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Kultur

Film über Seenotretter

Wie Abiturienten losfuhren, um Flüchtlinge zu retten

Sie haben Tausende Menschen vor dem Ertrinken bewahrt, doch nun geraten die Aktivisten von "Jugend Rettet" ins Visier der Justiz. Regisseur Michele Cinque dokumentiert ihr Scheitern an der Migrationspolitik.

Cesar Dezfuli
Von Katharina Schipkowski
Mittwoch, 11.07.2018   17:51 Uhr

Hastig, auf allen vieren, klettern zwei Frauen, die Röcke klitschnass, zu den beiden Jungs auf das Rettungsschlauchboot. "Meine Schwester, ihr müsst noch meine Schwester holen!", ruft die eine. Die beiden jungen Männer umarmen sie: "Wir lassen niemanden zurück." Dann fahren sie zur Iuventa, dem Mutterschiff, um ein größeres Schlauchboot zu holen und die restlichen Schiffbrüchigen zu retten, die auf einem Gummiboot ohne Benzin auf dem Mittelmeer treiben.

Der italienische Regisseur Michele Cinque hat die Crew der Iuventa, dem umgebauten Fischkutter der deutschen NGO "Jugend rettet", über ein Jahr lang begleitet. Der Film erzählt die Geschichte von einem Dutzend junger Menschen - ihrem Idealismus und ihrem Scheitern an der politischen Realität:

Heute darf kein einziges der zwölf NGO-Schiffe, die über Jahre Menschen retteten, auf das Mittelmeer. Im Juni 2018 schloss Italien seine Häfen für alle NGOs. Es war der tödlichste Monat 2018, 629 Menschen ertranken. Das Rettungsschiff Lifeline dümpelte sechs Tage lang mit 230 Schiffbrüchigen im Mittelmeer, bis es in Malta anlegen durfte, die Aquarius irrte zuvor tagelang mit 630 Menschen an Bord herum. Kurz darauf einigte sich die EU insgesamt auf eine schärfere Asylpolitik.

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Film über Seenotrettung: Als die Iuventa noch retten durfte

Wie brisant die Situation zum Zeitpunkt der Filmveröffentlichung sein würde, konnte Cinque während seines Drehs nicht ahnen. Kurz bevor er die Aufnahmen im Herbst 2017 beendete, deutete sich die Zuspitzung der Situation aber bereits an: Am 1. August vergangenen Jahres beorderte die Seenotrettungsleitstelle in Rom das Schiff nach Lampedusa, wo es beschlagnahmt wurde.

(Mehr zur Aktion "Deutschland spricht" finden Sie hier .)

Vor diesem Hintergrund wirkt seine Doku - handwerklich völlig okay, aber nicht ästhetisch innovativ - wie ein eindrückliches Dokument aus einer Zeit, in der es noch nicht ganz so schlimm stand um die Asylpolitik in Europa: Im Herbst 2015 gründet Jakob Schoen, damals Abiturient, mit einigen Freunden in Berlin die NGO "Jugend rettet". Sie starten ein Crowdfunding, kaufen ein Schiff, die Iuventa, lateinisch für "Jugend". Die ersten Filmszenen zeigen, wie die Crew im Oktober 2016 den Hafen von Valetta verlässt, um in die Rettungszone vor der libyschen Küste zu fahren. Sie wissen nicht, wie viele Geflüchtete sie an Bord nehmen können, und auch nicht, wie man einen Menschen am besten aus dem Wasser auf ein Schlauchboot zieht. Auf dem Weg in die Rettungszone üben sie, wie man jemanden reanimiert.

"Wir wissen, wo es hingeht"

"Natürlich ist das Risiko größer, als wenn du den Sommer zu Hause am Pool verbringst", sagt der Kapitän Benedikt Funke, damals 31 Jahre alt, zu den anderen Aktivisten, als sie über die nächsten Tage sprechen. Was nur ein Versuch sein soll, eine symbolische Aktion, um auf die Situation im Mittelmeer aufmerksam zu machen, artet kurz darauf aus - in eine Mission, die 14.000 Leben rettet, bis sie von den italienischen Behörden gestoppt wird.

Gegen die Crewmitglieder der Iuventa laufen heute Ermittlungen, eine Anklage gibt es bisher nicht. In Malta steht der Kapitän der "Lifeline" vor Gericht. Ihm droht ein Jahr Haft, weil das Schiff angeblich falsch registriert sei. Das wird auch der Iuventa-Crew vorgeworfen. "Völliger Quatsch", sagt das Crewmitglied Titus Molkenbur bei der Filmpremiere in Berlin, "jedes Schiff, egal wo es registriert ist, muss Menschen in Seenot retten." Außerdem sei die Iuventa fast zwei Jahre lang problemlos unter holländischer Flagge gefahren. Für die Aktivisten ist die Lage klar: Sie sind Opfer eines Diskurses geworden, der von rechts gekapert wurde. "Wir müssen jetzt nach vorne gucken", sagt Molkenbur, aber seine Vision ist finster. Er warnt vor einer harten Abschottungspolitik, wie etwa Australien sie betreibt: "Wir wissen, wo es hingeht."

Die Erschütterung junger Menschen, die über ihre persönlichen Grenzen gehen und dann mit Enttäuschung zurückbleiben, dokumentiert der Film auch: "Wie lange sollen wir das machen und was kann die Lösung sein?", fragen sie sich immer wieder. Dass die spendenfinanzierte Seenotrettung keine Lösung ist, wissen sie. Dass sie staatliche Aufgaben übernehmen müssen, frustriert sie.

Bei der Premiere in Berlin räumen sie auch eigene Versäumnisse ein. Kira Fischer, 26, sagt: "Wir hätten von Anfang an gemeinsam mit den anderen NGOs als politischer Akteur auftreten sollen." Statt aufs Meer fahren manche von ihnen jetzt nach Brüssel, reden mit Abgeordneten, sprechen auf Konferenzen und Demonstrationen. Andere haben sich zurückgezogen. Jakob Schoen studiert jetzt, Kapitän Benedikt Funke forscht zum Thema Migration.

Aber einige von ihnen würden sofort wieder in See stechen, wenn sie könnten. Kira Fischer sagt: "Solange das Sterben nicht aufhört, müssen wir weiter rausfahren." Ob sie die Iuventa jemals wiederbekommen, ist ungewiss. Bei der Podiumsdiskussion nach dem Film meldet sich ein kleiner Junge, vielleicht acht Jahre alt. Er sagt: "Ich würde vorschlagen, dass man doch ein neues Schiff kaufen könnte."

Sehen Sie hier den Trailer zu "Iuventa":


Der Film "Iuventa" tourt bis Mitte August durch die Kinos deutscher Städte. Alle Termine gibt es hier. Am 13. August ist er zudem um 22:25 Uhr auf 3sat zu sehen.

insgesamt 76 Beiträge
Düsseldepp 11.07.2018
1. Tragisch
Es ist tragisch, daß diese Aktivisten nicht erkennen können oder wollen, daß sie Teil des Problems sind und ganz sicher nicht der Lösung. Weniger Aktivismus und mehr Nachdenken täte gut. Wer nicht ins Schlauchboot steigt, [...]
Es ist tragisch, daß diese Aktivisten nicht erkennen können oder wollen, daß sie Teil des Problems sind und ganz sicher nicht der Lösung. Weniger Aktivismus und mehr Nachdenken täte gut. Wer nicht ins Schlauchboot steigt, wird später auch nicht ertrinken. Das australische Modell ist genau richtig - dort konnte das Ertrinken auch weitgehend gestoppt werden. Wenn es nur um das Retten vor dem Ertrinken ginge, dann müssten diese Schiffe die Geretteten ein paar Seemeilen zurück an die nordafrikanische Küste bringen. Aber das geschieht nicht, sondern in Wahrheit geht es doch um Schleusung nach Europa. Genau das bekämpft die italienische Regierung zu Recht. Moralischer Rigorismus hilft da nicht weiter.
frank.huebner 11.07.2018
2. Ja, die "Retter" sind Teil des Schleppersystems
Oje, ich werde einen schönen Shitstorm bekommen. Aber die Retter sind Teil des Schlepperproblems. Die Flüchtlinge werden von den Schleppern auf seeuntüchtige Boote gesetzt mit der Hoffnung, dass diese von Rettungsschiffen [...]
Oje, ich werde einen schönen Shitstorm bekommen. Aber die Retter sind Teil des Schlepperproblems. Die Flüchtlinge werden von den Schleppern auf seeuntüchtige Boote gesetzt mit der Hoffnung, dass diese von Rettungsschiffen aufgefischt werden. Damit sind die Rettungsschiffe Teil der Planungen der Schlepper und damit ein Teil des Problems. Wenn die Rettungs-NGOs aber gemäß Seerecht verfahren würden und die Geretteten gesetzesgemäß in den nächsten Hafen brächten, das ganze Schleppersystem würde schnell zusammenbrechen. Ja, liebe Rettungsfans, so ist es leider. Wenn ich Flüchtlinge (die zu 95% keine Bleibeperspektive in Europa haben) 20 km vor der lybischen Küste aufsammle ist es gegen das Seenotrecht, diese 500 km weiter in Europa an Land zu bringen. Die Geretteten müssen in den nächsten Hafen gebracht werden. Aber was interressiert es? Italien verfährt da ganz gemäß Gesetz. Unmenschlich ist es doch, die Flüchtlinge erst nach Europa zu bringen und dann wieder abzuschieben (was in Zukunft hoffentlich gemäß der geltenden Gesetze auch gemacht wird). Hier geht es gar nicht um rechts oder links, sondern um die Anwendung der Gesetze, die schon bestehen. Da muss man gar nichts verschärfen. Und die Abiturienten, die die Flüchtlinge retten und nach Europa bringen können gerne Bürgschaften für ihre Flüchtlinge übernehmen. Mal sehen, ob die in 12 Monaten auch nichr rausfahren.
martin10 11.07.2018
3. ... geanu diese Leute
sind es, die den Schleppern in die Hände spielen und das Sterben auf dem Mittelmeer gefördert haben.... Man wird sehen, das je mehr Boote von den Behörden "eingezogen" werden, um so weniger Flüchtlinge werden [...]
sind es, die den Schleppern in die Hände spielen und das Sterben auf dem Mittelmeer gefördert haben.... Man wird sehen, das je mehr Boote von den Behörden "eingezogen" werden, um so weniger Flüchtlinge werden über das Mittelmeer kommen. So sehr man die Beweggründer der "Retter" auch verstehen kann, die Realität ist eine andere!
Sumerer 11.07.2018
4. Meine Hochachtung!
Ich empfine es als geradezu pervers von europäischen Behörden und Politikern, wenn junge Leute mit innovativen Konzepten daran gehindert werden Menschenleben zu retten. Unsere Politiker sind eine Schande. Und noch etwas: Es [...]
Ich empfine es als geradezu pervers von europäischen Behörden und Politikern, wenn junge Leute mit innovativen Konzepten daran gehindert werden Menschenleben zu retten. Unsere Politiker sind eine Schande. Und noch etwas: Es wird in Zukunft noch viel mehr Flüchtlinge geben, die in Seenot geraten. Das wird sich nicht verhindern lassen, auch wenn Schiffbrüchige gewissermaßen den Haien zum Fraß überlassen werden und so spurlos verschwinden. Empathie hat dagegen noch nie eine Gesellschaft geschadet.
d.meinung 11.07.2018
5. Sinnloser Aktionismus
Irgendwie tragisch, dass diese Leute nicht erkennen, dass sie in ihrem Abenteuerurlaub Menschen nicht retten sondern gefährden. Ich will den diversen NGOs jetzt nicht unterstellen, bewusst mit Schleppern zu kooperieren, die [...]
Irgendwie tragisch, dass diese Leute nicht erkennen, dass sie in ihrem Abenteuerurlaub Menschen nicht retten sondern gefährden. Ich will den diversen NGOs jetzt nicht unterstellen, bewusst mit Schleppern zu kooperieren, die Tatsache aber ist: seit die NGOs mit ihren Schiffen unterwegs sind, verwenden die Schlepper keine Schiffe mehr, die wirklich nach Italien kommen könnten. Das heisst, sie nehmen zynisch in Kauf, dass Menschen beim 'Umsteigen' auf hoher See ertrinken. Und die NGOs helfen ihnen dabei.

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