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Kultur

"Hostiles" mit Christian Bale

Wider den Mythos vom wilden Westen

Sie bekämpften sich bis aufs Blut. Nun soll der weiße Soldat einem todkranken Häuptling das letzte Geleit erweisen: "Feinde - Hostiles" erzählt von Versöhnung in einer Welt voller Gewalt.

Universum
Von
Mittwoch, 30.05.2018   16:08 Uhr

"Die amerikanische Seele ist in ihrer Essenz hart, isoliert, stoisch und mörderisch. Sie ist bisher noch niemals aufgetaut." Diese Sätze des britischen Schriftstellers D.H. Lawrence hat Regisseur Scott Cooper seinem Western "Hostiles" voranstellt. Es wird nicht lange dauern, bis der Film eindrücklich illustriert, was damit gemeint ist.

In der ersten Sequenz wird eine weiße Familie von Komantschen geradezu geschlachtet - der Vater skalpiert, die beiden jungen Mädchen erschossen, die Mutter flieht mit ihrem toten Säugling im Arm. In der zweiten drangsalieren Soldaten der Kavallerie eine Familie von Cheyenne und werfen sie in ein vergittertes Verlies, in dem schon Hunderte anderer Indianer vor sich hin vegetieren. Weiße und Ureinwohner schenken sich nichts in "Hostiles", zu Deutsch "Feinde".

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"Feinde - Hostiles" mit Christian Bale: Ritt in eine andere Zukunft

Wilder Westen? Mit derlei Niedlichkeiten räumt dieser Film gründlich auf. Von der verklärten frontier, Gründungsmythos der USA und Schauplatz so vieler klassischer Western, lässt Cooper ("Black Mass") fast nichts übrig. Bei ihm reiten keine Helden in den Sonnenuntergang, sondern es stolpern Menschen mit von Gewalt verstümmelten Seelen durch die Prärie. Gleichzeitig aber weidet er sich nicht am Blutvergießen, sondern lässt Raum für Gefühle.

Die Geschichte setzt 1892 ein und erzählt von Joseph Blocker (Christian Bale), Captain der U.S. Army, Veteran der "Indianerkriege", die zwei Jahre zuvor mit dem Massaker von Wounded Knee für die Einwanderer siegreich zu Ende gegangen waren. Blocker hasst die Indianer, viele seiner Kameraden sind damals gefallen. Dennoch wird ausgerechnet er für eine heikle Mission ausgewählt: Er soll den todkranken Cheyenne-Häuptling Yellow Hawk (Wes Studi) und seine Familie in das angestammte Territorium seines Stammes führen, wo er laut Anordnung des US-Präsidenten in Ruhe sterben darf.

Kreislauf der Gewalt

Unterwegs trifft der Trupp auf die verstörte Siedlerin Rosalie (Rosamund Pike), die bei dem eingangs beschriebenen Überfall ihre gesamte Familie verlor. Blocker nimmt die Frau mit. Die Situation spitzt sich zu: Immer noch sind angriffslustige Komantschen in der Nähe, und bei einem Zwischenstopp bekommt Blocker den zusätzlichen Auftrag, auch noch einen wegen Kriegsverbrechen angeklagten Soldaten (Ben Foster) bei seiner Gerichtsverhandlung in der nächsten großen Stadt abzuliefern.

Natürlich kommt es tatsächlich zu diversen bewaffneten Auseinandersetzungen, die Cooper blutig und brutal inszeniert. Es bleibt aber nicht beim Kampf zwischen Weißen und Native Americans, auch die Weißen untereinander bekämpfen sich verbittert. Der Kreislauf der Gewalt hat kein Ende. Stellenweise erinnert "Hostiles" an Cormac McCarthys erschütternden Roman "Die Abendröte im Westen", der den Westen zum Schauplatz schrecklichster Grausamkeiten, zum Ort bar jeder Menschlichkeit machte.


"Feinde - Hostiles"
USA 2017
Regie:
Scott Cooper
Drehbuch: Scott Cooper, Donald E. Stewart
Darsteller: Rosamund Pike, Christian Bale, Wes Studi
Produktion: Le Grisbi Productions, Waypoint Entertainment
Verleih: Universum
Länge: 134 Minuten
FSK: ab 16 Jahren
Start: 31. Mai 2018


Aber Coopers Film hat auch eine andere Seite: Im Gegensatz zu Lawrences Diktum sind seine Figuren alles andere als stoisch. Sie sprechen über ihre Erfahrungen, sie zeigen ihren Schmerz. In einer sehr langen Sequenz begräbt Rosalie ihre Familie; sie und der ihr gegenüber äußerst höfliche Blocker sprechen später über Verlust und Glaube. In einer anderen Szene nimmt Blocker von einem verletzten Kameraden Abschied, beide zutiefst gerührt.

Diese Männer töten nicht nur, sie berichten auch von den Verheerungen, die der Krieg mit sich bringt. Und sie öffnen sich für die Erfahrungen anderer: Im Lauf der Reise kommen sich Blocker und Yellow Hawk näher und werden gewahr, dass der ewige Kampf ihnen einen Teil ihrer Seele genommen hat. Bevor sich ein Kamerad Blockers tötet, hängt er sich ein Schild um den Hals: "Wie wir euch Ureinwohner behandelt haben, ist unverzeihlich. Habt Erbarmen mit uns." Das ist zweifellos etwas dick aufgetragen.

Die Traumata führen in die Gegenwart

Cooper legt "Hostiles" als Hommage an John Fords Kavallerie-Trilogie an, besonders an sein elegisch-melancholisches Meisterwerk "Bis zum letzten Mann" von 1948. Ford arbeitete noch an der Errichtung von Heldenbildern, an die er nach seinen Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg selbst nicht glaubte. Trotzdem war er überzeugt davon, seine junge Nation brauche Legenden - und tatsächlich gehören seine Filme um harte, stoische Männer bis heute zum kulturellen Kanon und Selbstverständnis der USA.

Cooper hingegen inszeniert gegen diesen Gründungsmythos an. Für ihn führen die Traumata von damals direkt in die Gegenwart mit ihren laxen Waffengesetzen und offenem und latentem Rassismus. Er lädt das Genre politisch auf, ohne es komplett zu dekonstruieren - wie zuletzt etwa die HBO-Serie "Westworld".

Der Western lebt, aber in die mythisch überhöhte Welt von früher wird er nie wieder zurückkehren können.

insgesamt 6 Beiträge
xcountzerox 30.05.2018
1. Sehr gut
Sehr gutes movie. Aktueller den je. Bale mal wieder herausragend. Manche Szenen regelrecht herzzerreißend.
Sehr gutes movie. Aktueller den je. Bale mal wieder herausragend. Manche Szenen regelrecht herzzerreißend.
cinkor 30.05.2018
2. Absolut sehenswert!
Hervorragende Schauspielkunst und kein bisschen Makeup um den Wilden Westen zu verschönern.
Hervorragende Schauspielkunst und kein bisschen Makeup um den Wilden Westen zu verschönern.
vantast64 30.05.2018
3. Freue mich immer, wenn die Indianer siegen,
leider weiß ich, daß letztlich der Strom unerwünschter Einwanderer nie abriß, da halfen auch keine Siege mehr, die Einwandererflut war unbegrenzt. Es wäre gut, wenn die Indianer die Weißen ausweisen würden, denn die [...]
leider weiß ich, daß letztlich der Strom unerwünschter Einwanderer nie abriß, da halfen auch keine Siege mehr, die Einwandererflut war unbegrenzt. Es wäre gut, wenn die Indianer die Weißen ausweisen würden, denn die haben alle keine Einwanderungserlaubnis, sie sind illegal im Land.
ruhepuls 30.05.2018
4. Tolle Idee
Es sind inzwischen ungefähr 300 Millionen "non native" Americans. Wo sollten die alle hin? In ihre Heimat? Dann kämen etwa 100 Millionen zu uns, denn die Deutschen waren eine der stärksten Einwanderungsgruppen... [...]
Zitat von vantast64leider weiß ich, daß letztlich der Strom unerwünschter Einwanderer nie abriß, da halfen auch keine Siege mehr, die Einwandererflut war unbegrenzt. Es wäre gut, wenn die Indianer die Weißen ausweisen würden, denn die haben alle keine Einwanderungserlaubnis, sie sind illegal im Land.
Es sind inzwischen ungefähr 300 Millionen "non native" Americans. Wo sollten die alle hin? In ihre Heimat? Dann kämen etwa 100 Millionen zu uns, denn die Deutschen waren eine der stärksten Einwanderungsgruppen... Na. dann Mal viel Spass!
Little_Nemo 31.05.2018
5. Die Suchenden
Interessanter Film, den ich mir auf jeden Fall ansehen werde. Beim Lesen des Artikels musste ich an John Fords Klassiker "The Searchers" denken, der in Deutschland seltsamerweise als "Der schwarze Falke" [...]
Interessanter Film, den ich mir auf jeden Fall ansehen werde. Beim Lesen des Artikels musste ich an John Fords Klassiker "The Searchers" denken, der in Deutschland seltsamerweise als "Der schwarze Falke" bekannt ist, was der Name des Komantschenhäuptlings ist, den die Protagonisten jagen, der im Original allerdings vielsagend "Scars" (Narben) heißt. John Wayne spielt in diesem Film einen sehr ambivalenten Charakter. Auf der einen Seite ist er der stets überlegene, dominante Held, wie man ihn kennt. Ganz der Duke. Auf der anderen aber ist er auch ein vom Hass zerfressener, manischer Rassist mit Anklängen von Sadismus. Und das Ende des Films drängt die Lesart auf, dass für solche Menschen kein Platz mehr in der Welt, dass ihre Zeit abgelaufen sei. Ähnlich ambivalente Charaktere präsentierte Ford ja auch z.B. in "The Man who shot Liberty Valance", in dem Wayne einen raubeinigen Mann vom alten Schlage spielt, der sich tatsächlich noch einen schwarzen Boy (Woody Strode) hält und das Gesetz gern in die eigene Hand nimmt. James Steward hingegen ist Ransom Stoddard, ein Anwalt und Stutzer aus dem Osten, der stur und zutiefst moralisch motiviert das Gesetz in den Wilden Westen bringt. Am Ende zeigt sich, dass es gerade der einfache Mann Tom Donovan (Wayne) war, der das Gesetz im Westen durchgesetzt hat, weil er dessen Richtigkeit, dank Stoddard, eingesehen hat, wohingegen Stoddard selbst am Schluss als moralisch zwiespältige und vom politischen Betrieb korrumpierte Figur dasteht. Ford hat ohne Zweifel in vielen seiner Filme Heldenmythen gestrickt bis zum Erbrechen. Ich habe ihn deshalb auch schon mal als amerikanische Leni Riefenstahl bezeichnet. Aber er konnte eben auch wesentlich differenzierter und tiefgründiger.

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