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Kultur

Remake von "Fahrenheit 451"

Wenn wieder Bücher brennen

Der Roman "Fahrenheit 451" imaginierte in den Fünfzigern ein totalitäres Amerika. Die filmische Neuauflage hat "Black Panther"-Star Michael B. Jordan zu bieten - und ist eine Parabel der Trump-Ära.

ddp images/ Capital Pictures
Von , New York
Samstag, 19.05.2018   20:05 Uhr

Michael B. Jordan erlebt gerade tolle Wochen. Der Wirbel um den Blockbuster "Black Panther", in dem er den Antihelden Erik Killmonger spielt, lässt kaum nach. Die Talkshows reißen sich um ihn. Vor ein paar Stunden noch feierte er bei der Met Gala, schon geht's weiter zu einer Premierenparty in Soho, danach zum Filmfestival nach Cannes.

"Entschuldigen Sie meine Stimme", krächzt er und greift abwechselnd zur Wasserflasche und zur Kaffeetasse, die er zum Gespräch mitgebracht hat.

Jordan, 31, ist der neue Sonnyboy des US-Films. Der Schauspieler wurde als Teenager mit der TV-Serie "The Wire" bekannt, mit dem Indiedrama "Fruitvale Station" und dem "Rocky"-Spinoff "Creed". Doch die Superheldensaga "Black Panther" machte ihn zum Weltstar. Weshalb er sich jetzt mal etwas anderes leisten konnte. "Etwas, das einen zum Nachdenken bringt", sagt er. "Das einem den Spiegel vorhält, in dem man sich selbst erkennt."

Seit 1966 wagte sich niemand an diese Utopie

"Fahrenheit 451" ist so ein Projekt. Ray Bradburys Kultroman von 1953 über ein faschistisches Amerika, das Bücher verbannt und verbrennt, wurde erstmals 1966 von François Truffaut verfilmt. Dann wagte sich lange niemand an diese Dystopie. Bradbury starb 2012 mit 91 Jahren.

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Remake von "Fahrenheit 451": Eine digitale Dystopie

Doch jetzt hat der US-Regisseur und Drehbuchautor Ramin Bahrani die Story in eine Parabel auf die Trump-Ära verwandelt, indem er sie für den Bezahlsender HBO ins digitale Zeitalter beförderte und ihr damit eine, nun ja, brandaktuelle politische Dimension verlieh. Ab Samstag ist der Film, der in Cannes Weltpremiere hatte, auch in Deutschland zu sehen.

Für die Hauptrolle des - im Buch weißen - Feuerwehrmanns und Bücherverbrenners Guy Montag warb Bahrani Jordan an. Der zögerte zunächst. Als Bahrani ihn ansprach, stand er noch in Atlanta für "Black Panther" vor der Kamera - ein Film, der zur afrofuturistischen Kinorevolution wurde. "Ich hatte kein Interesse, als nächstes den Vollstrecker einer autoritären Staatsmacht zu spielen, der die Leute unterdrückt", sagt Jordan im Gespräch. "Vor allem nicht bei all der andauernden US-Polizeigewalt gegen Schwarze." Trotzdem traf er sich mit Bahrani, der ihn schnell überzeugte.

Warnung vor Propaganda, Zensur, Gewalt und stumpfsinniger Unterhaltung

Die Zeit war reif für ein Remake von "Fahrenheit 451". Bradbury warnte schon damals, als das NS-Regime noch in allzu akuter Erinnerung war, vor der faschistischen Repression von Intellekt und Dissens durch Propaganda, Zensur, Gleichschaltung, Gewalt - und stumpfsinnige Unterhaltung.

In Bradburys Roman vernichten "Firemen" Bücher als letztes Wissensreservoir, während sich die Menschen vom Massenmedium Fernsehen ins Kollektivkoma locken lassen. Die Gefahr besteht weiterhin, erst recht unter Trump. Nur die Technologie ist neu: Bahrani updatet die TV-Mattscheiben zu Social-Media-Screens eines staatlich kontrollierten Internets, auf denen die Scheiterhaufen live gestreamt und kommentiert werden, samt Totenkopf-Emojis.

"Bradbury sah den Aufstieg von 'alternativen Fakten' voraus", sagt Bahrani. Nicht nur Bücher seien bedroht, sondern alles menschliche Denken und Handeln: "Wir haben unsere Social-Media-Accounts zu Hütern unserer Erinnerungen, Gefühle, Träume und Fakten ernannt." Wohin das führen kann, zeigen die politischen Ereignisse seit 2016.

Bahrani projeziert die metaphorischen Bücherverbrennungen als Livestreams auf Wolkenkratzer - eine Eskalation der digitalen Fassaden am heutigen Times Square. Jordan spielt den Jungstar einer Kompanie unter dem fanatischen Brandmeister Captain Beatty (Michael Shannon, "Shape of Water"). Dank der Widerständlerin Clarisse (Sofia Boutella, "Atomic Blonde") beginnt er, seine Arbeit zu hinterfragen.

Die Neuauflage wirkt trotz Special Effects seltsam gehetzt

Vieles reflektiert aktuellste Entwicklungen: militarisierte Cops, Massenhysterie, Reality-TV, "Fake News". Auch, dass der Handlanger der Staatsmacht nun ein Schwarzer ist, eröffnet spannende Fragen - die "Fahrenheit 451" am Ende aber leider unbeantwortet lässt.

Zudem wirkt diese Neuauflage, trotz Special Effects à la "Blade Runner", gehetzt - vor allem neben anderen aktuellen Dystopie-Serien ("Black Mirror", "The Handmaid's Tale", "The Man in the High Castle"). Montags Wandlung wird kaum erklärt, und das Ende, das sich drastisch vom Roman unterscheidet, verstört. Selbst Stars wie Jordan - der auch als Executive Producer fungierte - können dem wenig entgegensetzen.

Dennoch bleiben bittere Lektionen: Bücher verschwinden, die digitale Realität ist fragwürdig. "Die Entwicklung ist unvermeidlich", sagt Jordan, der selbst 6,4 Millionen Instagram-Follower hat. Und nimmt noch einen Schluck Wasser.


"Fahrenheit 451", ab 20. Mai im O-Ton auf den Streaming- und On-Demand-Angeboten Sky Ticket, Sky Go und Sky On Demand, ab 27. Juli in der synchronisierten Fassung auf Sky Cinema.

insgesamt 10 Beiträge
DJ Doena 19.05.2018
1.
Trump liest ja nicht mal die morgendlichen Berichte seiner Geheimdienste. Ich würde es nicht Parabel auf die Trump-Ära nennen. Triggerwarnings für Klassiker wie Huckleberry Finn und The Great Gatsby kommen ja wohl eher im [...]
Trump liest ja nicht mal die morgendlichen Berichte seiner Geheimdienste. Ich würde es nicht Parabel auf die Trump-Ära nennen. Triggerwarnings für Klassiker wie Huckleberry Finn und The Great Gatsby kommen ja wohl eher im Universitätsspektrum statt, welches sehr weit nach links gerückt ist. An diesen Universitäten zelebriert man alle Arten von Diversity: des Geschlechtes, der Hautfarben, der sexuellen Orientierung. Nur eine nicht: Die der gedanklichen Vielfalt. selbst gemäßigte Konservative und selbst gemäßigte Demokraten werden als Feind des Fortschritts wahrgenommen und no-platformt. http://www.taz.de/!5363497/
horstu 19.05.2018
2. Weiche Zensur
Heutzutage muss man keine Bücher mehr verbrennen, das gäbe nur unschönen Wirbel. Es geht heute doch viel einfacher: Man muss nur Druck auf Verlage und Buchhandel ausüben, um Autoren umfangreich auszulisten oder die [...]
Heutzutage muss man keine Bücher mehr verbrennen, das gäbe nur unschönen Wirbel. Es geht heute doch viel einfacher: Man muss nur Druck auf Verlage und Buchhandel ausüben, um Autoren umfangreich auszulisten oder die Zusammenarbeit zu beenden. Oder man bringt Autoren per Verlagsvorgabe auf politischen Kurs. Oder man attackiert Verlagsstände auf Buchmessen (im Namen der "Zivilcourage"). Oder man rezensiert und diskutiert gewisse Bücher und Autoren öffentlich einfach nicht mehr, um diesen "keine Plattform" zu bieten. Oder man rückt diese Bücher in den Suchergebnissen nach hinten und lässt deren Werbung löschen. Oder man orchestriert öffentliche shitstorms und übt Druck auf die Arbeitgeber der Autoren aus. Etc.
U. Haleksy 20.05.2018
3. Pseudo-Anglizismus
Soso, Jordan, 31, ist also das neue "Söhnchen" des US-Films? Also praktisch sowas wie Kevin allein zuhause? Interessante Interpretation. Oder einfach nur schlechte Deutsch- mit schlechten Englischkenntnissen gepaart?
Soso, Jordan, 31, ist also das neue "Söhnchen" des US-Films? Also praktisch sowas wie Kevin allein zuhause? Interessante Interpretation. Oder einfach nur schlechte Deutsch- mit schlechten Englischkenntnissen gepaart?
Wuz 20.05.2018
4. Fake-News vs. Lückenpresse
Inwiefern hat denn das geschilderte mit Trump etwas zu tun? Der hat sicher viele Fehler und ist mir ein Unsympath, aber Bücher verbieten und die Meinungsfreiheit einschränken, das kommt ja insbesondere in den USA von der linken [...]
Inwiefern hat denn das geschilderte mit Trump etwas zu tun? Der hat sicher viele Fehler und ist mir ein Unsympath, aber Bücher verbieten und die Meinungsfreiheit einschränken, das kommt ja insbesondere in den USA von der linken Seite, die an den Unis das Sagen hat und immer wieder nicht mit dem linken Mainstream übereinstimmende Positionen verhindern und verbieten will. Inzwischen treten an den Unis kaum noch Komiker auf, denn sicher fühlt sich jemand "offended", Sklaverei-kritische Romane (Tom Sayer) werden aus den Regalen entfernt, da sie inkorrekte Sprache (Nigger) enthalten usw. Man muss nur mal "SJW" oder "free speach" googlen, da begegnet einem der helle Wahnsinn. Wird wohl nicht mehr so lange dauern, bis hier auch "save spaces" und "trigger warnings" gefordert werden. Tramp hat den Begriff "alternative Fakten" erfunden, aber das Phänomen gibt es schon viel länger, und es wird von beiden Seiten des poltischen Spektrums munter genutzt. Auf linker Seite wird vielleicht nicht so direkt gelogen, aber dafür werden besonders gerne missliebige Fakten ignoriert und verschwiegen. Kleines Beispiel: Auf WDR5 war in der Wissenschaftssendung Galileo zu hören, dass neue Daten nahelegen, dass die erhöhte Erkrankungshäufigkeit, die der durch Autoabgase erhöhten Luftbelastung durch Stickoxide zugeschrieben wird, vermutlich eher durch diverse andere Effekte zu erklären ist, jedenfalls sei die 40.00 Tote-Aussage wissenschaftlich nicht haltbar. (Es wurde der Unterschied zwischen epidemiologen und toxikolögischen Studien usw. erklärt, wie genau die Argumentation war kann ich gerade nicht wiedergeben). Am nächsten Tag war auf dem selben Sender eine Moderatorin zu hören, die sich über einen Vorschlag der AFD lustig machte, die Grenzwerte zu erhöhen. Keine Fake-News?
kochra8 20.05.2018
5.
Diese bald in sich geschlossenen interaktiven Systeme werden un
Diese bald in sich geschlossenen interaktiven Systeme werden un
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