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Kultur

Mutter-Sohn-Drama "Frühes Versprechen"

Und ewig kreist die Satellitenmutter

Die Ehre, die Mutter und Frankreich - dafür lohne sich der Kampf, lernte Romain Gary als Kind. Sein Roman darüber, "Frühes Versprechen", wurde nun neu verfilmt - leider arg konventionell.

Foto: Camino Filmverleih
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Donnerstag, 07.02.2019   17:56 Uhr

Eines der Wunder, das die Kinoleinwand vollbringt, ist, wie sie mit Gesichtern Erinnerungen heraufbeschwört. Da ist Charlotte Gainsbourg zu sehen - als Mutter, von Krankheit gezeichnet, humpelnd, kettenrauchend. Und doch scheint das Teenagermädchen auf, das sie in den Achtzigern war, das sie in den Filmen von Claude Miller spielte - "Das freche Mädchen", "Die kleine Diebin".

Aber auf eine etwas verdrehte Weise ergibt das sogar Sinn für Gainsbourgs Rolle in "Frühes Versprechen". Denn Nina, die aus Russland geflüchtete Frau, die Schauspielerin werden wollte und sich nun in Wilna, der in den Zwanzigerjahren ostpolnischen Stadt, als Hutverkäuferin durchschlägt, diese Nina stellt sich das Leben ihres Sohnes auf eine Weise vor, wie sonst Kinder, wie Teenager ihr eigenes, zukünftiges Leben imaginieren.

Er werde einmal französischer Botschafter werden, sagt sie dem kleinen Roman. Er werde ein berühmter Schriftsteller sein. Er werde sich in London einkleiden. Der Junge (großäugig von Pawel Puchalski gespielt) schaut sie an und glaubt ihr, wie Neunjährige ihrer Mutter glauben. Später kommt er von einer Prügelei nach Hause, Nina schimpft mit ihm und bläut ihm ein: Nur für die Ehre, für seine Mutter und für Frankreich dürfe er sich schlagen.

"Klapperdiklapper" macht die Schreibmaschine

Der Junge, dessen Leben diesem Dreigestirn der Werte folgen soll, nennt sich später Romain Gary, er wird Diplomat für den französischen Staat und einer der berühmtesten Schriftsteller des Landes. "Frühes Versprechen" ist der deutsche Titel des autobiografischen Romans, den er 1960 im Original als "La Promesse de l'aube" veröffentlichte. (Als "Erste Liebe - letzte Liebe" war er damals auch in der Bundesrepublik Deutschland ein Bestseller.) 1970 gab es bereits eine erste Verfilmung, nun also die neue Filmversion, inszeniert von Eric Barbier.


"Frühes Versprechen"
Frankreich 2017
Regie: Eric Barbier
Drehbuch: Eric Barbier und Marie Eynard nach dem Roman von Romain Gary
Mit: Pierre Niney, Charlotte Gainsbourg, Didier Bourdon, Jean-Pierre Darroussin, Finnegan Oldfield
Produktion: Jerico, Pathé, TF1 Films Production, Nexus Factory, Umedia, Lorette Cinéma
Verleih: Camino Filmverleih
Länge: 131 Minuten
FSK: 6 Jahre
Kinostart: 7. Februar 2019


Um zu zeigen, dass es sich hier um eine Romanverfilmung handelt, hat sich Barbier eine etwas hanebüchene Rahmenhandlung, die auf dem Mexikanischen Totenfest spielt, dazugedacht. Immerhin etabliert er so auch die Off-Erzählerstimme, die einige Formulierungen von Romain Gary beisteuert, auf die zu verzichten schade gewesen wäre. Weniger subtil hingegen ist, wie ins Bild gebracht wird, dass hier das Leben eines Schriftstellers erzählt wird: "Krrz Krrz" macht der Füllfederhalter auf dem Papier, "Klapperdiklapper" tönt die Schreibmaschine.

Aber das Literarische interessiert Regisseur Barbier nur am Rande. Er konzentriert sich auf die Beziehung zwischen Mutter und Sohn - was zum einen durchaus im Sinne Romain Garys ist, der seinen Roman auch als Liebeserklärung an die Mutter verstand. Zum anderen aber ist es möglich, diese Beziehung geradlinig zu erzählen, in einer Abfolge von durchaus spektakulär gedachten Szenen, gedreht in Ungarn, Marokko, Belgien, Italien und Südfrankreich.

Fotostrecke

Romanverfilmung "Frühes Versprechen": Große Erwartungen, kleine Tricks

Ein frühes Highlight ist dabei die turbulente Inszenierung, mit der Mutter Nina der besseren Gesellschaft von Wilna weismachen will, dass sie Mode aus Paris importiert und einen alten Schauspielerkollegen den Couturier geben lässt. Hier wird das Ausmaß der Frankreich-Obsession der russischen Jüdin offenbar, das sie und ihren Sohn Ende der Zwanzigerjahre nach Nizza führen wird.

Üppige Ausstattung, banale Bilder

Dort beginnt die Phase, in der sich der Sohn Romain an die Erfüllung der mütterlichen Träume macht. Wenn man heutzutage bei Müttern und Vätern, die jede Kleinigkeit im Leben ihrer Kinder aus nächster Nähe begutachten, von Helikoptereltern spricht - dann kreist Nina über Romains Leben wie ein Wettersatellit. Meist weit weg, oft unbemerkt, entgeht ihr doch nichts.

Charlotte Gainsbourg wurde zurecht für den französischen Filmpreis César nominiert: Wie sie die schwerkranke Mutter spielt, im Original mit nicht verschwinden wollendem Akzent und immer stockenderem Gang, gibt dem psychologischen Dilemma zwischen Liebe und Zwang das nötige Gewicht.

Im Video: Der Trailer zu "Frühes Versprechen"

Foto: Camino

Doch Eric Barbier, zuvor in Frankreich vor allem als Krimiregisseur aufgefallen, verliert diesen Kern seiner Geschichte immer mehr aus dem Blick. Es kommt der Krieg, Romain wird Flieger, schließt sich dem französischen Widerstand an, überlebt den Typhus, überlebt einen Abschuss, ja, überlebt auch seine Mutter. Die Ausstattung wird immer üppiger, die Bilder immer banaler, so dass am Ende ein überlanges Stück sehr konventionelles europäisches Erzählkino herauskommt.

Der Lebenslauf von Romain Gary steckt voller Täuschungsmanöver, Identitätsverwandlungen, voller Glamour und Volten. Er gäbe ein großes Biopic her. Allerdings bräuchte man dafür mehr Einfälle, dürfte man sich nicht so sehr auf die Kulissen verlassen.

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