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Kultur

Schwuler Beziehungsfilm "Ein Weg"

Lieber Langstrecke

Mit für das deutsche Kino ungewöhnlicher Geduld und Genauigkeit taucht der Debütfilm "Ein Weg" in den Alltag einer schwulen Langzeitbeziehung ein. Romantisch ist hier wenig, realistisch umso mehr.

Von Jan Künemund
Donnerstag, 11.01.2018   20:55 Uhr

Das Eröffnungsbild zeigt eine kleinstädtische deutsche Idylle: spätmittelalterliches Stadtbild, Fachwerk, eine Turmspitze stößt an die tiefliegenden Wolken, die niedrigeren Hausdächer werden von herbstgrün bewachsenen Hügeln eingerahmt. Hammer- und Sägegeräusche sind zu vernehmen, und die Perspektive, aus der wir auf die Idylle schauen, ist klassischerweise die des Kirchturms.

Ein Bild weiter sind wir in einer Tischlerwerkstatt. Noch eins weiter befinden wir uns im Videochat des Tischlers mit seinem Freund, den er mit "Liebling" anredet. Es braucht noch wenige Bilder mehr, dann hat "Ein Weg" etabliert, wie das aussehen kann, was mittlerweile ein rhetorischer Gemeinplatz ist: Schwule und Lesben, die "in der Mitte der Gesellschaft angekommen" sind.

Andreas, der Tischler, und Martin, der Blumenverkäufer, sind zwei Männer Mitte 40, seit 13 Jahren zusammen. Sie bilden eine Kleinfamilie mit 18-jährigem Sohn aus einer früheren heterosexuellen Beziehung, sind in Handwerks- und Dienstleistungsberufen tätig, leben am Rande des Thüringer Walds. Mehr deutsche Mitte geht nicht.

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Debütfilm "Ein Weg": Eine eigene Sprache erfinden

Diese idyllische Ausgangssituation für eine Beziehungserzählung ist eine selbstbewusste Setzung des jungen Filmemachers Chris Miera, der mit diesem Film sein Studium an der Filmuni in Babelsberg abgeschlossen hat und ihn 2017 in der Reihe "Perspektive Deutsches Kino" auf der Berlinale präsentierte. Schwulsein als Problem, Diskriminierungserfahrungen, Außenseiterpositionen sind in diesem Film Fehlanzeige. Auch das Familienkonzept funktioniert, Sohn Max macht trotz pubertätsbedingter Abgrenzungen keinen Unterschied zwischen seinen beiden "Dads".

Um das klassische Konfliktpotenzial schwuler Geschichten macht "Ein Weg" einen großen Bogen, möchte, wie Miera in Interviews betont hat, auch ganz bewusst keine "schwule Geschichte" sein, und trotzdem werden 110 intensive Minuten darin investiert, sich diese Beziehung von Andreas und Martin in ihrer Gewöhnlichkeit, an einem Ort, wo sich Hirschkäfer und Holzwurm "Gute Nacht" sagen, sehr genau anzusehen.

Fotos kommen, Fotos verschwinden

Die Wegmarken der Beziehung sind unspektakulär, der Film springt zwischen ihnen hin und her. Es gibt die Trennung, 13 Jahre zuvor das Sich-Verlieben, 9 Jahre später die erste Krise, 5 Jahre später ein erstes Wiedersehen nach dem Bruch. Eines der vielen schönen Bilder für die Eigenwilligkeit der Beziehung, das gleichzeitig eine zeitliche Orientierung vorgibt, ist die Dekoration der Schlafzimmerwand: Bei Andreas allein hängen da erst mal nur Kinderzeichnungen von Max, mit Martins Einzug entstehen Fotos des gemeinsamen Glücks, die daneben geklebt werden, nach der Trennung hängen davon nur noch die Hälfte.


"Ein Weg"
Deutschland 2017

Regie: Chris Miera
Drehbuch: Chris Miera, Philipp Österle
Darsteller: Mike Hoffmann, Mathis Reinhardt, Cai Cohrs, Nadine Heidenreich, Anna Katharina Schimrigk, Tom Böttcher, Yvonne Döring, Eva Horacek
Verleih: Pro-Fun Media
FSK: ab 0 Jahren
Länge: 107 Minuten
Start: 11. Januar 2018


Der titelgebende "Weg" der Beziehung gerät so nur schlaglichthaft in den Blick, über verschobene Details, kleine Veränderungen, umgestellte Möbel, sich ändernde Kleidungsstile, Bedeutungsverluste von Ritualen. "Ein Weg" hat kein romantisches Interesse am großen Auserzählen einer Liebe, er kommt hin und wieder zu Besuch.

Warum sich Martin und Andreas mal ineinander verliebt haben, bleibt ebenso ungreifbar wie die Konflikte, die sie schließlich auseinander bringen. Dass beides trotzdem glaubwürdig ist, liegt nicht zuletzt am bemerkenswert ungekünstelten Ton der Dialoge und am selbstsicheren Spiel der beiden Hauptdarsteller Mike Hoffmann und Mathis Reinhardt, die man bislang kaum aus deutschen Kinofilmen kennt.

Gute Luft ersetzt nicht gute Jobs

Da die Konflikte nicht in den Figuren und erst recht nicht in der Auseinandersetzung des schwulen Paars mit seiner Umwelt angelegt sind, kommen Themen ins Spiel, die für einen deutschen Film nicht gerade typisch sind. Präzise sind zum Beispiel Hinweise darauf gelegt, dass die Beziehung von Andreas und Martin eine fragile materielle Grundlage hat. Die Tischlerwerkstatt läuft mal besser, mal schlechter. Der Blumen- und Deko-Laden, in dem Martin arbeitet, muss irgendwann schließen, eine Übernahme kann er sich nicht leisten. Der Jahresurlaub geht traditionell nur an die Ostsee, für was Größeres muss ein Sparbuch angelegt werden. Es gibt Phasen von Arbeitslosigkeit und jobbedingten Trennungen.

Die thüringische Kleinstadtidylle erhält spätestens dann einen trüben Realitätsanstrich, wenn die Tischlerei-Auszubildende verkatert von einer weiteren Abschiedsparty einer Freundin zur Arbeit erscheint: Für die Jugendlichen kann die gute Luft nicht für die berufliche Perspektivlosigkeit entschädigen. Die Enge der Kleinstadtperspektive setzt immer wieder auch visuell der Beziehung zu, Ausbruchsversuche der beiden führen auf den Bergkamm oder an die See, wo die Konfliktgespräche nicht von der Kirchturmglocke übertönt werden und der Blick nicht 100 Meter weiter schon aufhört.

Man mag im Abbiegen vor größeren Themen oder Konflikten ein dramaturgisches Zu-Wenig bei "Ein Weg" ausmachen, doch über die scharf gezeichneten Details kommen durchaus größere Fragen in den Blick - dass eine Beziehung an sich, und eine schwule Beziehung vielleicht noch mehr, sich eine eigene Sprache schafft, mit eigenen Wortspielen, Redewendungen, Missverständnissen und Sprachlosigkeiten. Dass eine Kastanie beispielsweise das Symbol eines Eherings ersetzen kann und es am Ende, wenn zwei Menschen einen Gegenstand mit Bedeutung aufladen und man als Zuschauer diese Bedeutung zu verstehen lernt, darum gehen kann, ob diese Kastanie in die Ostsee geworfen wird oder nicht. Und ob nicht sogar die Postkartenidylle eines mittelalterlichen Kleinstadtbildes auf Spielfilmlänge ganz individuell aufgeladen werden kann.

Im Video: Der Trailer zu "Ein Weg"

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