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Kultur

Fitzek-Verfilmung "Abgeschnitten"

Wir schlachten einen Bestseller

"Abgeschnitten" ist die Kino-Adaption eines Bestsellers von Sebastian Fitzek - doch die Ermittlertheorien werden hier allenfalls nachgesprochen, nicht nachgespielt. Ein seltsam blutleerer Thriller.

Foto: Warner Bros.
Von Philipp Schwarz
Donnerstag, 11.10.2018   19:55 Uhr

Zu Beginn eine wilde Helikopterfahrt um den Leuchtturm von Helgoland: Jedes Mal, wenn dabei die grellen Lichtstreifen an der Kamera vorbeihuschen, erdröhnt auf der Tonspur ein kraftvolles Rauschen, als hätte das masselose Licht eine tonnenschwere Wucht.

Dieser Moment der gestalterischen Überhöhung ist jedoch nur ein kurzes Aufbäumen, bevor "Abgeschnitten" von "Tschiller"-Regisseur Christian Alvart seine Thriller-Handlung in Gang setzen muss: Die Tochter des Gerichtsmediziners Paul Herzfeld (Moritz Bleibtreu) ist verschwunden, die Spur führt nach Helgoland. Doch weil die Insel aufgrund eines Schneesturms vom Festland nicht zu erreichen ist, muss Herzfeld einen Großteil der Ermittlungsarbeit an die auf Helgoland gestrandete Comiczeichnerin Linda (Jasna Fritzi Bauer) delegieren - bis sich schließlich das psychopathische Grinsen Lars Eidingers in den Film schiebt, um der Bedrohung einen Fokus zu geben.

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Psychothriller "Abgeschnitten": Dem Populärem verpflichtet

"Abgeschnitten" basiert, wie gleich im Vorspann postuliert wird, auf dem "Bestseller" von Sebastian Fitzek. Mit der Betonung dieses Wortes macht der Film klar, dass er sich allein den Zielen des Populären verpflichtet fühlt: Er will kein Kunstwerk sein, er will vor allem funktionieren. Doch dieses Bekenntnis blendet aus, dass gerade das Populäre in jedem Medium eine andere Ausprägung annehmen muss.

So funktioniert ein Thriller in Romanform vor allem, indem er immer neue Theorien zu dem Hergang einer bestimmten Tat entwickelt - seine emblematische Szene ist der schockartige Enthüllungsmoment. Als Film jedoch wirkt der Thriller vor allem über eine unmittelbar aus Sinnesreizen entwickelte Anspannung - seine emblematische Szene ist die Verfolgungsjagd.

In diesem Widerspruch zwischen dem romanhaften Prinzip der eskalierenden Theoriebildung und dem filmischen Prinzip der sinnlichen Intensität wird Alvarts Film zunehmend aufgerieben: "Abgeschnitten" fühlt sich dem Erfolg seiner Bestseller-Vorlage derart verpflichtet, dass er sich eine Struktur aufzwängt, die den eigenen Zielen als Film direkt zuwiderläuft.


"Abgeschnitten"
Deutschland 2018
Regie und Drehbuch: Christian Alvart
Darsteller: Jasna Fritzi Bauer, Moritz Bleibtreu, Fahri Yardim, Lars Eidinger, Barbara Prakopenka
Produktion: Regina Ziegler Filmproduktion, Syrreal Entertainment, Warner Bros.
Verleih: Warner Bros. GmbH
Länge: 132 Minuten
FSK: ab 16 Jahren
Start: 11. Oktober 2018


Zusammen mit dem Rechtsmediziner Herzfeld hechtet die Handlung von einem verlassenen Haus zum nächsten und lässt dabei immer brutalere Einzelheiten zu den Hintergründen der Entführung zu Tage treten. Diese Dynamik versandet auf der Leinwand jedoch auch dadurch, dass sie sich primär in verbalen Äußerungen vollzieht, für deren Abfolge das Wort "Dialog" bereits ein viel zu dramatischer Begriff wäre. Denn es werden in diesen Szenen keinerlei Konflikte ausgetragen, sondern vor allem Informationen abgeladen.

Wortreich werden traumatische Ereignisse aus der Vergangenheit nacherzählt oder erläutert, wie die letzte unerwartete Entdeckung die zuvor geformten Theorien in neuem Licht erscheinen lässt. Die Lust am Abstrakten, die diesen Passagen in ihrer Romanform anhaften mag, kann sich im Film jedoch nicht einstellen - zu wenig kleinteilig sind die Berichte, zu sehr sind sie den Zwängen einer menschlichen Äußerung unterworfen.


Im Video: Der Trailer zu "Verliebt in meine Frau"

Foto: Warner Bros.

Aber auch in der zunehmend gleichförmigen Abfolge von Enthüllungen ist immer wieder Alvarts Bemühen erkennbar, Momente affektiver Intensität herzustellen. Das gelingt ihm vor allem in der Ausgestaltung des Schneesturms, dessen wildes Treiben apokalyptische Ausmaße annimmt. Und es gelingt ihm in der Inszenierung der glibbernden und schwulstigen Körpermassen, die mit dem Seziermesser zerlegt und wie Gummihandschuhe von innen nach außen gestülpt werden. Diese Momente - und eine knappe, fast schnöde Kampfszene gegen Ende des Films - lassen eine Lust am Visuellen erkennen, die im Rest von "Abgeschnitten" durch das aus der Literatur übernommene Krimiformat fast gänzlich verdeckt wird.

So wünscht man sich irgendwann, dass sich Alvart den Blick des Gerichtsmediziners etwas mehr zu eigen gemacht und emotionslos von dem üppigen Leib der Bestseller-Vorlage alles visuell Unergiebige weggeschnitten hätte.

insgesamt 6 Beiträge
Marc Anton 11.10.2018
1.
Mal ein ehrlich gutgemeinter Hinweis an alle ambitionierten Drehbuchautoren und Produzenten: Man kann Fitzek nicht verfilmen bzw. in gängige Filmformate pressen. Das spricht nicht gegen Drehbuchautoren sondern für Fitzek. [...]
Mal ein ehrlich gutgemeinter Hinweis an alle ambitionierten Drehbuchautoren und Produzenten: Man kann Fitzek nicht verfilmen bzw. in gängige Filmformate pressen. Das spricht nicht gegen Drehbuchautoren sondern für Fitzek. Es geht nicht, ging bisher nicht und wird auch nix. Hört auf, diese Werke zu verhunzen. Schade ums Geld. Lest die Bücher und fertig.
Das dazu 11.10.2018
2. Gestern erst eine seltsame Filmkritik
und heute das hier. Was will uns der SPON Autor sagen mit: "Er will kein Kunstwerk sein, er will vor allem funktionieren. Doch dieses Bekenntnis blendet aus, dass gerade das Populäre in jedem Medium eine andere Ausprägung [...]
und heute das hier. Was will uns der SPON Autor sagen mit: "Er will kein Kunstwerk sein, er will vor allem funktionieren. Doch dieses Bekenntnis blendet aus, dass gerade das Populäre in jedem Medium eine andere Ausprägung annehmen muss." und "In diesem Widerspruch zwischen dem romanhaften Prinzip der eskalierenden Theoriebildung und dem filmischen Prinzip der sinnlichen Intensität wird Alvarts Film zunehmend aufgerieben"? Hallo? Wenn ich einen Film sehe, möchte ich unterhalten werden, kein Kunststudium diskutieren. Im Teaser heißt es, ein Film für alle, die spannendes deutsches Genre Kino mit Starbesetzung sehen wollen. Also, was nun? SPON sollte wirklich mal überlegen, was und wer hier alles veröffentlichen darf. Das alles ergibt mittlerweile keinen Sinn mehr, für mich ist der Spiegel insgesamt sehr infantil geworden. Und dafür, dachte ich, wäre Bento gestartet worden. Aber offenbar ist Bento Kindergarten und SPON mittlerweile Grundschule.
selbständigdenkender 11.10.2018
3. Ich weiß nicht was
Herr Schwarz von einem guten Krimi erwartet. Aber einen Film, wie er ihn sich laut seiner Rezension erwünscht, möchte ich nicht sehen. Es darf für mich durchaus spannende Unterhaltung sein. Fizeks Romane sind auch keine [...]
Herr Schwarz von einem guten Krimi erwartet. Aber einen Film, wie er ihn sich laut seiner Rezension erwünscht, möchte ich nicht sehen. Es darf für mich durchaus spannende Unterhaltung sein. Fizeks Romane sind auch keine Kunstwerke, sondern spannende Literatur. Im Gegensatz zur Schwarz-Rezension habe ich heute im Radio drei verschiedene, sehr positive Einschätzungen dieses Films gehört. Diese waren vor allem schon inhaltlich deutlich besser verständlich als der hier veröffentlichte Beitrag. Quo vadis SPON??
zorngibel 11.10.2018
4. Erheiternd
... ich habe verschiedene Fitzeks versucht - und jeweils nur mit Müh und Not bis zum Ende durchgehalten. Verquaste, bemüht und unglaubhaft konstruierte Geschichten mit blutleeren Protagonisten, dazu mehr schlecht als recht [...]
... ich habe verschiedene Fitzeks versucht - und jeweils nur mit Müh und Not bis zum Ende durchgehalten. Verquaste, bemüht und unglaubhaft konstruierte Geschichten mit blutleeren Protagonisten, dazu mehr schlecht als recht geschrieben: besondere "Spannung" oder auch nur Lesefreude will sich da (bei mir jedenfalls) nicht einstellen. Na gut, ist halt Unterhaltungsliteratur, muss auch nicht jedem gefallen, sondern sich vor allem verkaufen. Erheiternd jedoch, dass die Verfilmung hier rezensiert wird, als hätte man es mit Schlöndorffs Blechtrommel zu tun ...
jdlaw 14.10.2018
5. Keine Ahnung.
Der Autor hat schlichtweg keine Ahnung oder den Film nicht gesehen. Ein Seziermesser zum Entfernen aller überflüssigen und gekünstelten Worte wäre hilfreich für diesen Beitrag. Viel übrig bliebe nicht. Der Film vermittelt [...]
Der Autor hat schlichtweg keine Ahnung oder den Film nicht gesehen. Ein Seziermesser zum Entfernen aller überflüssigen und gekünstelten Worte wäre hilfreich für diesen Beitrag. Viel übrig bliebe nicht. Der Film vermittelt sehr gut das, was Fitzek in seinem Buch schreibt und was dies beim Leser auslöst. Der Beitrag hier ist aufgesetzte Wichtigtuerei von jemandem, der ohnehin mit solchen Büchern nichts anfangen kann. Kategorie „unnötige Zeitverschwendung“.
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