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Kultur

Feminismus und Film

Warum auf #MeToo eine Stiftung folgen muss

Die Filmbranche ist durch #MeToo aufgerüttelt worden. Viele Einzelinitiativen können nicht den nötigen Wandel bringen. Eine Stiftung muss her, fordern die Autorinnen Jutta Brückner und Claudia Lenssen.

DPA

Szene aus "Sex And The City - Der Film"

Mittwoch, 08.08.2018   14:15 Uhr

Zu den Autorinnen

Jutta Brückner, Jutta Brückner ist Autorin von Drehbüchern und Texten und Filmemacherin von international preisgekrönten Spiel- und Dokumentarfilmen. Sie bereitet einen Kinofilm vor und hat gerade einen Roman beendet.

Claudia Lenssen arbeitet als Filmkritikerin und Autorin in Berlin. Mit Bettina Schoeller-Bouju gab sie 2014 die Anthologie "Wie haben sie das gemacht?" mit 80 Karriereberichten von weiblichen Filmkreativen heraus.

Bei jeder großen Bewegung gibt es Trittbrettfahrerinnen und Exzesse, das gilt auch für #MeToo. Aber wir verdanken dieser Bewegung Risse im unbedachten Einverständnis darüber, dass die Welt noch immer nach männlichen Vorgaben funktioniert, gerade auch im Kulturbereich und ganz besonders im Bereich der bewegten Bilder.

Heute stöckeln Frauen nicht mehr mit einem Champagnerglas in der Hand und dem heftigen Willen zur Fuckability zum nächsten Taxi, das sie wie in "Sex and the City" zu Mr. Big bringt. Sie wollen, dass die Macht über die Bilderproduktion, die unser Bewusstsein vom Verhältnis der Geschlechter prägt, neu verteilt wird. Wir brauchen deshalb einen kulturellen Neustart und grundsätzliche Strukturveränderungen, denn der Wandel lässt sich nicht mehr aussitzen.

Eine Streitschrift wie die "Frankfurter Positionen", die beim Lichter Filmfest in Frankfurt am Main entstand, zeugt davon, dass es dieses Bewusstsein auch in Deutschland gibt. Dabei berieten nicht einzelne Branchenvertreter über eigene, beschränkte Interessen, sondern Leute aus der Filmproduktion, dem Vertriebs- und Abspielbereich, der Filmbildung und Programmtätigkeit machten sich gemeinsam Gedanken darüber, was sich ändern muss.

Das Manko bei diesem Positionspapier: Die Forderung nach mehr Diversität und gleichen Chancen für weibliche Kreative kam am Schluss des Papiers "auch noch" vor - allerdings ohne dass über Maßnahmen, wie der Anteil der Frauen am Filmgeschäft zu erhöhen sei, ernsthaft nachgedacht worden war. Dabei haben Studien die strukturelle Benachteiligung von Frauen nachgewiesen.

Deshalb fordert Pro Quote Film, den weiblichen Anteil in allen Gewerken, nicht nur der Regie, auf 50 Prozent zu erhöhen; und auch das Kulturstaatsministerium hat ein Projektbüro - mit einer Dreiviertel-Planstelle besetzt - gegründet, das Daten sammeln und Mentorinnen mit jungen Frauen in Kreativberufen zusammenführen soll, um für "bessere Aufstiegschancen, mehr Mitsprache in Gremien und Jurys, faire Bezahlung und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie" zu trommeln.

Zur Debatte

#MeToo und dramatische Einbrüche bei den Zuschauerzahlen haben die deutsche Filmbranche verunsichert. Was muss sich ändern? Wie kann das Publikum besser erreicht werden? Wie können die Arbeitsbedingungen verbessert werden, damit Kreativität mehr Raum hat und Missbrauch verhindert wird? In loser Folge veröffentlichen wir an dieser Stelle Gastbeiträge aus der Branche mit konkreten Reformvorschlägen. Bisher erschienen: "Macht und Missbrauch an Filmsets: Wie wir neues Vertrauen schaffen können" von Jan Krüger

Das klingt nach einer der vielen Kommissionen, die etwas prüfen sollen, was doch schon jeder weiß, denn diese Daten gibt es schon auf vielen Ebenen. Es reicht aber nicht, einzelne Frauen zu ermächtigen, Karriere zu machen in einem System, das weder wirtschaftliche noch herausragende künstlerische Erfolge erzielt und das die Vorurteile bestätigt, in denen wir alle, Männer wie Frauen, gefangen sind. Weibliches Empowerment ist ohne grundlegende Änderungen in der Produktionswirklichkeit in Deutschland nicht denkbar.

Checkliste für Drehbücher

Hier und da gibt es seit einiger Zeit Ansätze, das zu ändern. Die mächtige Filmrechtefirma Degeto hat eine Checkliste für Drehbücher eingeführt, bei der ganz genau geschaut wird, welche Frauen- und Männerbilder erzählt werden. Die Filmschulen wollen die Lehre künftig paritätisch gestalten und mehr auf gendersensibles Erzählen achten.

Damit aber die immer wieder stotternde Emanzipation, die in England und Schweden schon um einiges weiter ist, auch bei uns vorankommt, brauchen wir eine neue Stiftung, die sich den Kampf um die Geschlechtergerechtigkeit in den Medien auf die Fahnen geschrieben hat. Sie soll eine Plattform sein zur Sichtbarmachung und Stärkung weiblichen Filmschaffens, was die gesamte Filmkunst und Filmkultur in Deutschland beleben würde.

Die Stiftung hat zwei Ziele. Das erste ist der Erhalt und die Sichtbarmachung der Filme von Frauen und ihre Nutzbarmachung als Teil des nationalen Kulturerbes. Denn die Filme von Frauen spielen im öffentlichen Bewusstsein, in der Lehre an Schulen und Universitäten und im Kanon des deutschen Films derzeit keine Rolle. Es ist so gut wie vergessen, dass es in den Sechziger und Siebzigerjahren schon einmal eine starke Bewegung filmender Frauen gegeben hat, die auch international als wichtiger Teil deutscher Filmkultur anerkannt war.

Wir wissen, dass es keine Zukunft gibt, wenn man sich nicht der Vergangenheit bewusst ist. Die großen Lücken in der bisher spärlich aufgearbeiteten weiblichen Filmgeschichte müssen gefüllt werden. Die Filme von Frauen müssen digitalisiert, in Videoeditionen verfügbar gemacht und für Retrospektiven in Bildungseinrichtungen und Festivals aufbereitet werden. Nur so, über Vorbilder, kann das Bewusstsein junger Frauen gestärkt werden, dass der Kanon des deutschen Filmschaffens, der sich bisher immer einseitig auf das Schaffen von Männern bezieht, auch für sie offen sein wird.

Das zweite Ziel ist die Entwicklung von Programmen, Weiterbildungen, Netzwerken und Plattformen für den Filmbereich mit dem Ziel eines Kulturwandels hin zu mehr Vielfalt. Das kann von der neuen Stiftung durch eine Fülle von Maßnahmen vorangetrieben werden: Zum Beispiel durch digitale Vernetzungsplattformen und Netzwerktreffen, in denen Frauen vom Wissen anderer Frauen profitieren und Empfehlungslisten für Schulen und Hochschulen, die weibliches Filmschaffen in den Unterricht einbeziehen.

Dazu gehören auch gezielte Fortbildungen für alle, Männer und Frauen, die in der Produktion, in den Gremien und Kommissionen und an Hochschulen tätig sind, um stereotype Wahrnehmungskriterien bei der Beurteilung von Projekten und Personen sichtbar zu machen und Perspektiven zu erweitern. Der größte Feind der Entwicklung zu mehr Gender-Gerechtigkeit ist nämlich nicht so sehr der böse Wille, sondern die stumpfe Gewohnheit, dass das, was ist, auch gut und richtig ist.

Ständiges Monitoring

Ein weiterer wichtiger Arbeitsschwerpunkt wird ein ständiges Monitoring sein, wie groß der Anteil weiblichen Filmschaffens in den Kommissionen der Filmförderung und des Fernsehens ist. Und dazu gehört die Verpflichtung, dass alle Institutionen, die öffentliche Gelder vergeben, Rechenschaft über die von ihnen geförderten Projekte ablegen müssen. Transparenz, wie sie inzwischen auch von der Industrie gefordert und zum Teil praktiziert wird, ist nämlich in der deutschen Filmlandschaft, wo kein Projekt ohne die Hilfe des Fernsehens und der Fernsehanstalten realisiert werden kann, in weiten Teilen ein Fremdwort.

Die Stiftung will und muss zudem die Auseinandersetzung mit Erzählstilen und Dramaturgien befördern, denn die bisher üblichen schreiben Geschlechterverhältnisse in Stereotypen fest: der Mann als Held, die Frau als love interest. So werden mediale Frauenfiguren in Männerphantasien eingepasst. Die Stiftung fördert Initiativen, in denen andere Möglichkeiten von Erzählformen in Filmen, Serien und Computerspielen erforscht werden. Sogar in Hollywood sprechen es die guten Dramaturgen heute aus: "Die männliche Dramaturgie sagt: divide and conquer. Die weibliche sagt: combine and grow. Der weiblichen Dramaturgie gehört die Zukunft."

Vorbilder für Status und Organisation der Stiftung sind die Murnau-Stiftung und die DEFA-Stiftung und ihre Finanzierung durch öffentliche Gelder muss diesen Stiftungen entsprechen. Sie soll in dem Berlin geplanten Filmhaus gleichberechtigt mit und neben den anderen Institutionen ihren Platz finden, denn die Zeit, in der die Kulturproduktion von Frauen am Katzentisch saß und allenfalls wohlwollend betätschelt wurde, ist vorbei.

insgesamt 15 Beiträge
noalk 08.08.2018
1. Gratwanderung
Mir fehlt da noch was: Wie soll gewährleistet werden, dass die künstlerische Freiheit unangetastet bleibt und keine Werkzeuge für versteckte zensorische Maßnahmen entstehen?
Mir fehlt da noch was: Wie soll gewährleistet werden, dass die künstlerische Freiheit unangetastet bleibt und keine Werkzeuge für versteckte zensorische Maßnahmen entstehen?
fredfeuerstein 08.08.2018
2. Spiegel
Gut dass mit diesem Text keine klassischen Rollenbilder verstärkt werden und er über das was er der Filmindustrie vorwirft erhaben ist! "Die männliche Dramaturgie sagt: divide and conquer. Die weibliche sagt: combine [...]
Gut dass mit diesem Text keine klassischen Rollenbilder verstärkt werden und er über das was er der Filmindustrie vorwirft erhaben ist! "Die männliche Dramaturgie sagt: divide and conquer. Die weibliche sagt: combine and grow. Der weiblichen Dramaturgie gehört die Zukunft." (Ja es ist ein Zitat aber der Text macht es sich zu eigen)
dasfred 08.08.2018
3. Über den Erfolg entscheidet der Zuschauer
Wenn es funktioniert, bitte gerne. Aber macht keine gute Geschichte kaputt, nur um dem Frauenbild eine neue tiefe zu geben. Ich kann mir eine Menge Plots vorstellen, in denen Männer im Hintergrund bleiben und Frauen realistische [...]
Wenn es funktioniert, bitte gerne. Aber macht keine gute Geschichte kaputt, nur um dem Frauenbild eine neue tiefe zu geben. Ich kann mir eine Menge Plots vorstellen, in denen Männer im Hintergrund bleiben und Frauen realistische Rollen übernehmen. Frauen, mit Alltagssorgen oder Neuanfang zwischen dreißig und fünfzig finden kaum statt, obwohl sie ein enormes Potenzial bieten.
benmartin70 08.08.2018
4.
Es interessiert mich nur am Rande wer einen Film gemacht hat (bei deutschen Filmen schon dreimal nicht). Der Film als solches muss mich interessieren.
Es interessiert mich nur am Rande wer einen Film gemacht hat (bei deutschen Filmen schon dreimal nicht). Der Film als solches muss mich interessieren.
arminpillhofer 08.08.2018
5. Linker Feminismus im Film
Es ist typisch, dass der linke Spiegel dieser linksfeministischen Initiative eine Plattform gibt. Und typisch ist es auch, dass die Feministinnen hier eine 50% Quote auf allen Ebenen fordern. Das ist ein klarer Eingriff in die [...]
Es ist typisch, dass der linke Spiegel dieser linksfeministischen Initiative eine Plattform gibt. Und typisch ist es auch, dass die Feministinnen hier eine 50% Quote auf allen Ebenen fordern. Das ist ein klarer Eingriff in die Freiheit der Kunst und bringt auch völlig unfähige Frauen in für sie nicht geeignete Positionen. Dass Frauen im Film unterrepräsentiert sind, liegt nicht an der bösen Männerwelt, sondern am oft nicht vorhandenen Selbstbewusstsein der Frauen. Frauen müssen also zuerst an sich selbst arbeiten und sich nicht auf völlig ungerechte Quoten verlassen.
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