Schrift:
Ansicht Home:
Kultur

Frauenprotest in Cannes

Im falschen Film

Das Filmfestival in Cannes will ein Zeichen gegen Sexismus setzen - und hat doch nur ein "red carpet event" zu bieten. Große Kunst von Frauen gibt es nicht zu sehen - im Gegenteil.

AFP
Von
Sonntag, 13.05.2018   13:52 Uhr

Offiziell ist erst am heutigen Sonntag Muttertag, aber das Festival von Cannes hat schon am Samstagabend der Schaffenskraft von Frauen gehuldigt - oder zumindest dem, was es dafür hält: Vor der Premiere des ersten Wettbewerbsfilms einer Regisseurin sind 82 Frauen, angeführt von Jurypräsidentin Cate Blanchett, über den roten Teppich geschritten und auf die Treppe des Palais de Festival geklettert, unter ihnen "Wonder Woman"-Regisseurin Patty Jenkins, Nouvelle-Vague-Ikone Agnès Varda und Schauspielerin Salma Hayek.

Jede Frau repräsentierte jeweils einen Film von einer Frau, der jemals in der offiziellen Auswahl des Festivals gezeigt wurde. In 70 Jahren Festivalgeschichte sind so 82 Filme von Frauen zusammen gekommen - im Vergleich zu 1645 Werken von Männern. "Frauen sind keine Minderheit auf der Welt, aber die Filmindustrie sendet eine andere Botschaft", sagte Blanchett in ihrem Statement. "Als Frauen haben wir jede mit ganz eigenen Herausforderungen umzugehen, aber auf dieser Treppe stehen wir vereint als Ausdruck unserer Entschlossenheit und unseres Einsatzes für Fortschritt."

Dass nicht jede Regisseurin ihren eigenen Film repräsentiert hat, hat sicher auch pragmatische Gründe. Einige sind bereits verstorben, andere wären verhindert gewesen oder hätten sich womöglich nicht vom Festival für so eine Aktion einspannen lassen wollen. Doch dass statt ihrer viele glamouröse Schauspielerinnen dabei sind - nicht wenige von ihnen "brand ambassadors", die nur in Cannes sind, weil sie ihr Kristallhersteller oder Modehaus dafür bezahlt hat -, ist Symptom einer bezeichnenden Unbeholfenheit, wenn nicht gar Unfähigkeit: Anders als in einem "red carpet event" kann Cannes seine Anliegen offenbar nicht zum Ausdruck bringen.

Die leidige, weil immer noch ergebnislose "Frauendiskussion" würde sich erledigen, gäbe es große Kunst von Frauen zu sehen. Doch als hätte sich Festivalchef Thierry Frémaux einen bösen Scherz erlaubt, ist "Filles de Soleil" ("Töchter der Sonne") von Eva Husson eine Katastrophe.

Maneki Films/ Khatia Psuturi/ Festival de Cannes

Szene aus "Les filles du soleil"

Sehnsuchtsvoller Blick in die Ferne

Nach wahren Begebenheiten erzählt die Französin von einer Einheit kurdischer Soldatinnen, die 2015 im Norden Iraks gegen den IS gekämpft haben. Was Kathryn Bigelow, die Meisterin des neueren Kriegsfilms, aus diesem Stoff gemacht hätte, bleibt eine sehnsüchtige Frage. Dass Husson daraus eine verkitschte Heldinnenverklärung gemacht hat, ist derweil Realität.

Immer wieder lässt sie ihre Hauptdarstellerin Golshifteh Farahani, die die Kommandantin der Fraueneinheit verkörpert, sehnsuchtsvoll in die Ferne blicken, die riesigen Augen stets leicht tränenbenetzt. Wie diese Frau zu einer charismatischen Führungsfigur im kurdischen Widerstand geworden ist, versucht Husson in dramaturgisch grob misslungenen, weil den eh schon holprigen Erzählfluss weiter störenden, Rückblenden zu erklären. Abnehmen tut man es der konstant als leidgeplagt gezeichneten Farahani in keinem Fall.

Würde der Rest der Truppe als Figuren funktionieren, könnte man das womöglich verzeihen. Doch Husson verleiht keiner der anderen Frauen Profil. Wenn eine von ihnen stirbt, fällt es einem schwer, Name und Gesicht zuzuordnen. So unterläuft Husson auch noch das größte Potenzial ihres Films: militante Solidarität unter Frauen zu zeigen.

Fast müsste man es als beschämend bezeichnen, dass der Iraner Jafar Panahi, offiziell immer noch mit Berufsverbot belegt und nicht in Cannes anwesend, mit "Se Rokh" ("Drei Gesichter") den besten Beitrag über die Situation von Künstlerinnen liefert - würde die Freude über diesen klugen Film nicht überwiegen. Wie schon in seinem Berlinale-Gewinnerfilm "Taxi Teheran" spielt Panahi eine der Hauptrollen und sitzt die meiste Zeit am Steuer eines Autos. Doch diesmal geht es von der Hauptstadt in die iranische Provinz nahe der türkischen Grenze.

Festival de Cannes

Aufnahme aus "Se Rokh" ("Drei Gesichter")

Wohin mit der Kreativität?

Ein Mädchen hat dort Suizid begangen, weil sich ihre Familie und ihr Verlobter gegen ihren Wunsch gestellt haben, Schauspielerin zu werden. Bevor sie sich die Schlinge um den Hals gelegt hat, hat sie ein Handyvideo aufgenommen, in dem sie ihre Situation schildert und die gefeierte Schauspielerin Jafari Behnaz anklagt, nicht auf ihre Hilferufe reagiert zu haben.

Das Video wird Behnaz (gespielt von dem iranischen Star selbst) zugespielt, die sich sofort mit ihrem Kollegen Panahi in die Provinz aufmacht, um das Mädchen zu suchen. Denn irgendwas an dem Video erscheint verdächtig - ist der Ast, an dem sie sich erhängt haben soll, nicht zu brüchig? Ist der Moment, in dem ihr das Handy aus der Hand gleitet, nicht geschnitten? Und überhaupt: Sie will doch Schauspielerin werden. Vielleicht ist das Video eine Art Bewerbungsfilmchen?

Diese Fragen werden sich klären, während Panahi und Behnaz im Heimatdorf des Mädchens sind. Zuvor führen die zwei Großstädter jedoch einige aufschlussreiche Gespräche. Sie hören von den Vorbehalten der Dorfbewohner gegen die vermeintlich nutzlosen Künste und von einer älteren Frau, die sich entschlossen hat, isoliert von der Gemeinde zu leben, um ihrem Traum von der Malerei nachzugehen.

Gleichzeitig wird Behnaz von den Dorfbewohnern für ihre Filme und Serien bewundert, weshalb sie ins Grübeln gerät, wie ihr Leben mit dem der anderen künstlerisch ambitionierten Frauen verwoben ist - mit der älteren Frau, die für ihre Malerei die soziale Ächtung in Kauf genommen hat, und mit dem Mädchen, das für seinen Traum von der Schauspielerei so viel zu riskieren bereit war. Diese Frauen sind die drei Gesichter aus dem Titel - und sie geben so viel mehr zu denken als die 82 Gesichter vom roten Teppich.

insgesamt 4 Beiträge
5b- 13.05.2018
1. Feste erziehen nicht
“Das Filmfestival in Cannes will ein Zeichen gegen Sexismus setzen - und hat doch nur ein "red carpet event" zu bieten. Große Kunst von Frauen gibt es nicht zu sehen - im Gegenteil.” Natürlich gilt Cannes als [...]
“Das Filmfestival in Cannes will ein Zeichen gegen Sexismus setzen - und hat doch nur ein "red carpet event" zu bieten. Große Kunst von Frauen gibt es nicht zu sehen - im Gegenteil.” Natürlich gilt Cannes als eines der Inhaltlich besseren Filmfestspiele. Es ist aber lediglich eine Festivität. Man kann den inhärenten Charakter der Veranstaltung nicht in Richtung Pädagogik verbiegen. Heutzutage ist es sehr leicht auch an exotische Filme zu kommen. Wer sich mit feminosexistischen Filmen auskennt, der kann doch einfach eine Liste machen.
spon_2545532 13.05.2018
2. Ein Cannes-Festival nur für Frauen
Machen wir halt noch ein Cannes-Festival nur für Frauen! Weibliche Regiesseusen, Schauspielerinnen, Jurorinnen, Preisträgerinnen etc. Dann gibt es auch keinen Streit mehr (mit den Männern)!
Machen wir halt noch ein Cannes-Festival nur für Frauen! Weibliche Regiesseusen, Schauspielerinnen, Jurorinnen, Preisträgerinnen etc. Dann gibt es auch keinen Streit mehr (mit den Männern)!
Criticz 13.05.2018
3. "...gäbe es große Kunst von Frauen zu sehen"
das Naheliegendste wird ausgeblendet: vielleicht gab es (diesmal?) einfach keine besseren Filme einer Frau. Und weil, - auch - von der Autorin, ja permanent ein höherer Frauenanteil gefordert wird, werden nun Filme gezeigt, die [...]
das Naheliegendste wird ausgeblendet: vielleicht gab es (diesmal?) einfach keine besseren Filme einer Frau. Und weil, - auch - von der Autorin, ja permanent ein höherer Frauenanteil gefordert wird, werden nun Filme gezeigt, die dort - rein qualitativ - eigentlich nichts zu suchen haben. Und nun als "Katastrophe" bezeichnet werden. Tja, die Geister die man rief sind nun als angekommen....mit aller Konsequenz. Wer ein Filmfestival nicht als kulturellen Wettbewerb sondern als Frauenrechtsforum versteht, sollte sich allerdings nicht wundern. PS: aber auch ein Lob - oft hat man hier den Eindruck dass Filme einfach schon deshalb positiver besprochen werden weil sie von Frauen sind oder der "Sache der Frau dienen". Diesmal immerhin keine rosarote Brille. Und wenn Ihnen ein "Männerfilm" gefällt (eigentlich sollte es keine Rolle spielen welches Geschlecht hier Regie führt) - nein, dafür brauchen Sie sich nicht zu schämen.
murkelaki 17.05.2018
4. danke für nichts
„Die leidige, weil immer noch ergebnislose "Frauendiskussion" würde sich erledigen, gäbe es große Kunst von Frauen zu sehen.“ – da krieg ich doch sofort Schnappatmung! Oh, da hat eine Schauspielerin ihre [...]
„Die leidige, weil immer noch ergebnislose "Frauendiskussion" würde sich erledigen, gäbe es große Kunst von Frauen zu sehen.“ – da krieg ich doch sofort Schnappatmung! Oh, da hat eine Schauspielerin ihre Protest-Geste gar nicht selber ausgedacht – wie unoriginell. Und dann hat eine Regisseurin einen möglicherweise nicht genialen Film abgeliefert – böseböse. Aber wieso überhaupt ‚leidige Diskussion‘? Die hat doch gerade erst angefangen!! Viel zu spät. Und ja, leider immer noch weitgehend ergebnislos – aber genau das IST DOCH DAS PROBLEM! In Deutschland zumindest landen immer noch über 80% der öffentlichen Fördermittel in den Händen der mehrheitlich männlichen Regisseure. Weibliche Gesichter verschwinden ab Mitte 20 kontinuierlich von Bildschirmen und Leinwänden, 9 von 10 animierten Kinderfiguren sind männlich und etwa nur die Hälfte des Nachwuchses arbeitet später auch im gelernten Beruf… so viel zum Thema Chancengleichheit. Ja aber wieso liefert dieser Bruchteil nicht bitteschön große Filmkunst ab? Vielleicht liegt es ja daran, dass frau nicht jahrelang Millionen (an Fördergeldern) verpulvern durfte, um sich mit ein paar mittelmäßigen und wenig erfolgreichen Filmen auszuprobieren. Oder vielleicht werden sie ja auch kritischer besprochen – weil Frauen immer noch besser, cleverer, origineller sein müssen, um gerechte Wahrnehmung beanspruchen zu dürfen. Und nicht verhöhnt werden. Vielleicht. Es ist leicht, sich über diese red carpet-Aktionen lustig zu machen. Aber so lange es keine Chancengleichheit in dieser Macho-Branche (und überhaupt) gibt, genau so lange wird diese leidige Diskussion geführt werden müssen, egal mit welchen Mitteln – sorry for boring!

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP