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Kultur

Filmessay "Untitled"

Wie auf einem anderen Planeten

Mitten während Dreharbeiten in Afrika verstarb der große Dokumentarfilmer Michael Glawogger an Malaria. Aus dem bereits gedrehten Material ist nun "Untitled" entstanden. Der Film ist Vermächtnis, Würdigung und Narbe zugleich.

Foto: imago
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Dienstag, 24.10.2017   17:19 Uhr

"Vielleicht ist es genau das, was man Freiheit nennt und warum es immer weniger davon gibt. Der Tod der Freiheit ist, jede Möglichkeit eines Unheils vorauszusehen und das Leben danach zu gestalten. Und nicht in Betracht zu ziehen, was an Schönem entstehen kann, wenn man solche Einschränkungen einfach ignoriert. Denn die Angst ist ein grausamer Partner."

Anlass dieser Überlegungen, die als gesprochener Filmtext in "Untitled" vorkommen, ist ein Hund, den der 2014 verstorbene Filmemacher Michael Glawogger einmal gesehen hat. Das Tier wartete, aus einem Fenster schauend, auf seinen Herrn. Jeden Moment hätte es herunterfallen können, das Risiko schwang vage mit. Aber genauso auch das Glück. Und wäre Hund tatsächlich tödlich verunglückt, so doch zumindest in glücklichem Bewusstsein.

"Untitled" kann man einerseits als den letzten Film Glawoggers bezeichnen, der neben zahlreichen Projekten auch noch der Veröffentlichung eines eigenen Buches ("69 Hotelzimmer", Die Andere Bibliothek) entgegensah. Und dann auch wieder nicht. Er ist durchsetzt von mentalen Bildern - Erinnerungsbildern wie jenes vom Hund - und Aufnahmen, die der 1959 in Graz Geborene gemeinsam mit seinem Kameramann Attila Boa während einer viermonatigen Reise zwischen dem Balkan, Italien, Nord- und Westafrika eingesammelt hat.

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Michael Glawogger:
69 Hotelzimmer

Mit einem Nachwort von Eva Menasse

Die Andere Bibliothek, 408 Seiten; gebunden; 24,00 Euro

Dem Prinzip der Serendipität folgend, begaben sich alle an der Fahrt Beteiligten in einen Zustand aktiver Passivität, in dem sie offen wurden für das Unvorhergesehene. Ein Routenplan lag vor, und auch einzelne Drehorte waren vorab bestimmt - doch wem und was man begegnen würden, das wussten sie nicht. Ein Erleben in großer Ungewissheit muss das gewesen sein, das genauso Raum ließ für das Experiment. Gleich die erste Einstellung von "Untitled" zeugt davon: Die Kamera läuft in ein von einem Vogelschwarm besetztes Feld, um zu schauen - und zu filmen - wie sich alle gleichzeitig schockartig aufmachen in die Lüfte.

Cutterin Monika Willi war die Erste, der die Aufnahmen übertragen wurden. Minutenweise kamen Ruinen, Paläste und andere Eindrücke zu ihr in den Schneideraum, aus denen sie dann Flächen baute, um sie wiederum zurückzuspielen. Auf diese Weise entwickelte sich der Stil dieses Films, ganz aus sich selbst heraus, spielerisch, spontan. Bis Michael Glawogger im April 2014, das Team befand sich gerade in Liberia, an einer besonders aggressiven Form der Malaria verstarb.

Eingeraucht und roh

Gut zwei Jahre später beendet Willi den Film selbst. Und es ist nötig, sich von den Arbeiten Michael Glawoggers zu lösen, wenn man nun diesen guckt. Auch, um ihn darin wiederzuerkennen. Glawoggers Wiederkehr in "Untitled" ist vor allem eine textliche. Während der Reise hat er Passagen verfasst, die in der "Süddeutschen" sowie im österreichischen "Standard" erschienen.

Sie liegen über den Flächen des Films und steigen doch oft auch hinab, um sich mit ihnen zu vermengen, sie aufzuladen und anzuheben. Das ist Monika Willi zu verdanken. Eingesprochen sind die Texte von der Schauspielerin Birgit Minichmayr, sie klingen eingeraucht und roh, aber auch sehr warm. Hinzu kommen die Kompositionen Wolfgang Mitterers, die Bilder und Text gewissermaßen entrealisieren. Wie auf einem anderen Planeten kommt man sich manchmal vor, wie längst nicht mehr auf der Erde.

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"Untitled": Kein Titel, kein Ende

Aber wo ist man dann? Kennt man einfach nichts, weiß gar nicht, was hier eigentlich läuft? Das jedenfalls ist ein Eindruck, der auch in den Dokumentarfilmen Glawoggers immer wieder vorherrschte und deswegen so anreichernd wirkte. Das war bei "Megacities" (1998) so, in dem es nach Mexico-Stadt, New York, Bombay und nach Moskau ging und zu Menschen, die sich in den Nischen dieser Orte mehr oder weniger gut eingerichtet hatten.

Oder in "Workingman's Death" (2005). Hat man einmal die Arbeit auf dem Freilandschlachthof in der nigerianischen Hafenstadt Port Harcourt gesehen, wird man diese Bilder nicht mehr vergessen. Das Blut und den Rauch und das dichte Gewimmel zwischen Tierteilen und dampfenden Trögen. Und auch die Frauen aus "Whores' Glory" (2011) nicht, die Glawogger an ihrem Alltag in Bordellen in Thailand, Indien und Mexiko teilhaben ließen.

Abgesang auf den Alltag

Es stimmt schon: das, was in "Untitled" zu sehen ist, scheint dagegen weniger krass. Es sind gemäßigtere Bögen, größere, aber auch ruhigere Bewegungen. Die Begegnungen mit Menschen und Tieren werden gestreift, sind anekdotisch. Manchmal kommt es auf den prompten Wechsel von Gestiken an: Da versucht eine Mutter, irgendwo in Afrika, ihrem kleinen Mädchen einen Löffel Wasser schmackhaft zu machen und rührt dafür verheißungsvoll mit dem Finger in der Flüssigkeit. Als das Mädchen den Löffel im Mund hat, baut die Mutter sogleich eine Art Kanal, über den sie versucht, noch mehr Wasser in den Körper des Kindes zu bekommen. Als es sich wehrt, gibt es Schläge.

Willi begreift den Film als Porträt der Welt und als "Abgesang auf menschlichen und tierischen Alltag". In "Untitled" gibt es unfertige Häuser, die an Krieg erinnern, gleichwohl über ihn niemand mehr spricht. Sie sind wie Narben, schreibt Michael Glawogger über sie, und vernarbt ist auch dieser Film. Narbenartig und schmerzhaft nämlich sind viele der Aufnahmen, die Glawogger und Boa ihrer Tour entnommen haben, aber auch Willis Art, Bild und Ton zusammenzufügen.

Und letztlich ist "Untitled" auch Ausdruck eines Umgangs mit der Wunde, die der Tod Michael Glawoggers aufgerissen hat. Unheimlich sind einige der Texte in ihrem Inhalt, wenn man um ihr Zusteuern weiß. Doch deswegen nicht minder schön.


"Untitled" startet am 26. Oktober im Verleih von Realfilm

Im Video: Der Trailer zu "Untitled"

Foto: Real Fiction
insgesamt 4 Beiträge
DerZauberer 24.10.2017
1.
"Dem Prinzip der Serendipität folgend, begaben sich alle an der Fahrt Beteiligten in einen Zustand aktiver Passivität, in dem sie offen wurden für das Unvorhergesehene." Solche Satzgebilde sind es, die mir die [...]
"Dem Prinzip der Serendipität folgend, begaben sich alle an der Fahrt Beteiligten in einen Zustand aktiver Passivität, in dem sie offen wurden für das Unvorhergesehene." Solche Satzgebilde sind es, die mir die Freude an vielem "Kulturellen" vermiesen. Kann man nicht auch in klaren Worten beschreiben, was gemacht wurde? Warum dieses Verschwurbeln?
christian simons 24.10.2017
2.
Ich versuche mal zu übersetzen: Die Reisegesellschaft hatte keinen Bock auf eine geplante Besichtigungstour. Also hat man sich zurückgelehnt und das Sehenswürdigkeitspensum dem Zufall überlassen.
Zitat von DerZauberer"Dem Prinzip der Serendipität folgend, begaben sich alle an der Fahrt Beteiligten in einen Zustand aktiver Passivität, in dem sie offen wurden für das Unvorhergesehene." Solche Satzgebilde sind es, die mir die Freude an vielem "Kulturellen" vermiesen. Kann man nicht auch in klaren Worten beschreiben, was gemacht wurde? Warum dieses Verschwurbeln?
Ich versuche mal zu übersetzen: Die Reisegesellschaft hatte keinen Bock auf eine geplante Besichtigungstour. Also hat man sich zurückgelehnt und das Sehenswürdigkeitspensum dem Zufall überlassen.
hefe21 25.10.2017
3. Prinzipiell
Richtig, bei dem Wort denkt man zuerst, werd ich es auch aussprechen können und dann osszillieren, pardon pendeln, die Gedanken zwischen Damenbinden und Serengeti darf nicht sterben. Womit wir im weitesten Sinne aber ohnehin [...]
Zitat von DerZauberer"Dem Prinzip der Serendipität folgend, begaben sich alle an der Fahrt Beteiligten in einen Zustand aktiver Passivität, in dem sie offen wurden für das Unvorhergesehene." Solche Satzgebilde sind es, die mir die Freude an vielem "Kulturellen" vermiesen. Kann man nicht auch in klaren Worten beschreiben, was gemacht wurde? Warum dieses Verschwurbeln?
Richtig, bei dem Wort denkt man zuerst, werd ich es auch aussprechen können und dann osszillieren, pardon pendeln, die Gedanken zwischen Damenbinden und Serengeti darf nicht sterben. Womit wir im weitesten Sinne aber ohnehin wieder bei Glawogger wären.
christian simons 25.10.2017
4.
Ich präferiere ohnehin die kürzlich erschienene Autobiographie von Roberto Blanco („Von der Seele“). In deren Kontext manifestierte sich bei der Frankfurter Buchmesse im Sinne des Serendipitätsprinzips ein [...]
Zitat von hefe21Richtig, bei dem Wort denkt man zuerst, werd ich es auch aussprechen können und dann osszillieren, pardon pendeln, die Gedanken zwischen Damenbinden und Serengeti darf nicht sterben. Womit wir im weitesten Sinne aber ohnehin wieder bei Glawogger wären.
Ich präferiere ohnehin die kürzlich erschienene Autobiographie von Roberto Blanco („Von der Seele“). In deren Kontext manifestierte sich bei der Frankfurter Buchmesse im Sinne des Serendipitätsprinzips ein spontanistischer Eklat (verursacht durch Tochter Patricia), durch den die Idiosynkrasie einer dysfunktionalen Familie aufs trefflichste evoziert wurde.
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