Schrift:
Ansicht Home:
Kultur

Filmsatire "Gitler kaput"

Die nackte russische Kanone

Tänzchen unter der Hakenkreuz-Discokugel: Der Sieg über Hitler-Deutschland ist den Russen heilig, doch jetzt läuft in den Kinos eine überdrehte Komödie über einen Sowjetspion, der es wild in Nazi-Berlin treibt. Die Zuschauer stürmen die Kinos - Moskaus Kommunisten sind entsetzt.

Von , Moskau
Freitag, 17.10.2008   06:11 Uhr

"Oops, I did it again", näselt Max Raabe und leitet musikalisch die erste Szene von "Gitler kaput!" ein: SS-Soldaten führen den jüdischen Partisanen Rabinowitsch zur Erschießung. Der fleht um sein Leben ("Ich habe eine Allergie gegen Maschinengewehrsalven"), die Faschisten legen an, schießen – und Rabinowitsch entkommt slapstickartig, ganz so wie man es aus Filmen der amerikanischen Blödelschule von David Zucker oder Mel Brooks kennt.

Zuckers Kino-Blödelei "Die nackte Kanone" diente dem 1971 in Moskau geborenen Regisseur Marjus Wajsberg als Vorbild, ebenso wie das Hitler-Musical "The Producers". Wajsberg, der eigentlich Marius Balchunas heißt, hat an der Universität von Südkalifornien Film studiert – ist aber bisher als Regisseur kaum in Erscheinung getreten. "Ich wollte schon immer mal so eine Komödie wie Mel Brooks machen", sagte er. Dass als Testgelände dafür ausgerechnet das "Dritte Reich" herhalten musste – dahinter steckt wohl die pure Lust an der Provokation. Ursprünglich war die Premiere des Films sogar für den "Tag des Sieges", also den in Russland wichtigsten Staatsfeiertag am 9. Mai, vorgesehen. Man habe eine "gewisse Erleichterung" in bestimmten Kreisen verspürt, so der Produzent Sergej Liwnew, als man sich letztlich für einen Starttermin Mitte September entschied.

In Russland wird der Zweite Weltkrieg als "Großer Vaterländischer Krieg" bezeichnet, auf den Heldentaten der Roten Armee bei der Befreiung des Landes und der Zerschlagung des Faschismus beruht das historische Selbstverständnis vieler Russen bis heute. Dafür hat Liwnew zwar Verständnis, aber für alle, die es noch nicht verstanden hätten, die Message seines Films sei: "Hitler kaputt, Faschismus kaputt, Krieg kaputt, Antisemitismus kaputt, Antiamerikanismus kaputt, alle Phobien kaputt."

Regisseur Wajsberg verwurstet in seinem Film jedes in Russland bekannte Klischee über das "Dritte Reich". Das fängt beim Titel an: "Gitler kaput" ist ein aus dem Krieg übriggebliebener deutscher Satz, den wohl jeder Russe beherrscht. "Gitler" heißt Hitler schlicht deshalb, weil es in der russischen Sprache kein gesprochenes H gibt.

Auch die Geschichte des Films ist eher plakativ zu nennen: SS-Standartenführer Olaf Schulenberg – eigentlich ein sowjetischer Top-Spion – arbeitet in nächster Nähe zum Führer und sammelt fleißig geheime Dokumente über die deutschen Truppen. Allerdings langweilt ihn das zu Tode: Lieber vergnügt er sich in seiner Villa in "Händehochowo", schießt im Keller auf Hakenkreuze, pflanzt Tomaten und Kürbisse im Wintergarten und träumt von seiner Rückkehr ins einfache Leben auf dem russischen Land. Abends tanzt er im Nazi-Club "Reichowitsch" unter einer Hakenkreuz-Discokugel Kasatschok. Bevor sich Schulenberg auf den Weg in die Heimat machen kann, muss er noch gemeinsam mit der riesenbusigen Agentin Sina einen geheimen Auftrag ausführen. Allerdings hat sein russisches Tänzchen im "Reichowitsch" Misstrauen geweckt, und Reichsminister Bormann setzt den gefürchteten "Eisernen Hans" auf ihn an.

Eine richtige Handlung ist in "Gitler kaput!" nicht erkennbar, der Film lebt von der Liebe zum absurden Detail: So kreuzt durch Berlin ein Werbeauto für die "Komsomolzen-Prawda" mit der Aufschrift "Ab 9. Mai in ganz Deutschland", im Park flanieren japanische Touristen, an der Frontlinie sitzt ein gelangweilter Souvenirhändler mit Hakenkreuzen und Hitler-Porträts - und im "Reichowitsch" wird gerade die Weltmeisterschaft in der Disziplin "Heil Hitler" ausgetragen. Titelverteidiger: Top-Spion Schulenberg.

Kommunisten mit ihren eigenen Waffen schlagen

Dank einer groß angelegten Werbekampagne landete der Film gleich nach seinem Start auf Platz eins der russischen Kinocharts und spielte in den ersten zwei Wochen mehr Geld ein als der neue Batman-Film. Der Protest, den allein schon die erste Szene des Films in Deutschland hervorgerufen hätte, hielt sich dagegen in Grenzen. Anfang September, noch vor dem Start des Films, verschwanden auf Befehl der Moskauer Stadtverwaltung zwar alle Filmplakate, weil sie angeblich das Stadtbild verschandelten. Die Anordnung wurde allerdings nach dem Ende der Feiern zum 861. Jahrestag der Stadtgründung Moskaus wieder zurückgenommen.

Der stärkste Gegenwind blies den Filmemachern aus der Stadt entgegen, die mehr als alle anderen unter den Nazis gelitten hat: St. Petersburg. Die stalintreue Organisation "Kommunisten St. Peterburgs" forderte das russische Kulturministerium nicht nur auf, den Film zu verbieten, sondern "dem gesamten Filmteam die Berechtigung zu entziehen, in Russland Filme zu drehen". Sie erinnerten an die 27 Millionen toten Sowjetbürger und daran, dass "der große Kampf zwischen Gut und Böse keine Operette mit dreckigen Liedchen, Tänzen und Beischlaf" war.

Wajsberg und sein Team schlugen die Kommunisten mit ihren eigenen Waffen: "Damit die Menschheit lachend von ihrer Vergangenheit scheide", habe ja schon Karl Marx gesagt. Ihnen sekundierte bei einer öffentlichen Filmdiskussion Alla Gerber, die Präsidentin der Moskauer Stiftung "Holocaust". Sie zeigte sich dankbar dafür, dass "in unserer heutigen verkrampften, traurigen, farblosen Wirklichkeit dieses bemerkenswerte Rowdy-Werk entstanden ist".

Zwangloser Umgang mit Hitler

Die meisten russischen Kinokritiker sind sich freilich einig: Der Film ist sinnfrei und schlecht, stellenweise geschmacklos. Damit, so gestehen sie jedoch ein, ist Wajsberg eine Parodie auf das Leben der heutigen Moskauer Elite gelungen – die im Film zum Beispiel durch die russische Paris-Hilton-Version Ksenia Sobtschak (Eva Braun) vertreten ist.

Die Kinogänger sind geteilter Meinung: Nach einer Umfrage eines unabhängigen Meinungsforschungsinstituts empfand die eine Hälfte den Film als patriotisch, die andere meinte, er sei "unpatriotisch, seine Macher zeigen Missachtung gegenüber ihrem Land". 58 Prozent der Befragten wird das allerdings nicht davon abhalten, sich auch die Fortsetzung anzuschauen. Die soll im nächsten Jahr in die Kinos kommen, Titel: "Napoleon kaput!"

Dass der Film ein Meisterwerk ist, behauptet außer den Beteiligten niemand. Aber er führt etwas vor, was in Deutschland bis heute unmöglich ist: Ein zwangloser Umgang mit Hitler, Holocaust und Zweitem Weltkrieg. Selbst aus "Mein Führer", dem bisher beherztesten Versuch einer Satire, machte Daniel Levy im vergangenen Jahr nur einen halbherzigen Klamauk – was den Hauptdarsteller Helge Schneider dann dazu veranlasste, sich vom Endprodukt zu distanzieren.

Albern und Drittes Reich – das geht in Deutschland noch nicht zusammen. Das hat man auch in Russland erkannt: Der bekannte Filmkritiker Daniil Dondurej machte sich bei einer Diskussion über die kritischen Reaktionen auf "Mein Führer" in Deutschland lustig: "Die Kritiker meinten, über Hitler zu lachen, heiße, ihn zum Menschen zu machen." Und das sei für Deutschland wohl noch etwas früh.

Man darf gespannt darauf sein, welche Proteste der amerikanische Trash-Regisseur Quentin Tarantino mit seinem Holocaust-Film "Inglourious Basterds" hervorrufen wird, den er zurzeit in Berlin dreht. Darf der das? "Wenn du die Kraft findest, über den Feind zu lachen, verliert der Feind die Kraft", würde "Gitler kaput!"-Produzent Liwnew sagen.

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP