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Kultur

Margarethe von Trotta über Ingmar Bergman

Auf Augenhöhe

Zum 100. Geburtstag von Ingmar Bergman macht Margarethe von Trotta dem Publikum ein Geschenk: Ihr Porträtfilm verklärt den schwedischen Jahrhundertregisseur nicht, sondern spürt der gemeinsamen Geschichte nach.

Weltkino
Von
Mittwoch, 11.07.2018   17:44 Uhr

Im Januar 1960 ging Margarethe von Trotta nach Paris, weil sie in Deutschland das Gefühl hatte zu ersticken. Statt an der Sorbonne landete sie im Kino. Sie sah Ingmar Bergmans "Das siebente Siegel" und wollte Filme machen. 1981 gewann ihr Film "Die bleierne Zeit", über das Nachkriegsdeutschland und das Gefühl, dort zu ersticken, als erster Film einer Regisseurin den Goldenen Löwen des Filmfestivals von Venedig. Ingmar Bergman führte ihn in einer Liste seiner elf persönlich wichtigsten Filme.

2017 steht von Trotta an einer schwedischen Steilküste und beschreibt sie als Drehort: das Meer, das Schachspiel, Max von Sydow, der Knappe, der schwarze Vogel, der Tod. Super-Totale, Nahaufnahme, Überblendung. Keine psychologischen Deutungen, keine filmhistorische Bedeutungshuberei: Bewegungen, Gesten, knappe Dialogsätze, im Medium Film zusammengesetzt, da kennt sie sich aus, sie weiß, wie das funktioniert, sie zitiert Bergmans Definition des Regieführens, die er selbst zitiert hat: "Vor lauter Problemen nicht zum Nachdenken kommen." FilmemacherInnenweisheiten.

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Doku über Ingmar Bergman: Bergman-Frauen, Bergman-Männer

Eigentlich wollte Margarethe von Trotta keinen Film über Bergman zu dessen 100. Geburtstag machen. Dass sie es nun doch getan hat, hat mit gleicher Augenhöhe zu tun. Beide haben füreinander wichtige Filme gedreht. Man hat ihr das durchaus schon übelgenommen, dass sie sich hier mit dem Übervater des europäischen Nachkriegsautorenfilms auf eine Stufe stellt. Dabei ist ihr Porträt gerade durch die kollegiale Perspektive wohltuend unprätentiös geworden.

Kein Festgottesdienst

"Auf der Suche nach Ingmar Bergman" ist ein Dokumentarfilm über Arbeitsbeziehungen, Einstellungen, Haltungen, Obsessionen, Krisen. Natürlich kommen die üblichen Verdächtigen zu Wort: die noch lebenden Bergman-Schauspielerinnen, die alten und neuen Kollegen, die Familie. Aber wenn Liv Ullmann Margarethe von Trotta gegenübersitzt, dann entsteht daraus eben kein Festgottesdienst für einen abwesenden Großmeister, sondern es geht erst mal um gemeinsame Erfahrungen als Frauen auf roten Teppichen: In Venedig 1981 hätten sie beide nicht wie Models ausgesehen, sondern "wie glückliche Mädchen".


"Auf der Suche nach Ingmar Bergman"
D, F 2018
Regie:
Margarethe von Trotta, Co-Regie: Felix Moeller, Bettina Böhler
Mit: Liv Ullmann, Olivier Assayas, Ruben Östlund, Carlos Saura
Produktion: C-Films, Mondex&cie
Verleih: Weltkino Filmverleih
Länge: 99 Minuten
Start: 12. Juli 2018


Wie schön dieses Bergman-Porträt montiert ist, fällt erst beim genauen Hinsehen auf. Trottas Sohn Felix Moeller, hier Co-Regisseur, hat schon mehrere erstaunlich fließende Dokumentarfilme über Filmgeschichte gemacht ("Harlan", "Verbotene Filme"). In den Händen der ebenfalls als Co-Regisseurin aufgeführten deutschen Schnittmeisterin Bettina Böhler ("Barbara", "Western") verwebt sich Trottas Recherche mit den Bergman-Filmausschnitten noch stärker zu einem vielschichten visuellen Dialograum, in dem kurze Blicke, Gesten, Bewegungen aus der Filmgeschichte ins Heute greifen: Wenn der Junge aus "Fanny und Alexander" eine Schranktür öffnet, liegt da plötzlich das Meer vor Fårö.

Natürlich geht es auch um die "Bergman-Frauen". Die im Leben und die in den Filmen. Letztere hätten "von innen geleuchtet", sagt Zeitgenosse Carlos Saura, und beschreibt damit, weil er es wohl nicht anders kennt, den klassischen männlichen Blick: Die Frau leuchtet, der Mann strebt zum Licht, die heterosexuelle Grundbewegung des Erzählkinos vollzieht sich.

Verängstigte Männergesichter

Bergmans Frauen leuchten aber nicht. Sie blicken in die Kamera. Und in verängstigte Männergesichter. Bergman hat das Kino schon für dynamische Geschlechterbilder geöffnet, als man im bleiernen Nachkriegsdeutschland nur Nacktheit und triebhafte Sexualität sehen wollte. Margarethe von Trotta hakt da leider nicht nach. Gerne hätte man gehört, wie das 1960 auf sie gewirkt hat und ob sie heute anders darauf blickt.

"Einen neuen Blick auf Bergman" wird es wohl erst in einigen Jahren geben, sagt der neue junge männliche Regiestar aus Schweden, Ruben Östlund ("The Square") - und grenzt sich damit von Bergman und Trotta gleichermaßen ab. Er findet YouTube-Videos, in denen Menschen in peinliche Situationen geraten, gerade sehr aufregend, und filmt seine Besucherin mit dem Smartphone ab. Sie soll ihren Bergman-Lieblingsfilm nennen.

Und Margarethe von Trotta erzählt von einer schwedischen Steilküste in Super-Totale, einem Ritter, einem Knappen, einer Überblendung und einem Tod ohne Geheimnisse.

insgesamt 3 Beiträge
helisara 11.07.2018
1.
Frau von Trotta (die kürzlich mal wieder ihre Sympathie für die RAF bekundete) ist eine letztendlich eher mittelmäßige Regisseurin. Der Film ist weniger ein Dokumentarfilm über Ingmar Bergman sondern ein Film über Margarethe [...]
Frau von Trotta (die kürzlich mal wieder ihre Sympathie für die RAF bekundete) ist eine letztendlich eher mittelmäßige Regisseurin. Der Film ist weniger ein Dokumentarfilm über Ingmar Bergman sondern ein Film über Margarethe von Trotta die sich bemüht einen Film über Bergman zu drehen.
Proserpin de Grace 12.07.2018
2. Schrecklich
Der erloschene Stern sendet noch genügend Licht, worin andere sich sonnen, von denen noch nie ein Licht ausgegangen ist. Sie haben ja so recht. Schrecklich. | Es muss kompliziert mit ihm gewesen sein. Warum sonst würde seine [...]
Zitat von helisaraFrau von Trotta (die kürzlich mal wieder ihre Sympathie für die RAF bekundete) ist eine letztendlich eher mittelmäßige Regisseurin. Der Film ist weniger ein Dokumentarfilm über Ingmar Bergman sondern ein Film über Margarethe von Trotta die sich bemüht einen Film über Bergman zu drehen.
Der erloschene Stern sendet noch genügend Licht, worin andere sich sonnen, von denen noch nie ein Licht ausgegangen ist. Sie haben ja so recht. Schrecklich. | Es muss kompliziert mit ihm gewesen sein. Warum sonst würde seine Familie ihn preisgeben?
roenga 12.07.2018
3.
Auf Augenhöhe mit Bergmann? Wohl nur, wenn sie sich auf eine Leiter stellt. 'Die Bleierne Zeit'; da war der Titel Programm im schlechtesten Sinne.
Auf Augenhöhe mit Bergmann? Wohl nur, wenn sie sich auf eine Leiter stellt. 'Die Bleierne Zeit'; da war der Titel Programm im schlechtesten Sinne.
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