwart auf vielfältige Weise spiegelt.

Alamy Stock Photo/ Arte

James Stewart, John Ford und John Wayne (v.l.) bei den Dreharbeiten von "Der Mann, der Liberty Valance erschoss" im Jahr 1962

Schließlich war John Ford der Mann, der Amerika erfand - so zumindest der Titel der klugen französischen Dokumentation über den Regisseur, die Arte nach seinem Klassiker "Der Mann, der Liberty Valance erschoss" als deutsche Erstausstrahlung zeigt. Und in gewissem Sinne stimmt das, denn in seinen Filmen, in "Ringo" und "Faustrecht der Prärie", in "Bis zum letzten Mann", "Der schwarze Falke" und "Der Teufelshauptmann", konnte Amerika Nabelschau halten. Idealistisch und mythisch entrückt einerseits, von inneren Konflikten zerrissen andererseits.

Selbst ein Gangster bekommt eine Chance

Ford drehte über einen Zeitraum von 50 Jahren Filme, und sein Oeuvre zeigt diese Zerrissenheit der Nation, auch sein eigenes Hadern mit der Heimat. Der Glaube an den amerikanischen Traum ist in vielen seiner Filme die Klammer, die alles zusammenhält. Selbst ein Gangster wie Ringo bekommt hier seine Chance. Aber deutlich wird immer wieder, wie zerbrechlich dieser Traum ist und wie weit entfernt oft von der Realität - der zornige Realismus seiner Steinbeck-Verfilmung "Früchte des Zorns" (1940) steht dafür ebenso Pate wie die erbarmungslose Erinnerung an den verdrängten Genozid an den indigenen Ureinwohnern in seinem letzten Western "Cheyenne" (1964).

Steve Dunleavy/ Arte

John Ford fand das Monument Valley als Drehort für seine Amerika-Geschichten - obwohl sich in Wirklichkeit niemals ein Siedlertreck dorthin verirrte.

Das Besondere an John Fords Werk ist, dass der Künstler in späteren Jahren gewissermaßen die Kulissen umstößt, die er in den Jahrzehnten zuvor selbst aufgebaut hat. In "Der schwarze Falke" zeigt er auf atemberaubend griffige Weise den Hass und den Rassismus, der scheinbare Helden antreibt; in "Der Mann, der Liberty Valance erschoss" macht er den Mythos des "Wilden Westens", seine von ihm selbst forcierte märchenhafte Überhöhung, zum Thema. "Wenn die Legende Wirklichkeit wird", sagt da ein Zeitungsreporter, "drucke die Legende."

Zur Legende wurde Ford im Lauf der Jahrzehnte selbst, nicht zuletzt wegen seines schroffen Umgangs mit Journalisten. Die Doku zeigt Ausschnitte aus Interviewversuchen, die das auf das Wunderbarste belegen. Auf die Frage, wie er eine bestimmte Szene gefilmt habe, bellt er etwa an seiner qualmenden Zigarre vorbei: "Mit einer Kamera!" Zeitlebens spielte Ford die Rolle des rauen Cowboys, um sich Kritiker und Fans gleichermaßen vom Hals zu halten. Die eigentliche Person John Ford, der schwere Alkoholiker, sensible Literaturliebhaber, unglückliche Privatmann, bleibt so widersprüchlich wie seine Filme.

Wie die Siedler das heutige Amerika betrachten würden, wird Ford, schon gezeichnet von Krankheit und Alter, Anfang der Siebzigerjahre gefragt. "Sie würden sich schämen", antwortet er darauf. Aber: "Irgendwann wird es besser." Gegenwärtig ist es bekanntlich erst einmal viel schlechter geworden. Aber: Zumindest in Fords Filmen stirbt die Hoffnung zuletzt.


"John Ford - Der Mann, der Amerika erfand" läuft am 17. März 2019 um 22:15 Uhr auf Arte und ist bis zum 15. Mai 2019 in der Mediathek abrufbar. Zuvor zeigt Arte um 20.15 Uhr Fords Westernklassiker "Der Mann, der Liberty Valance erschoss".

insgesamt 32 Beiträge
mike siegel 17.03.2019
1. Wenig Filmkunst in Deutschland
Schön geschrieben: "Quoten- und Aktualitätsdruck sorgen seit Jahren dafür, dass Filmgeschichte im TV-Programm nur noch in Nischen stattfindet, dem Nachwuchs droht eine bemitleidenswerte cineastische Illiteralität." [...]
Schön geschrieben: "Quoten- und Aktualitätsdruck sorgen seit Jahren dafür, dass Filmgeschichte im TV-Programm nur noch in Nischen stattfindet, dem Nachwuchs droht eine bemitleidenswerte cineastische Illiteralität." Da hebt's halt überall - in den Sendern und bei den Zuschauern. Hierzulande gilt "Film" halt meist als Unterhaltungsware, gleichgeschaltet mit Computerspielen u.ä. Das Film oft (freilich nicht immer) große oft zeitlose Kunst ist, und das Kunst nicht an ihrem Alter sondern durch Eindruck, Ausdruck, Talent, Einfluß, Form, Inhalt und Bedeutung erlebt wird, das ist hierzulande früher mal in größerem Maß verstanden worden. Ein kränkelndes Ästlein ist übrig geblieben. Und jüngere Filmfans huldigen lieber mäßig talentierten Genrefilmern der 70er oder 80er anstatt sich auf die großen alten Meister einzulassen. In Paris sah ich zuletzt nen Orson Welles Film mit lauter unter 30-jährigen im Kino. Das war ein schöner Abend...
geri&freki 17.03.2019
2. Quintessenz
Wahrscheinlich würde die Filmfigur Liberty Valance, würde John Ford den Stoff heute verfilmen, nicht mehr als Bösewicht erschossen, sondern zum Senator, wenn nicht sogar zum US-Präsidenten gewählt werden. Und wäre damit von [...]
Wahrscheinlich würde die Filmfigur Liberty Valance, würde John Ford den Stoff heute verfilmen, nicht mehr als Bösewicht erschossen, sondern zum Senator, wenn nicht sogar zum US-Präsidenten gewählt werden. Und wäre damit von der Realität nicht weit entfernt.
madrileno 17.03.2019
3. Kleine Frage
Wer hat die Rechte an den vielen filmhistorisch (und auch sonst, wie wir sehn!) interessanten Filmen?
Wer hat die Rechte an den vielen filmhistorisch (und auch sonst, wie wir sehn!) interessanten Filmen?
Papazaca 18.03.2019
4. Guter Bericht über eine sehr gute Ford-Doku
Faszinierend an allem ist die Ambivalenz und der permanente Widerspruch von John Ford. Konstruierte Welten wie das Monument Valley, das nie ein Siedlertrek durchquerte, das aber der Inbegriff des Western ist. Oder die Schroffheit [...]
Faszinierend an allem ist die Ambivalenz und der permanente Widerspruch von John Ford. Konstruierte Welten wie das Monument Valley, das nie ein Siedlertrek durchquerte, das aber der Inbegriff des Western ist. Oder die Schroffheit des Filmmachos Ford, dem heimliche Gefühle für Männer nachgesagt wurden. Oder seine linke, humanistische Grundhaltung, die sich ganz im Kontrast zu seinen stramm rechten Stars befand. Selten habe ich eine so profunde Doku über einen Mythos (Ford), über die Schaffung von Mythen und ihre Dekonstruktion gesehen. Ich wußte auch nicht, ob ich angesichts des vielen Whisky im wilden Westen stilgerecht selbst einen trinken sollte oder an die Entziehungskuren von Ford denken sollte? Wenn am Schluß in "Der Mann, der Liberty Valance erschoss" die Lüge den Mythos rettet, hat man vieles über die USA und Hollywood verstanden. Mythos, Wahrheit und Lüge sind so miteinander verstrickt wie der gordische Knoten.
toninotorino 18.03.2019
5. John Ford
Aufgrund dieses Artikels habe ich mir gestern "Liberty Valance" und die anschließende Dokumentation angesehen. John Ford ist einer meiner Lieblingsregisseure. Als Jugendlicher haben mich viele seiner Filme begeistert. [...]
Aufgrund dieses Artikels habe ich mir gestern "Liberty Valance" und die anschließende Dokumentation angesehen. John Ford ist einer meiner Lieblingsregisseure. Als Jugendlicher haben mich viele seiner Filme begeistert. Sie haben dazu beigetragen, dass mich Amerika bis heute fasziniert. Ich fand, dass er seine Figuren und Handlungen nie schablonenhaft darstellte. Immer waren Brüche, Zweifel und Widersprüche in den Charakteren zu erkennen. Das machte für mich den Reiz seiner Filme aus.
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