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Kultur

"Guardians of the Galaxy Vol. 2"

Ooga-chaka, Ooga-chaka, Uaaaärgh!

Zu viel des Guten: Das Anti-Superhelden-Spektakel "Guardians of the Galaxy Vol. 2" überreizt das Erfolgsrezept des ersten Teils der Marvel-Reihe bis zur Übelkeit. Da hilft auch kein niedliches Baby Groot.

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Mittwoch, 26.04.2017   10:37 Uhr

Und Action. Bereits die sogenannte Credits-Sequenz, die Eröffnungs-Szene also, über die Titel, Cast und Regisseur eingeblendet werden, will überwältigen: Die Superantihelden namens "Guardians of the Galaxy" bekämpfen auf einer Plattform, die aussieht wie ein riesiger Präsentierteller, ein amorphes, tentakelschwingendes Mega-Monster - allerdings zumeist unscharf, betont beiläufig oder komplett im Hintergrund.

Die Kamera folgt, natürlich ganz ohne Schnitte, wie es sich im modernen Hightech-Kino gehört, lieber dem kleinen Bäumchen Baby Groot, das selbstvergessen versucht, in all dem Tohuwabohu um ihn herum ein Tänzchen zu ELOs Siebzigerjahre-Schmankerl "Mr. Blue Sky" zu wagen. Schon klar, was hier demonstriert werden soll: Das große, bedeutungsdröhnende Blockbuster-Getöse überlässt man lieber anderen Marvel-Schwergewichten wie den "Avengers" oder "Thor"; hier rückt das Nebensächliche, manchmal auch das Geschmacklose in den Vordergrund. Ein animiertes kleines Ästchen mit niedlichen großen Kulleraugen tanzt zu Rockmusik aus der Mottenkiste des Auskenner-Camps - umwerfend, oder?

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"Guardians of the Galaxy Vol. 2": Der Awesome-Effekt

Umwerfend war dieser Ansatz vor allem vor drei Jahren, als Marvel Studios mit dem ersten Teil der auf drei Folgen ausgelegten "Guardians of the Galaxy"-Reihe für dringend nötige Lockerheit im allzu eng und düster gewordenen Superhelden-Business sorgte. Das bunte, sehr unverschämte und ziemlich lustige Spektakel aus "Star Wars"-Hommage, Kitsch-Soundtrack und brachialer Albernheit, das sich der ehemalige Trashfilmer James Gunn ("Tromeo & Julia") für eine eher abseitige Truppe aus Marvels Comic-Universum ausgedacht hatte, war ein Überraschungs-Blockbuster. Und bewies, dass es in den millionenschweren, akribisch auf den Massen-Markt zugeschnittenen Helden-Vehikeln auch Platz für Anarchie und Clownerie gibt. "Deadpool" folgte.

Zu lang, zu viel, zu doll

Wie schwierig es ist, eine solche Publikums-Überrumpelung zu wiederholen, zeigt nun "Guardians of the Galaxy Vol. 2", der am Donnerstag im Kino anläuft. Der Kassenerfolg des wiederum von Regisseur Gunn inszenierten und verfassten Films dürfte gesichert sein, denn allein die Erwartungshaltung ist groß genug, um ein exorbitantes Startwochenende zu sichern und Marvel-Mutter Disney nach "Die Schöne und das Biest" den zweiten Mega-Blockbuster des Jahres zu garantieren. Während die Zahlen also höchstwahrscheinlich (auch dank Imax- und 3-D-Aufpreis) überboten werden können, bleibt der zweite Kino-Einsatz der "Guardians" jedoch weit hinter dem Original zurück, wenn es um Witz, Verve und Drive geht.

Das zeigt sich schon zu Beginn, beim drolligen Tänzchen mit Baby Groot: Es ist witzig, aber zu lang, zu viel, zu doll. Das nach dem Opfertod seines knorrigen Vorfahren in Teil eins nun nachsprießende Baumwesen hat auch hier nur einen zu jeder Gelegenheit piepsig modulierten Dialogsatz: "Ich bin Groot". Dank kindlicher Begriffsstutzigkeit hat er auch im weiteren Verlauf des Films einige der lustigsten Szenen, geht aber, wie jedes Kleinkind, gehörig auf die Nerven, je öfter die großen Glubscher des zarten Pflänzchens manipulativ auf den "Awww-Effekt" zielen.


"Guardians of the Galaxy Vol. 2"
USA 2016
Regie: James Gunn
Buch: James Gunn
Darsteller: Chris Pratt, Zoe Saldana, Dave Bautista, Kurt Russell, Michael Rooker, Karen Gillan, Pom Klementieff, Vin Diesel (Stimme), Bradley Cooper (Stimme), Elizabeth Debicki
Produktion: Marvel Studios
Verleih: Walt Disney
Länge: 136 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 27. April 2017


Wie Lachsalven-Trigger funktionieren auch die anderen "Guardians", eine bunt zusammengewürfelte Truppe aus Misfits und Draufgängern, die eine Reihe von Zufällen und reines Chaos zu einer intergalaktischen Antihelden-Truppe verschweißt hat: Die grünhäutige Amazone Gamora (Zoe Saldana) mag nicht tanzen und trägt ihre schlechte Laune spazieren, je vehementer sie von "Star-Lord" Peter Quill (Chris Pratt) mit bübisch-naivem Hillbilly-Charme hofiert wird. Wadenbeißerisch kommentiert wird das Ganze von dem zur Kampfmaschine genmanipulierten Waschbär Rocket (im Original von Bradley Cooper gesprochen), dessen Ruhezustand mit Tollwut treffend beschrieben wäre. Unterbrochen (und übertönt) werden seine Tiraden vom donnernden Gelächter des notorisch oberkörperfreien Glatzkopfs Drax (Ex-Wrestler Dave Bautista), dessen politisch unkorrekte Aussagen von ebenso entwaffnender Schlichtheit sind wie seine Qualitäten als Haudrauf.

Kinotrailer "Guardians of the Galaxy Vol. 2":

Aus den Zickigkeiten und Zoten dieser dysfunktionalen, multi-ethnischen Familie zog schon der erste Film einen Großteil seines Charmes; nun wurden einfach Lautstärke, Intensität und Wiederholungsrate der Space-Soap-Opera erhöht. Denn im Kern geht es in "Guardians of the Galaxy Vol. 2" noch einmal um eine Origin-Story. Das Geheimnis um die Herkunft des irdischen Waisenkinds wird gelüftet, und es kommt zum Showdown zwischen zwei gegensätzlichen Vaterfiguren: der Gottheit "Ego" (Kurt Russell), die in Wahrheit ein überdimensionales Gehirn mit einem ganzen Planeten drum herum ist - und dem blauhäutigen Weltraum-Hehler Yondu (erneut: Michael Rooker), der den kleinen Quill einst in Obhut nahm und versklavte.

Großspurig verschaukelt

Der eine will das ganze Universum, inklusive Erde, in einem größenwahnsinnigen Plan nach seinen Vorstellungen umformen, der andere kann lässig pfeifend tödliche Pfeile durch die Luft sausen lassen. Awesome! Aber wer von beiden hat wohl das gute Herz?

Einen Nebenschauplatz in dieser gegen Ende bestürzend rührseligen Vater-Sohn-Saga bildet der fortgesetzt erbitterte Konkurrenzkampf zwischen den beiden Thanos-Töchtern Gamora und Nebula (Karen Gillan), der nach viel Gegifte, verrenkten Techno-Gliedmaßen und dem Einsatz eines Gewehrs in Kühltruhengröße auf schwesterliche Katharsis und Solidarität hindeutet. Es gibt außerdem ein wonniges Wurfspiel mit Energiebällen, eine goldhäutige Top-Model-Rasse aus der Retorte, die keinen Sex kennt, aber gerne virtuell Krieg spielt, und einen Haufen hässlicher Space-Piraten, die es allesamt zu übertölpeln gilt - und einen absurden Kurzauftritt von Sylvester Stallone als "Ravagers"-Boss Stakar Ogord, der wohl erst im dritten Teil relevant wird.

Ohnehin bleibt nach rund zwei Stunden im bunt-dröhnenden "Guardians"-Gehirnwaschgang, der mit einem halben Dutzend der obligatorischen Teaser-Filmchen im Abspann selbst für Hardcore-Marvelianer zur Geduldsprobe wird, ein Katergefühl zurück - als sei man auf dem Weg zum großen Trilogie-Finale von einem buchstäblich mittelmäßigen Film großspurig verschaukelt worden.

Man hätte es ahnen können: "Hooked on a Feeling", der Song mit dem fröhlichen "Ooga-chaka, ooga-chaka"-Chor, der nach seinem penetranten Einsatz im ersten Teil zur Erkennungshymne der "Guardians of the Galaxy" wurde, war schon in den Siebzigern nur ein One-Hit-Wonder. In "Vol. 2" gibt's passenderweise Musik von Cheap Trick.

insgesamt 55 Beiträge
sven17 26.04.2017
1.
Bin jetzt einfach mal optimistisch und sage der Film wird gut werden. Karten sind schon vorgemerkt.
Bin jetzt einfach mal optimistisch und sage der Film wird gut werden. Karten sind schon vorgemerkt.
_gimli_ 26.04.2017
2.
Nachgeschaut bei Rotten Tomatoes, wo typischerweise sehr realistische Einschätzung von Filmen abgebildet ist: https://www.rottentomatoes.com/m/guardians_of_the_galaxy_vol_2 88% Zustimmung. Ich glaube, da liegt der [...]
Nachgeschaut bei Rotten Tomatoes, wo typischerweise sehr realistische Einschätzung von Filmen abgebildet ist: https://www.rottentomatoes.com/m/guardians_of_the_galaxy_vol_2 88% Zustimmung. Ich glaube, da liegt der Spiegel-Film-Rezensent (mal wieder) mit seinem Geschmack entgegen dem Mainstream.
bejaflor 26.04.2017
3. Sequel Dilletanten
Tja, die Traummaschine beweist es immer wieder. Gute Sequels kann sie - in der Regel - nicht. Alles muss bombastischer, größer, witzischer sein, die Story bleibt in der Regel auf der Strecke - in der Regel auch der gute Witz. [...]
Tja, die Traummaschine beweist es immer wieder. Gute Sequels kann sie - in der Regel - nicht. Alles muss bombastischer, größer, witzischer sein, die Story bleibt in der Regel auf der Strecke - in der Regel auch der gute Witz. Ich frage mich immer wieder, warum diese Leute nicht aus ihren Fehlern lernen. Vielleicht einfach zu viel Koks - so einfach wie traurig.
pefete 26.04.2017
4. Ich habe
heute im MOMA die vorschau gesehen. Dafür soll ich Geld ausgeben?
heute im MOMA die vorschau gesehen. Dafür soll ich Geld ausgeben?
henson999 26.04.2017
5. Spoiler
Ein paar Spoiler lassen sich ja in so einem Text nicht vermeiden, aber muss man echt jede Überraschung breittreten?
Ein paar Spoiler lassen sich ja in so einem Text nicht vermeiden, aber muss man echt jede Überraschung breittreten?
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